IG Bildende Kunst Logo
Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

Solidarisieren, Mitglied werden, Vorteile genießen!

… kulturelle Praxis

als Versuchsfeld.

Dezentrale Karten im Gespräch.

Mit Therese Kaufmann

und Can Gülcü

Die herrschaftliche Neuaufteilung von Land war eine der zentralen Praktiken des Kolonialismus. Postkoloniale Perspektiven in der Kunst setzen zum Teil an diesen gewaltsamen Landnahmen an und entwerfen alternative Kartografien. Diese verstehen sich nicht nur als Antworten auf Raumfragen, sondern als Pläne zur Subversion herrschender Dichotomien. Mit dem Schwerpunktheft Dezentrale Karten fragen wir nach Möglichkeiten aber auch Fallstricken solcher Versuche, den Wegweisern des Zentrums periphere entgegenzusetzen bzw. solcher, die die Dichotomie von Peripherie und Zentrum überhaupt in Frage stellen.

Bildpunkt: Therese, du hast als Mitherausgeberin des web journals transversal verschiedene Ausgaben zur „kulturellen Übersetzung“ betreut und beschäftigst dich auch mit postkolonialer Theorie. Worin bestehen deines Erachtens die größten Schwierigkeiten für dezentrale, publizistische oder auch künstlerische Interventionen?

T.K.: Die Herausforderungen in der Auseinandersetzung mit theoretischen Positionen und der Arbeit mit Begriffen wie Peripherie und Zentrum oder auch mit dem Konzept der „kulturellen Übersetzung“ sehe ich darin, verschiedene Formen der Marginalisierung oder Brüche nicht zu nivellieren. Das erfordert große Genauigkeit und eine Reflektion hinsichtlich der Leerstellen und unhinterfragten Aspekte solcher Konzepte oder Ansätze. Innerhalb der postkolonialen Theorie ist diese Reflektion, beispielsweise von Gayatri Spivak, immer wieder eingefordert worden. Das Konzept der „kulturellen Übersetzung“ muss ja als mittlerweile im Mainstream angekommener Universalbegriff für alles und jedes herhalten, wenn es darum geht, die Probleme, die irgendwie mit kulturellen Differenzen zusammenhängen, einer Lösung zuzuführen. Interessant wird das Konzept aber erst, wenn es politisiert wird – und das gilt letztlich für alle diese Konzepte: dass sie auf ihre politische Wirksamkeit und die Möglichkeiten der Handlungsmacht hin zu befragen sind.

Bildpunkt: Can, gemeinsam mit Eduard Freudmann hast du verschiedene künstlerische Aktionen durchgeführt, die sich mit unterschiedlichen Dimensionen von Grenzen befassen. Immer versteht ihr eure Aktionen dabei als politisch intervenierend. Euer Reiseführer durch eine von Roma bewohnte Siedlung in Belgrad, Beograd Gazela, ließe sich beispielsweise als dezentrale Kartografie in dem Sinne verstehen, als hier soziale Kontexte in eine Form gebracht werden, die als formlos, chaotisch, abseitig gelten. Ist die Form ein Vorteil künstlerischer gegenüber sozialaktivistischer Intervention?

C.G.: Ich würde diese beiden Kategorien nicht gegeneinander ausspielen. Sie mögen zwar unterschiedliche Praxen sein, dennoch greifen sie in unserer Arbeit in hohem Maße ineinander. Wir verstehen unsere Arbeit als transdisziplinär und intervenieren mit den jeweils zur Verfügung stehenden Mitteln in verschiedenen Räumen und sozialen Kontexten. Von Vor– oder Nachteilen würde ich auch gar nicht sprechen, letztlich geht es darum, wie Therese das beschrieben hat, was der politische Ansatz ist: Welche Ziele können wir mit unserer Arbeit erreichen und auf welche Weise greifen wir damit in vorhandene Machtstrukturen ein? Von diesem Standpunkt aus operieren wir.

Bildpunkt: Auf welche Weise kann eigentlich die Karte als klassische Praxis kolonialer Grenzziehung ein Ort oder eine Praxis der Ermächtigung werden?

