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Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

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Interkultureller Monolog

von Martin Krenn

2008 wurde von der Europäischen Kommission und dem Europäischen Parlament zum Jahr des Interkulturellen Dialogs ausgerufen. Dazu Kulturministerin Claudia Schmied in einer Presseaussendung am 8. Jänner 2008: „Offenheit für Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Erfahrungen und die Bereitschaft, einen Austausch auf gleicher Augenhöhe zu führen, sind das Fundament für interkulturellen Dialog.“

Worte, welchen man gerne zustimmt, denn im Gegensatz zum weit verbreiteten Konzept des Multikulturalismus, das ethnische und kulturelle Gruppen möglichst nebeneinander existieren sehen will, geht Interkulturalität davon aus, dass alle kulturellen Gruppen innerhalb einer Gesellschaft nicht einfach nur nebeneinander agieren, sondern sich eine Eigendynamik entwickelt, die über die Addition der Merkmale der beteiligten Kulturen hinaus geht. Während Multikulturalismus also auf Toleranz in Bezug auf „fremde“ Kulturen setzt, um den Druck auf Anpassung von MigrantInnen an die dominante Kultur abzuwenden, erkennt Interkulturalität, dass es in der Gesellschaft ständig kulturelle Überschneidungssituationen gibt und zwar zwischen allen, die in ihr agieren. Kultur wird als etwas verstanden, das ständig im Entstehen begriffen und durchlässig ist. Allerdings wird auch erkannt, dass alle, die an dieser Interaktion beteiligt sind, unter dem Einfluss des jeweiligen eigenen Ethnozentrismus stehen – den es zu hinterfragen gilt. Somit steht man Begriffen wie „Toleranz“ und der Vorstellung eines „Nebeneinander von Kulturen“ skeptisch gegenüber, da diese zu Stigmatisierungen führen, die zu einer Verfestigung von Hierarchien und Herrschaftsverhältnissen in der Gesellschaft beitragen.

Nun zur realen Situation in Österreich: Verantwortlich für Österreichs Beitrag zum EU-Jahr des Interkulturellen Dialogs ist das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur. Ein Nationalkomitee wurde einberufen. Es sollte in mehreren Sitzungen eine nationale Strategie entwickeln. Das Problem hierbei ist, dass die meisten im Komitee keine Ahnung davon haben, was überhaupt ein interkultureller Dialog ist. Man hielt es nämlich nicht einmal für nötig, selbstorganisierte MigrantInnengruppen einzuladen, geschweige denn MigrantInnenorganisationen auf gleicher Macht- und Hierarchieebene als PartnerInnen in das Komitee einzubeziehen. VertreterInnen mächtiger Institutionen wie ORF, Wirtschaftskammer, Industriellenvereinigung, Bundeskanzleramt und einige Bundesministerien sollten unter sich eine nationale Strategie für den interkulturellen Dialog ausmachen. Dazu, quasi als ZuschauerInnen, wurden ein paar VertreterInnen der Interessensvertretungen der Bereiche Theater, Film, Architektur, AutorInnen, freie Radios, Kultur und Kunst eingeladen, allerdings weder mit Budget noch Entscheidungsrechten ausgestattet. Die IG Kultur Österreich protestierte dagegen mehrmals und erklärte in ihrem Statement für ein Strategiepapier für Brüssel, dass „eine nationale Strategie zum Jahr des interkulturellen Dialoges sich nicht als buntes Veranstaltungskarussell weiter im Kreis drehen darf. Sie muss die Stimmen selbstorganisierter MigrantInnen hörbar werden lassen und sie auf ExpertInnenebene in die Entwicklungs- und Entscheidungsprozesse einbinden.“

Auch die IG Bildende Kunst sollte für jenes Papier einen Kommentar verfassen. Wir formulierten daraufhin unser Verständnis für ein mögliches interkulturelles Zusammenleben. Dieses beinhaltet: „Die Bildung von Allianzen für die Durchsetzung von gleichen Rechten für alle. Gemeinsame Diskussionen, Analysen, Aktionen und Handlungen sollen Ausschlusspolitiken und anderen (individuellen wie strukturellen) Diskriminierungen entgegenwirken […]. Insbesondere setzen wir uns diesbezüglich für ein Bleiberecht für alle ein.“ Und wir forderten ebenfalls vom Komitee „selbstorganisierte MigrantInnengruppen einzuladen als gleichberechtigte PartnerInnen in allen Bereichen und Phasen des Vorhabens teilzunehmen und mit zu entscheiden.“

Bis heute wurden keine MigrantInnengruppen als EntscheidungsträgerInnen eingebunden. Die nationale Strategie liest sich mehr wie ein „Multikulti-Veranstaltungskalender“, wo vor allem musikalischer und kulinarischer Kulturaustausch (Kebab trifft Wiener Schnitzel) geplant ist. Das Statement der IG Bildende Kunst fiel kurzerhand der Zensur zum Opfer, es wurde einfach aus dem Strategiepapier für Brüssel herausgestrichen. Inoffiziell teilte man uns mit, dass das Innenministerium Einspruch dagegen erhoben hätte, angeblich stünde unsere Forderung „Bleiberecht für alle“ außerhalb des Verfassungsbogens.


Martin Krenn ist Vorsitzender der IG Bildende Kunst.