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Bastelanleitung für Glokalismen

Multikulturalität in der Popmusik

und ihre Vermittlung

Ruby Sircar

Globalisierte oder allumfassende Identitätskonzepte gibt es nicht, selbst wenn wir dies immer wieder als Stammtischplattitüden vermittelt bekommen. MTV, VH1 und all die anderen populären Musiksender, die sich für uns so um den Globus und in unser Bewusstsein seit 25 Jahren eingesponnen haben, gaukeln uns das nicht mal ansatzweise vor, wir nehmen es nur halbwissend an. Das haben wir doch schon alles gewusst? Natürlich. Und trotzdem scheint die Populärkultur, nicht nur in bewegten und vertonten Bildern, Gemeinsamkeiten zu vermitteln, soziale Gruppen, so genannte Communities, zu schaffen und ökonomische sowie emotionale Brücken über die engen gesellschaftlichen, materiellen, geschlechts- und altersspezifischen sowie ethnischen Grenzfaktoren zu bauen. Und: Was hat die transnationale Migration der letzten 40 Jahre dazu beigetragen, dass eine neue Nutzung der Populärkultur entstanden ist? Wie kann das Wissen um die daraus entstehenden sozialen Gruppen in pädagogische Vermittlungsstrategien und -konzepte einfließen?

Eine Antwort auf diese Fragen kann uns vielleicht der karibischbritische Musiker und Autor Linton Kwesi Johnson geben, wenn wir in das Soziogramm, das er in seiner Radioserie From Mento To Lover’s Rock (1984) aufzeichnete, hineinhören. Johnson sah schon im London der 1980er-Jahre die Popularisierung einer audiovisuellen Sprache entstehen. Er dokumentierte dies am Beispiel der jamaikanischen und westindischen Diaspora in Großbritannien. Wie der Ska der 1950er als revolutionäres Mittel schwarzer Musiker in die White-Power-Bewegung der Skinheads überging, oder wie Reggae und Ragga über Bob Marley und die Rastafaris Jamaikas in den Dancehalls und Dub Clubs des Inselkönigreichs landeten.

Wenn wir uns ansehen, wie Johnson das Massenmedium Radio zur Vermittlung und kulturellen Übersetzung zwischen der weißen Mehrheitskultur Großbritanniens in den 1980er-Jahren und verschiedenen ethnisch-kulturellen, migrationsbedingten Minderheiten nutzte, dann wird folgendes klar: Pädagogische Konzepte, die mit den populären Formaten arbeiten und in der Populärkultur das Selbstverständnis der großen Mehrheit erkennen, können auch selbst populäre Formate nutzen, um ihre Inhalte zu vermitteln.

Die Frage ist also, wie welche Musikrichtung zur Diskursbildung eingesetzt wird: Wenn also Punk- und Popmusik als Bildungsangebot an Schulen unterbreitet werden, dann stellt sich ganz klar die Frage: Wen erreiche ich damit? Wahrscheinlich eher die Kinder der weißen Mittelschicht als Jugendliche mit migrantischen Hintergründen. Welche Formate sind dagegen allgemeinverständlich? Vielleicht sind es die Stilmittel, siehe Ska- und Skinbewe gung oder Hip Hop. Obwohl der HipHop inzwischen längst die vorherrschende Rolle im Populärmusik- und Popkulturzirkus übernommen hat, sind die Ghettowurzeln der Stilrichtung doch prägendes Identitätsmerkmal, das auch von seinen KünstlerInnen genutzt wird. Eine Musik der scheinbaren Minderheiten. Als Beispiel kann hier der deutschsprachige Künstler Bushido gesehen werden, und als ethnisch bedingtes Modell die Musik der dänischen Gruppe Outlandish.

