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Dekolonisierung und die Herausforderungen Feministisch-Postkolonialer Theorie

María do Mar Castro Varela

und Nikita Dhawan

Kernstück kolonialer Diskurse ist zweifelsohne die Politik der Repräsentation. Es geht innerhalb postkolonialer Theorie insofern nicht nur um die Frage, über was gesprochen wird, sondern auch um die Frage, wer für wen spricht. Die Repräsentation dient als operativer Begriff innerhalb politischer Prozesse, die die Sichtbarkeit und Legitimität von Frauen – hier insbesondere von „subalternen Frauen“ – als politische Subjekte zu erreichen trachtet. In ihrem viel beachteten Essay Can the subaltern speak?[1] (1994 [1988]) thematisiert Spivak die unverzichtbare Rolle der (weiblichen) Intellektuellen bei der Sichtbarmachung der Perspektiven jener, die sich nicht selbst repräsentieren können. Spivak untersucht die Beziehung zwischen den zwei Bedeutungen, die das Wort Repräsentation in sich bindet: einerseits Vertretung (Sprechen für) und andererseits Darstellung (Sprechen von). Dabei thematisiert sie die Rolle der Ideologie in der Interessenskonstitution. Spivak betont, dass Repräsentation ein Sprechakt ist und somit zwangsläufig sowohl ein_e Sprecher_in wie auch ein_e Zuhörer_in involviert ist. Deshalb muss der Versuch subalterner Frauen, sich selbst zu repräsentieren, zwangsläufig scheitern, genügt sie doch nicht den institutionalisierten Repräsentationsstrukturen. Spivaks Analysen deuten auf die genderspezifischen Leerstellen postkolonialer Theoriebildung hin und stellen sowohl eine Kritik am imperialistischen als auch am indigenen Patriarchat dar. Ihre Aussage, dass die Subalternen nicht sprechen können, bedeutet deswegen aber keineswegs, dass die weiblichen Subalternen über keine Handlungsmacht verfügen, sondern dass das Zuhören hegemonial strukturiert ist.

Reproduktive Heteronormativität und Post-Kolonialismus

Neben den Fragen zu Genderdynamiken im Post-Kolonialismus und der Stellung derselben innerhalb postkolonialer Analysen beschäftigt sich ein feministischer Postkolonialismus auch mit Fragen post-kolonialer Sexualitätsdynamiken und deren Verknüpfungen zu Gender. Die starke Rezeption queerer Theorien innerhalb des westlich-kritischen Diskurses konnte nicht ohne Effekte auf die postkoloniale Theorie bleiben, obwohl es lange Zeit so aussah, als würden diese ohne gegenseitigen Einfluss nebeneinander fortbestehen. Der von John C. Hawley herausgegebene Band Postcolonial Queer (2001) versucht erstmals, die theoretischen Überschneidungen dieser unterschiedlichen Perspektivierungen freizulegen. Deutlich werden dabei die jeweiligen Lücken in der Theoriebildung: Während die postkoloniale Theorie sich nur selten mit Fragen der Sexualität und des Begehrens im Prozess der Kolonisierung und Dekolonisierung auseinandergesetzt hat, zeigte sich die Queer Theory lange Zeit ebenso unbeeindruckt von postkolonialen Fragestellungen.

Dabei ist das Verwobensein rassistischer Diskurse mit den Diskursen um „deviante Sexualitätspraxen“ in kolonialen Diskursen evident. Kolonien waren, wie Anne McClintock (1995, 22) pointiert bemerkt, „porno-tropics” für die europäische Imagination: Verbotene sexuelle Fantasien und auch Ängste konnten aufgrund der imperialistischen Expansion auf die „Tropen“ verlegt und ausgelebt werden. So wundert es nicht, dass nicht-europäische Frauen und Männer den Kolonialmächten als sexuell unersättlich, unkontrollierbar und deviant galten. Es wurde von diesen u.a. behauptet, dass sie zu gleichgeschlechtlichen Beziehungen neigten (vgl. Castro Varela/Dhawan 2005). Insbesondere Haremsgeschichten dienten der Evozierung von Fantasien lesbischen Begehrens. Erzählungen und Bilder unterstützten dabei durchaus auch die Normierung der „richtigen Sexualpraxis“. Die Kolonien wurden geradewegs als Brutstätten sexueller Devianz bestimmt, die einer gründlichen zivilisatorischen Reinigung bedurften.

