Der Austausch von Informationen und Wissen auf der einen und zwischenmenschliche Kontakte und Interaktionen auf der anderen Seite, das sind die wichtigsten Ingredienzien der immateriellen Arbeit. So erklärt sie zumindest Michael Hardt, Mitautor des gesellschaftstheoretischen Bestsellers Empire, im Sammelband von Thomas Atzert und Jost Müller. Hardt beschreibt die immaterielle Arbeit als zentrales Merkmal gegenwärtiger ökonomischer Verhältnisse, und zwar sowohl in Bezug auf die industrielle Produktion als auch für die Herstellung und Handhabung von Affekten. Das hat bekanntlich für Diskussionen gesorgt, von denen das Kompendium von Artzert/Müller einen vielfältigen und vor allem engagierten Ausschnitt repräsentiert. Wird hier schon, von Judith Revel beispielsweise, auf feministische Forschungen Bezug genommen, in denen die ambivalente Zuschreibung der soft skill- Expertise an Frauen thematisiert wurde, nimmt Eva Illouz feministische Geschichte in anderer Form auf: Sie kritisiert feministische Forderungen, wie etwa diejenige nach Selbstverwirklichung, als zum Teil mitverantwortlich für die Entstehung eines kapitalistisch ausbeutbaren, emotionalen Feldes. Mehr geschult an den Theorien Freuds und Bourdieus als am Postoperaismus, hofft Illouz letztlich aber doch auf die schon vom Erfinder der Psychoanalyse entdeckte Funktion der Emotionen, nämlich deren „unsichtbare, gleichwohl einflussreiche Rolle beim Stören von Klassenhierarchien.“
Um die Frage, wie sich die flach gewordenen Hierarchien gegenwärtiger Arbeitsverhältnisse in gebaute Formen umsetzen, dreht sich der aufwändig gestaltete, von Gabu Heindl herausgegebene Band. Die Aufsätze stecken dabei ein recht weites Feld zwischen urbanistischen, bildwissenschaftlichen, kinotheoretischen und sozioökonomischen Überlegungen ab. Grundlage für diesen Ansätze-Mix ist die auch in diesem Buch geteilte Diagnose, dass gegenwärtig Empfindungen und Sozialbeziehungen „direkt in die Wertschöpfung integriert“ sind. Das macht laut Heindl den Postfordismus aus. Diesen Charakter der Wertschöpfung nehmen auch Brigitta Kuster und Renate Lorenz zum Ausgangspunkt ihres Buches. In einer ziemlich außergewöhnlichen Mischung aus soziologischen und historischen Essays, Gesprächen und migrationstheoretischen Überlegungen umkreisen die Autorinnen neue Formen gesellschaftlicher Praktiken, die sie „sexuelle Arbeit“ nennen. Diese beschreiben sie zwischen prekarisierter Hotelarbeit und queeren Repräsentationsstrategien als Praxis, „bei der es um Macht, Anerkennung/Drohung und Produktivität zugleich geht.“
Die Gruppe Blauer Montag hingegen ist hinsichtlich der Rede von immaterieller Arbeit ohnehin sehr skeptisch. Der Postfordismus sei keineswegs flächendeckend durchgesetzt und vor allem nicht ohne Brüche denkbar: Die Abschaffung der Zeiterfassung gehe durchaus mit einer „Re-Aktualisierung fordistischer Herrschaftstechniken“ wie der Verschärfung von Kontrollmechanismen einher. Stets an politischer Praxis orientiert, bieten die über die letzten fünfzehn Jahre gesammelten Beiträge der Gruppe einen guten Einblick in die linksradikalen Debatten um die Arbeit zwischen Produktivitätszwang und Prekarisierung.
Jens Kastner ist Kunsthistoriker und Soziologe und lebt in Wien. Zuletzt erschien von ihm Die ästhetische Disposition. Eine Einführung in die Kunsttheorie Pierre Bourdieus, Wien 2009 (Verlag Turia + Kant).
Thomas Atzert und Jost Müller (Hg.): Immaterielle Arbeit und imperiale Souveränität. Analysen und Diskussionen zu Empire, Münster 2004 (VerlagWestfälisches Dampfboot).
Gruppe Blauer Montag: Risse im Putz. Autonomie, Prekarisierung und autoritärerSozialstaat, Hamburg 2008 (Assoziation A).
Gabu Heindl (Hg.): Arbeit Zeit Raum. Bilder und Bauten der Arbeit im Postfordismus, Wien 2008 (Verlag Turia + Kant).
Eva Illouz: Gefühle in Zeiten des Kapitalismus, Frankfurt a. M. 2007 (Suhrkamp Verlag).
Brigitta Kuster und Renate Lorenz: Sexuell Arbeiten. Eine queere Perspektive auf Arbeit und prekäres Leben, Berlin 2007 (b_books).