C.G.: Mit Kartografien im weitesten Sinne werden schließlich auch Herrschaftsverhältnisse definiert und determiniert. Wir intervenieren an den Stellen, an denen auf Ungleichheiten und Ungleichgewichte darin hingewiesen werden kann. Das kann, wie im Falle Beograd Gazela, durch ein Projekt passieren, das sich auf die sogenannte künstlerische Forschung stützt, aber auch durch Agitation. Die würde ich als Instrument der Kunst keinesfalls ausschließen. Das, was als formlos und chaotisch gilt, wie ihr sagt, ist ja in Wirklichkeit überhaupt nicht so unstrukturiert, sondern nur in einer bestimmten, eben hegemonialen Wahrnehmung. Hier kommt es darauf an, wie und mit welcher Intention solche Zusammenhänge untersucht werden und wie währenddessen mit der eigenen Position als Untersuchende/r umgegangen wird.

Bildpunkt: Weltsicht und Wahrnehmungsschemata sind, auch im vermeintlich globalisierten Kunstfeld, nach wie vor eurozentrisch und nordamerikanisch geprägt. Ist das Verborgene letztlich gar nicht so verborgen, sondern nur auf die Uninformiertheit der Forschenden zurückzuführen?

C.G.: Das ist sicherlich so, aber es ist einerseits enorm schwierig, sich dieser eurozentrischen Prägung zu entziehen, andererseits sollte die Reflektion darüber nicht zur Handlungsunfähigkeit führen. Insofern sehe ich meine kulturelle Praxis immer auch als ein Versuchsfeld. Dabei geht es darum, mit den jeweils vorgefundenen Rahmenbedingungen umzugehen – dazu gehören auch jene kanonisierten Theoriefelder, deren Einbeziehung in die Praxis vorausgesetzt wird – und innerhalb dieser eine Diskurs– und Handlungsfähigkeit zu entwickeln. Dabei sollte man/frau sich Fehler im eigenen Handeln zugestehen und diese auch offenlegen können, und im Idealfall daraus lernen, da für mich solche Lernprozesse einerseits einiges Potential für die Weiterentwicklung der persönlichen Positionen bergen, andererseits auch zur interdisziplinären Kommunikation zwischen den verschiedenen Feldern beitragen, in denen wir uns bewegen.

Bildpunkt: Wie lassen sich mächtige Topografien aufbrechen, wenn das Feld selbst gleichzeitig ständig neue Perspektiven zu suchen scheint und modische Aufnahmen eines Themas auch zu seiner Entledigung führen können? Wie lässt sich auf die Politisierungen, die du, Therese, vorhin angesprochen hast, bestehen?

T.K.: Mit den Karten, ich gebe es ganz offen zu, habe ich ein Problem. Eine „widerständige Karte“ müsste mitdenken und mitzeigen, dass die Karte immer schon auch ein Herrschaftsinstrument, eine Fälschung und Ausdruck kolonialer Gewalt gewesen ist. Dass es möglich ist, Widerständigkeit auf dieselbe Weise zu produzieren, scheint mir sehr fraglich. Während mir die Auseinandersetzung mit Räumen sehr einleuchtet, haben mich die Karten doch irritiert. Für mich steht diese Beschäftigung mit dem Widerständigen der Karten auch in einem Widerspruch zu theoretischen Ansätzen, die die Deterritorialisierung, das Anders-Denken von Räumen und die Verschiebungen von Zentrum und Peripherie vorgeschlagen haben. Das Politische an der Beschreibung von solchen Verhältnissen besteht aus meiner Sicht darin, auf die Asymmetrien hinzuweisen, die immer neu auftauchenden Ungerechtigkeiten zu benennen. Was das Kunstfeld betrifft, wird ja einerseits häufig behauptet, die Dichotomie zwischen Zentrum und Peripherie habe sich in der Globalisierung aufgelöst. Das stimmt selbstverständlich nicht, das haben genug Studien bewiesen. Andererseits lässt sich eben dennoch der Fokus auf die verschobenen Interdependenzen richten. Um aber noch einmal auf die Mainstreaminisierung von postkolonialer Theorie oder der Frage nach neuen Kartografien zurück zu kommen: Schaut man sich ein konkretes Feld wie die europäische Kulturpolitik an, dann muss man feststellen, dass das Thema der Postkolonialität Europas dort noch lange nicht angekommen ist. Und was die künstlerische Position innerhalb dieser Problematik betrifft, scheint es mir eine sehr große Herausforderung zu sein, zum einen die eigene Positionierung in der Arbeit immer mit zu bedenken und zugleich reflektieren zu müssen, was mit dem Projekt geschieht, wie es ausgebeutet oder instrumentalisiert wird.