Was sind da die Unterschiede? Sie scheinen eine ähnlich große Öffentlichkeit anzusprechen und beide arbeiten in einem nichtdeutschen Umfeld. Aber: Bushido ist weniger ethnisch-konnotiert. Das ist es auch, was Murat Güngör im Interview der Süddeutschen Zeitung (2005) mit Bushido anmerkt: „Die Jugendlichen denken ja nicht mehr in Kategorien wie Links und Rechts. Für die ist es kein Widerspruch, Bushido zu hören und NPD zu wählen. Das Gefährliche an eurer Musik ist doch, dass Jugendliche plötzlich ganz selbstverständlich mit nationalistischen, sexistischen und extrem aggressiven Metaphern spielen.“ Beide Acts träumen nicht von Vernetzung. Sie machen Musik für ihre Communities (politisch oder ethnisch).

Der einzige Stil, der von Multikulturalität träumte, ist die exotisierende Musikrichtung Fusion und ihre Nachfolgerin, die Worldmusic. Stilrichtungen, die in den 1960er- und 1970er-Jahren durch das westliche Bildungsbürgertum in kolonialistischer Absicht geschaffen wurden, um nichtwestliche Musik, insbesondere Volksmusik, besser vermarkten zu können. Outlandish wie auch die Londoner Gruppe Fun’Da’Mental tragen zu regional-lokaler und ethnisch gebundener Identitätsbildung bei. Einerseits sind sie mit einem Fuß im so genannten Mainstream, andererseits werden ihre Musik- und die begleitenden Videoproduktionen oft von den Musiksendern aus dem Programm zensiert. Während der deutsche Rapper Fler mit der deutschen Flagge durch MTV flaniert, wurde die Videoversion des Fun’Da’Mental-Songs Dog Tribe, der sich um den allgegenwärtigen Rassismus in Großbritannien dreht, vom gleichen Sender ins Nachtprogramm verbannt.

Das Musikerkollektiv Asian Dub Foundation hat es bisher geschafft, die Erwartungen der Mainstream-Industrie einerseits zu erfüllen und andererseits Aufbauarbeit für eine Gruppenidentität zu leisten. Sie umgehen mit Albumtiteln wie Enemy of the Enemy (2003) das Allgemeinwissen der weißen Masse, senden aber andererseits klare Parolen an ihre Öffentlichkeit der gemeinsamen Ethnie: Der Titel ist ein Zitat des südasiatischen, faschistischen Unabhängigkeitskämpfers Subhash Chandra Bose. Für die westliche Öffentlichkeit ist die Ansage des Albums eine politisch linke, gegen das angenommene Establishment, für die internationale südasiatische Diaspora ein Verbrüderungsaufruf mit anderen Minderheiten in ähnlichen prekären politischen und gesellschaftlichen Situationen, nämlich dem Ausgeschlossensein aus der sozialen und kulturellen Mitte.

Auch M.I.A., die für emanzipatorische Ansätze in der globalisierten südasiatischen Musikindustrie steht, arbeitet ähnlich. Sie ist die perfekte Angry Young Woman: Sie hat familiäre Wurzeln im „internationalen Terrorismus“, denn ihr Vater ist Mitglied der tamilischen Befreiungsorganisation Tamil Tigers in Sri Lanka, dies führte zur Zensur bei MTV und zur Einreiseverweigerung in die USA.

Wer ist die Öffentlichkeit dieser KünstlerInnen? Wer soll erreicht und welche Inhalte vermittelt werden? Einerseits natürlich eine gebildete weiße Mittelschicht, ähnlich wie bei anderen politisch leichter verdaulichen Stilen, und andererseits (junge) Frauen, die ethnischen Minderheiten zugehörig sind – und das transnational. Was Populärmusik für eine multikulturelle Vermittlungsarbeit leisten kann, ist ein schneller Zugang und Austausch der einzelnen handelnden Personen im jeweiligen kulturellen Raum zueinander. Es muss nur gesichert sein, dass jede Formensprache vertreten ist. Denn das ist auch der große Unterschied zwischen positiven Glokalismen und leeren Gruppenzwängen, Modeerscheinungen wie bei Madonnas Musik der Maschen. Diese sind zwar temporär prägend, stiften aber kein Gesellschaftsmodell. Eben dies aber tut Populärkultur im besten Fall.


Ruby Sircar ist Künstlerin und Kunstwissenschaftlerin. Sie unterrichtet derzeit am Institut für zeitgenössische Kunst der TU Graz und lebt in Wien.