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Die IG BILDENDE KUNST ist die Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

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Karten von Bedeutung.

Editorial

Es waren Stuart Hall und andere Cultural Studies-Theoretiker, die in den 1970er Jahren die Vorstellung von „maps of meaning“ aufbrachten. So wie Stadtpläne uns mehr oder weniger gut durch urbane Gefilde leiten können, tun kulturelle Bedeutungskarten dies in der sozialen Welt. Man trägt sie allerdings nicht wie die Tourismusstigmata vor sich her und kann sie auch nicht faltbar wegstecken, „maps of meaning“ sind inkorporierte Pläne, verkörpert in individuellen Haltungen und sozialen Organisationen. Und ganz so statisch wie Stadtpläne oder Landkarten sind sie auch nicht. Sie verändern sich durch Praktiken, durch gelebte Interpretationen, durch Umdeutungen. Allerdings sind die kulturellen Leitsysteme, mit deren Hilfe sich „die Welt“ verstehen und durchforsten lässt, historisch gewachsen, institutionalisiert und kein einfacher Sprechakt macht dies ungeschehen. Es bedarf schon einiger Kraftakte, soziologisch gesprochen sozialer Kämpfe, um Bedeutungen zu verschieben.

Während der Fertigstellung dieser Ausgabe: Die anti-neoliberal motivierte Besetzung der Akademie der bildenden Künste Wien am 20. Oktober und die Demonstration gegen die Verschärfungen in der Asyl- und der so genannten Fremdenrechtsgesetzgebung am selben Tag –, zwei Beispiele auch für Kämpfe um Bedeutungen. Bildung soll noch qualifizierbarer werden, Wissen zum veräußerlichen Gut und das Studium kommodifiziert. Grundrechte gelten in Österreich nicht für alle, Bewegungsfreiheit wird eingeschränkt und der bloße Aufenthalt kriminalisiert und mit Schubhaft bestraft. Dieser Teil der Normalität fordert erfreulicher Weise andere Sichtweisen heraus, lässt, in beiden Beispielen, abnorme Karten wuchern.

Ist Europa das Zentrum der Welt, wie auch die EUFlüchtlingspolitik suggeriert, oder doch nur eine lokale Narration, die all die anderen lokalen Geschichten dazu gezwungen hat, sich mit ihr zu verkoppeln? Die Postcolonial Studies haben in den letzten drei Dekaden auf verschiedenen Ebenen daran gearbeitet, die zentralen Kartografien des nordamerikanisch-westeuropäischen Kapitalismus zu zerlegen, und richteten damit, wie Robert C. Young in seiner historischen Einführung in den Postkolonialismus schreibt, „a critical perspective on its underlying dynamics“. Auch dabei wurde die Idee des Zentrums in Frage gestellt, ohne ihre Wirkmächtigkeit zu negieren oder zu unterstellen, Dezentrierungen seien ein Kinderspiel.

Im Kunstfeld ist der konjunkturelle Aufschwung, den die postkoloniale Kritik mit der Documenta 11 (2002) erlebt hatte, mittlerweile wieder deutlich abgeflaut. Auf groß angelegte Emanzipation von jener „mental slavery“, von der Assata Shakur sprach und von der Bob Marley sang, ist das wohl weniger zurückzuführen als auf sich wandelnde, kunstfeldinterne Hippness-Faktoren. Aber an Konjunkturen lässt sich ja anknüpfen. Wir tun dies mit dieser Ausgabe wie immer im Dazwischen, dem sich überlappenden und stets brüchigen Rahmen von sozialen Bewegungen auf der einen und künstlerischen Produktionen auf der anderen Seite.


Jens Kastner, koordinierende Redakteur