C.G.: Das stimmt sicherlich, mündet dann aber auch nicht selten in Formen der Entledigung, d.h. in Arten und Weisen, die eigene Position unsichtbar zu machen. In vielen partizipativen Projekten werden beispielsweise die gemeinsamen Arbeitsprozesse betont und gleichzeitig ausgeblendet, dass die letztinstanzliche Entscheidungsbefugnis eben doch beim Künstler bzw. bei der Künstlerin liegt. Die Frage bleibt, wie sehr solche Prozesse innerhalb der Arbeit sichtbar gemacht werden können oder müssen. Ich halte es für sehr wichtig, jene Codes, die dazu dienen, die vorherrschenden Ungleichheiten unsichtbar zu machen, zu vermeiden und Machtverhältnisse auch innerhalb der eigenen künstlerischen Arbeit sichtbar zu machen.

Bildpunkt: Wir möchten noch einmal auf die Problematik dezentraler Karten und ihre mögliche Unmöglichkeit zurückkommen. Auf der einen Seite droht mit dem Beharren auf peripheren Standpunkten die Festschreibung der Peripherie als solcher, begegnet man dieser Gefahr aber mit Dauerdekonstruktionen und Deterritorialisierung, begibt man sich auf der anderen Seite vielleicht zu sehr in das Fahrwasser eines „Felxibilitätskonsenses“ und verwehrt sich selbst die Möglichkeit, strategisch identitär zu argumentieren. Anders formuliert: Ist die Deterritorialisierung vielleicht selbst ein elitäres Projekt, das übersieht, dass diejenigen, die auf Karten bisher nicht verzeichnet waren, sich dort überhaupt erst einmal eintragen oder eben ihre eigenen Kartografien stark machen müssen, um gesehen und gehört zu werden?

T.K.: Gut, das kann sein, das ist allerdings für mich keine Frage der Identitätspolitik, sondern eine der Artikulation. Hier muss es sicherlich darum gehen, Möglichkeiten zu schaffen und die Voraussetzungen für Sichtbarkeiten und Artikulationen zu verändern. Hinsichtlich der Wissensproduktion kann das bedeuten, andere Relationen zu etablieren: Wenn beispielsweise in der postkolonialen Debatte von der „Provinzialisierung Europas“ die Rede ist, bedeutet das ja auch nicht, dass Europa aufgelöst werden soll, sondern dass es als eine lokale Geschichte unter anderen und nicht als einziges Zentrum zu betrachten ist.

C.G.: Die strategische Festschreibung der Peripherie kann durchaus auch eine Voraussetzung für die Auflösung der Peripherie sein.


Therese Kaufmann arbeitet am eipcp (european institute for progressive cultural policies) im Rahmen des Projekts Creating Worlds und lebt in Wien. www.eipcp.net/transversal

Can Gülcü ist Künstler und lebt in Wien. Seit 2004 arbeit er mit Eduard Freudmann zusammen, mit dem er Kraja, einen Verein für Kunst, Kultur und Kommunikation mit Sitz in Wien gründete. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Zeitgeschichte sowie gesellschaftliche, politische und soziale Zusammenhänge. www.kraja.org/


Das Gespräch fand am 15. Oktober 2009 in Wien statt, wurde von Nora Sternfeld und Jens Kastner geführt und in Absprache mit den TeilnehmerInnen gekürzt und überarbeitet.