Sowohl die Kolonialmächte als auch seine Antagonisten, die nach-kolonialen Nationen, zeigten sich als heteronormative Projekte, die auf einer maskulinen Bedeutungsökonomie beruhen (Sinha 1995). Die einfache Annahme der Heterosexualität des postkolonialen weiblichen Subjekts hat die Sichtbarmachung queerer Subjektivitäten geradezu verhindert. Damit wurde eine wichtige Chance vertan, um das „heteronormative nationalistische Projekt“ herauszufordern.

Post-Kolonialismus jenseits der Reduktion auf kulturelle Fragen

Nicht selten verharren postkoloniale Studien auf der Ebene von „kulturellen Fragen“, die sich der Repräsentationspolitik und der Symbolik von Bezeichnungen widmen. Manches Mal wird, ins - besondere in der deutschsprachigen Rezeption, postkoloniale Theorie gar als Ersatz für kritische Migrationsforschung oder die Intersektionalitätsperspektive betrachtet (kritisch hierzu Castro Varela/Dhawan 2009). Dies ist insofern problematisch, als die wichtigen ökonomischen Fragen, die die gewaltförmigen materiellen Verhältnisse bestimmen, ausgeblendet werden.

Die von Europa ausgehende gewaltsame Integration ehemaliger Kolonien in das kapitalistische System und die imperialistischen Kontinuitäten der gegenwärtigen internationalen Arbeitsteilung, die mit einer geschlechtsspezifischen Aufteilung des internationalen Arbeitsmarktes einhergehen, sichern dem globalen Norden nach wie vor Wohlstand auf Kosten der sogenannten „Dritten Welt“, deren Arbeitskräfte und Ressourcen sich der globale Norden parasitär bedient (etwa Mies 1996, 141f.).

Galt die Schwarze Frau als Rückgrat der Plantagenökonomien, sind es heute Frauen des globalen Südens, die die Ärmsten der Armen der postkolonialen Welt stellen. Swasti Mitter (1986, 6) und viele andere haben herausgestellt, dass Rassenkonstruktionen und Genderdynamiken immer noch die Hauptprinzipien einer internationalen Arbeitsteilung sind, die eigentlich nur eine Verschiebung des territorialen Imperialismus des 19. Jahrhunderts darstellt. Im Zuge der Dekolonisierung und des anwachsenden multinationalen Kapitals werden nicht mehr (nur) Rohmaterialien in die Metropolen transferiert, sondern stattdessen billige Arbeits kräfte in den Peripherien genutzt, um die internationale Arbeitsteilung zu stabilisieren. Dabei ermöglichen insbesondere internationale Subkontrakte die extreme Niedrighaltung der Arbeitslöhne im globalen Süden. Die Strukturanpassungsprogramme (SAP) des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank forcierten die Öffnung postkolonialer Länder für ausländische Firmen und Investoren, so dass die Ökonomien sich am Export orien - tierten und sich gleichzeitig Freihandelszonen etablieren konnten, die als Symbol heutiger Überausbeutung von Arbeitskraft im globalen Süden gelten können (Ong 1987).

Der Einsatz weiblicher Arbeitskraft, die nicht gewerkschaftlich organisiert ist, bildet dabei die Hauptstütze für den gegenwärtigen Welthandel. „Dritte-Welt-Frauen“ werden auf vergeschlechtlichte und rassifizierte Weise in den Weltmarkt integriert. Es ist dies eine Struktur der Überausbeutung, die, wie Spivak (1999, 391) feststellt, über die Internalisierung patriarchaler Normen und Werte gesichert wird. Zwei Arenen, die unmittelbar auf Frauen des globalen Südens abzielen, sind „Heimarbeit als internationales Phänomen“ und „Biopolitiken im Namen von Bevölkerungskontrolle“. Darüber hinaus stehen ländliche und indigene Subalterne mehr und mehr im Fokus des Übereinkommens über handelsbezogene Aspekte der Rechte des geistigen Eigentums (TRIPS).[2] Mit Hilfe der geistigen Eigentumsrechte fördert das TRIPS-Abkommen die Biopiraterie – die private Aneignung von Leben (Pflanzen oder Tieren und ihren Bestandteilen oder Genen) und dem Wissen um seine Nutzung. Dies wiederum ermöglicht transnationalen Konzernen des globalen Nordens, Eigentumsrechte über natürliche Ressourcen des globalen Südens anzumelden. Dabei sind die weiblichen Subalternen im globalen Süden in besonderem Maße direkt von Biopiraterie betroffen (vgl. etwa Shiva 2001, 49ff.).

