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Die IG BILDENDE KUNST ist die Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

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Künstlerische Positionen begleiten jede Ausgabe des Bildpunkt und sind als eigenständige Kommentare und Reflexionen zum jeweiligen Thema des Heftes zu verstehen.

Das Mittelposter dieser Ausgabe des Bildpunkt ist von Eyal Weizmann. Mit Bezug auf Hannah Arendt beschäftigt er sich in mehreren Arbeiten kritisch mit dem Argument des geringeren Übels als Rechtfertigung für die „Kollateralschäden“ humanitären Handelns. Das Poster zeigt das Hilfseinsatzlager von Ärzte ohne Grenzen im äthiopischen Korem im Jahr 1984. Während von Bob Geldorf in spektakulären Konzerten medienwirksam Spenden akquiriert wurden, befand sich Äthiopien in einem Bürgerkrieg. Die totalitäre äthiopische Regierung verantwortete die Hungerkatastrophe teilweise mit, wusste sie jedenfalls zu nutzen: Die Hilfsgelder und die humanitäre Infrastruktur wurden eingesetzt, um ein geplantes Umsiedlungsprogramm schneller durchzuführen und die Bevölkerung aus den Rebellengebieten im Norden in Arbeitslager zu deportieren. Der französische Arzt der Organisation Ärzte ohne Grenzen, Rony Braumann, argumentierte in Texten und Filmen selbst mit Arendt, kritisierte die eigene Organisation und formulierte drastisch: „Unsere Autos, unsere Lastwagen, sogar unsere Flugzeuge – und natürlich die anderer Hilfsorganisationen – wurden verwendet, um Leute umzusiedeln.“ Dabei starben Braumann zufolge mehr Leute als an der Hungersnot im selben Jahr. Heute, mehr als zwanzig Jahre später, denkt Braumann über die Frage nach, wie mit diesen Widersprüchen gelebt werden kann, ohne ihnen als Opfer ausgeliefert zu sein.

Die Bildstrecke besteht diesmal aus Video Stills aus aus dem Film Muxima (2005) von Alfredo Jaar. Der Titel der Arbeit zitiert ein angolanisches Volkslied, das in den 1950er Jahren von Liceu Vieira Dias geschrieben wurde – einem der Gründer der Befreiungsewegung Angolas. Es erzählt metaphorisch die Geschichte der gewaltsamen und absurden portugiesischen Kolonialmacht. Sie ruft die lokale Gottheit „Muxima“ – was in der indigenen Sprache Angolas auch „Herz“ bedeutet – an: Diese solle das Land befreien, in dem sie der Welt die Wahrheit bringe. Die Referenz auf die Musik als Träger oraler Geschichtstradierung und politischer Botschaften ist bewusst gewählt. Sie wird zum Zeichen der Anerkennung und des Widerstands. Die Bilder dokumentieren den Alltag und As - pekte der Geschichte Angolas in 10 Kapiteln, die Jaar „cantos“ nennt. Er richtet den Blick sowohl auf die Ruinen der portugiesischen Kolonialgeschichte als auch auf Zeichen kommunistischer Revolutionäre auf den Straßen Angolas sowie auf Spuren des 30jährigen Bürgerkrieges.

Lina Dokuzović
gestaltete das Rückencover. Ihre Arbeit besteht aus einer fortlaufenden Serie von Diagrammen: Visualisierungen ihrer theoretischen und praktischen Auseinandersetzung mit den Effekten des Kapitalismus auf alle Lebensbereiche. Die Arbeit De-linking from the Colonial Matrix of Power nimmt Bezug auf Walter Mignolo’s Colonial Matrix of Power, in der er die Moderne und die gegenwärtigen Bedingungen als grundlegend auf Kolonia - lismus und auf mächtigen Unterscheidungen von race und gender/ sexuality begründet beschreibt. Vor dem Hintergrund gegenwärtiger neoliberaler und neokolonialer Machtverhältnisse war der Prozess der Dekolonisierung Mignolo zufolge nicht ausreichend. Ein zentraler Vorschlag besteht daher darin, sich selbst abzukoppeln (de-linking), sich über die eigene Rolle und Position in der Matrix bewusst zu werden und sich somit zu de-kolonisieren. Lina Dokuzovic´ Diagramm als Matrix zeigt die strukturelle Funktionalität zu der sich in rot eine möglichen Handlungsmacht durch De-kolonisierung in ein Verhältnis setzt.


Ausgewählt und zusammengestellt von Nora Sternfeld, Eva Dertschei und Carlos Toledo in Zusammenarbeit mit den KünstlerInnen.