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Die IG BILDENDE KUNST ist die Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

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Fokus-Kakophonie

Editorial

Ohne die „öffentlich geächteten Sprachen, ausländische Sprachen, Sprachen von Feinden, undeutsche Sprachen“ wäre das Sprechen der Neuen Linken kaum denkbar gewesen. Für Klaus Theweleit war das der „Kern von ’68“, die Reaktion auf die Vernichtung der vielen Stimmen, die die Nazis angerichtet hatten: „das Aufbrechen der Stimmen aus den vielen Orten des aufgezwungenen Schweigens“.

Ein paar dieser Stimmen haben wir in diesem Bildpunkt einzufangen und entgegen allgemeinen Gepflogenheiten laut aufzudrehen versucht: Dass es in Mexiko eine 68er-Bewegung gab, die trotz der brutalen Niederschlagung ihre unschlagbar utopischen Momente hatte, kommt in der Bildstrecke von Heidrun Holzfeind ebenso zum Ausdruck wie die Eingebundenheit von KünstlerInnen in diese Bewegungen und die Repression gegen sie in der Türkei bei Gülsün Karamustafa. Auch Oliver Marchart widmet sich dem Thema 68 in Mexiko und den Folgen für die Geschichtspolitik. Kunsthistorisch wie soziologisch ungehört sind bislang ebenfalls die Stimmen der vielfältigen Bewegungen in Jugoslawien, über die Krunoslav Stojakovic´ schreibt. Auch entscheidende anti- und postkoloniale Kämpfe, die Hito Steyerl beschreibt, sind in der selbstdarstellerischen Wahrnehmung der Akteurinnen und Akteure häufig untergegangen bzw. verstummt. All diese Beiträge verweisen auf den wesentlichen Zusammenhang von Kunst und Politik, der 68 als Chiffre u.a. so bedeutend macht.

Was das Erbe von 68, das uns wie all unsere Schwerpunktthemen als Überlappung von künstlerischen Produktionen und sozialen Bewegungen interessiert, für heutige Kunstproduktion bedeutet, diskutieren Ines Doujak und Luisa Ziaja: Marsch durch die Insti- tutionen oder Institutionskritik (oder beides – nicht)? Ausgangspunkte sind hier, wie auch bei Lisl Pongers Mittelposter, die konkreten Erfahrungen mit und seit 68. Wie ambivalent auch diese Erfahrungen waren, bringen die Beiträge von Kristina Schulz zum Feminismus und Robert Schindel über den Antisemitismus von 68 zum Ausdruck. Wie in jedem zweiten Heft gibt es die Glosse von Vlatka Frketic´ und wie jedes Mal auch den Überblick zu aktuellen Neuerscheinungen zum Thema. Und dazwischen, flankiert vom Schwerpunkt, wie immer die Kulturpolitik und IG Interna.

Der Titel dieses Heftes lehnt sich an Che Guevaras Fokus-Theorie und die antiimperialistisch gemeinte Aufforderung, „zwei, drei, viele Vietnam“ zu schaffen an: Die „1968er Jahre“ stehen nicht bloß kunsthistorisch für eine radikale und innovative Vielfalt, die bis heute umkämpft ist. Nicht nur die konservativen Projekte von Präsidenten wie Nicolas Sarkozy oder Felipe Calderón in Mexiko richten sich explizit gegen das „Denken von 68“. Auch ehemalige Beteiligte rechnen ab. So hält der Historiker Götz Aly die 68er für den „33ern“ sehr ähnlich, im Standard-Interview erscheint ihm Rudi Dutschke „ein bisschen hitlerhaft“. Gegen diesen totalen Schwund historischen Augenmaßes ebenso wie gegen den neurechten Kampfgeist bindet unser Titel 68 in ein angemessenes Geflecht aus transnationalen Diskursen und Politiken ein. Angesichts der nationalsozialistischen Vergangenheit, schrieb Theweleit über die vielen undeutschen Sprachen von 68, fand die „Möglichkeit eines eigenen Sprechens (…) von vornherein aus diesem verordneten Exil heraus statt.“


Jens Kastner, Koordinierender Redakteur