Die Überschneidung von Kolonialismus und Kapitalismus wird dabei wieder einmal im Namen von „Entwicklung“ verfolgt. So geht es darum, die arme ländliche Bevölkerung des globalen Südens unter die Kontrolle des Finanzkapitals zu bringen. Der Zugang zur globalen Telekommunikation und das Recht auf Mikrokredite werden hierfür gleichgesetzt mit dem politischen Empowerment von „Dritte-Welt-Frauen“, ohne dass dabei die infrastrukturellen Bedingungen berücksichtigt werden, die die ökonomische Verarmung ländlicher Frauen des globalen Südens (mit-)bedingen. Angesichts aktueller globaler Ungleichheiten erscheinen solcherlei „Entwicklungspolitiken“ geradezu zynisch. Die Rolle transnationaler Körperschaften der Europäischen Union (EU) in diesen „neuen“ Formen des Neokolonialismus ist kein Geheimnis: Um sich die Kontrolle über die Ressourcen sowie die Finanz- und Warenmärkte zu sichern, werden z.B. Bedingungen gesetzt, die die Entscheidung über Vergabe bzw. Nicht-Vergabe von Krediten oder die Gewährung von Schuldennachlässen beeinflussen und die EU übervorteilen.

Transnationale Solidarität und Dekolonisierungsprozesse

Feministische postkoloniale Theorie ist in der Lage, koloniale Kontinuitätslinien mit Blick auf Gender und Sexualität zu analy - sieren und sowohl die vertrackte Situation von Frauen, die im globalen Süden verortet sind, als auch von diasporischen Frauen transparent zu machen. Sie stellt mithin ein wichtiges politischtheoretisches Projekt dar, bei dem es u.a. darum geht, die historische Gewordenheit von genderspezifischen Positionierungen transparent zu machen, aber auch tragbare transnationale Widerstandsstrategien zu formulieren, die Dekolonisierungsprozesse vorantreiben.

Postkoloniale Theorie wendet sich insbesondere den Widersprüchen historischer Prozesse zu und analysiert sowohl Kolonisierung als auch Dekolonisierung als uneindeutig und komplex. Feministische postkoloniale Theorie weist darüber hinaus darauf hin, dass Imperialismus ohne eine Theorie der Gender-Regimes nicht verstanden werden kann, repräsentiert koloniale Herrschaft doch seit ihrem Entstehen ein gewalttätiges Zusammentreffen von westlichen und präkolonial existierenden patriarchalischen Hegemonien. Dies hatte u.a. die Überlagerung von diversen Machtregimes zur Folge, von denen unterschiedliche Akteur_innen in- und außerhalb der Kolonien profitierten. Kolonisierte Frauen waren in den meisten Fällen bereits vor einer kolonialen Herrschaft unterdrückt. Diese Tatsache gab ihrer kolonialen, sexuellen und ökonomischen Ausbeutung einen ganz anderen Charakter, als dies für die koloniale Unterjochung von Männern auszumachen ist. Sie mussten sich nicht nur mit den Ungleichheiten in Bezug zu ihren „eigenen Männern“ auseinandersetzen, sondern sich auch innerhalb der gewalttätigen Strukturen imperialer Herrschaftsverhältnisse positionieren – und zwar gegenüber den weißen europäischen Frauen und allen Männern.

Die Frage ist nun, wie eine im Westen lokalisierte feministische Theorie und Praxis in post-koloniale Verhältnisse intervenieren kann. Unerfreulicherweise ist die Rolle, die ein westlicher Femi nismus während des Kolonialismus und auch während der anhaltenden Dekolonisierung gespielt hat, keineswegs durchweg positiv, weswegen zuweilen von einem „imperialistischen Feminismus“ die Rede ist (etwa Amos/Parmar 1984), der bestehende Gewalt- und Herrschaftsverhältnisse reifiziert und nicht irritiert (hat). Von Seiten postkolonialer Feministinnen wird kritisiert, dass er den Eintritt der westlichen Frau in den Individualismus feiert, ohne zu bemerken, dass ein solcher Prozess nicht ohne einen expansiven Imperialismus möglich gewesen wäre. Die Emanzipation von Frauen im globalen Norden war gleichsam nur bei gleichzeitiger Produktion der „Anderen“ möglich. Und es war gerade die Gleichzeitigkeit dieser Prozesse, die es der europäischen Frau letztlich erlaubte, aus der Position der Autorität zu sprechen. Geschlechterdynamiken erwiesen sich als fundamental, um die imperialen Herrschaftsverhältnisse zu sichern, weswegen postkoloniale Studien, die sich „nur“ auf die Mechanismen des Rassismus konzentrieren, zwangsläufig verzerrte Vorstellungen des kolonialen Prozesses produzieren müssen.

Tatsächlich lässt sich feststellen, dass postkoloniale Regierungen, die nach Beendigung der Kolonialzeit die imperialen Herren ersetzt haben, überwiegend männlich sind, während in den meisten dieser Länder von einer zunehmenden „Feminisierung des Überlebens“ (Sassen 2004) gesprochen werden kann. Es ist dementsprechend nicht nur unmöglich, von einer gemeinsamen kolonialen Bedingung zu sprechen, auch die Erfahrung von Postkolonialität ist höchst genderspezifisch.

Feministische postkoloniale Theorie stellt u.E. eine Möglichkeit der kritischen Intervention dar, die allerdings beständig der konstruktiven Innenkritik bedarf, um eine notwendige Pluralisierung der Perspektiven zu ermöglichen. Eine naiv gedachte Solidarität ist aufgrund der verflochtenen Geschichten wie auch der anhaltenden epistemischen Gewalt ein risikoreiches Unterfangen, auch wenn Solidarität politische Notwendigkeit bleibt.


María do Mar Castro Varela, Psychologin, Pädagogin und promovierte Politologin, ist Professorin für Gender und Queer Studies an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

Nikita Dhawan, Germanistin und Philosophin, ist Juniorprofessorin für Gender/Postkoloniale Theorie an der Goethe-Universität Frankfurt a.M. Von beiden erscheint in Kürze Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung, Bielefeld (transcript Verlag), 2. vollst. überarb. Aufl.


Literatur

Castro Varela, María do Mar / Dhawan, Nikita: Spiel mit dem Feuer: Post/Kolonialismus und Heteronormativität. Femina Politica. 14. Jg. Heft 1, 2005, 47–59.

Castro Varela, María do Mar / Dhawan, Nikita: Mission Impossible: Postkoloniale Theorie im deutschsprachigen Raum?, in: Reuter, Julia / Villa, Paula- Irena (Hg.): Postkoloniale Soziologien. Bielefeld 2009, 239–260.

Hawley, John C. (Hg.): Postcolonial Queer. Theoretical Intersections. New York 2001.

McClintock, Anne: Imperial Leather: Race, Gender and Sexuality in the Colonial Contest. New York, London 1995.

Mies, Maria, Patriarchat und Kapital. Frauen in der internationalen Arbeitsteilung. Zürich 1996.

Mitter, Swasti: Common Fate, Common Bond: Women in the Global Economy. London 1986.

Ong, Aihwa: Spirits of Resistance and Capitalist Discipline: Factory Women in Malaysia. Albany 1987.

Sassen, Saskia: Counter-geographies of Globalization: Feminization of Survival. In: Saunders, Krimhild (Hg.): Feminist Post-Development Thought. Rethinking Modernity, Post-Colonialism and Representation. New Delhi 2004, 89–104.

Shiva, Vandana: Patents. Myth & Reality. New Delhi, 2001.

Sinha, Mrinalini: Colonial Masculinity: The “Manly Englishman” and the “Effeminate Bengali” in the Late Nineteenth Century. Manchester 1995.

Spivak, Gayatri Chakravorty: Can the Subaltern speak? In: Patrick Williams / Laura Chrisman (Hg.), Colonial Discourse and Post-Colonial Theory. Columbia 1994 [1988], 66–111.

Spivak, Gayatri Chakravorty: A Critique of Postcolonial Reason: Toward a History of the Vanishing Present. Calcutta 1999.


[1] Spivaks Verständnis vom Konzept subaltern basiert auf der Interpretation von Gramscis Begriff durch die „Subaltern Studies Group“.

[2] Vertragsstaaten des TRIPS-Abkommens sind alle Mitgliedstaaten der Welthandelsorganisation (WTO). Das Abkommen, welches die Eigentumsrechte – z.B. das Urherberrecht, Herkunftsbezeichnungen und Sortenschutzrechte für Pflanzen – schützt, setzt geistige Monopolrechte zur Förderung von Wissensgewinnung und Züchtung durch.