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zwei, drei, viele … achtundsechzig im Buch

Jens Kastner

Vom Nationalsozialismus abgesehen ist wohl kaum eine Zeit im 20. Jahrhundert historisch dermaßen gut ausgeleuchtet wie die „68er Jahre“. Das 40. Dienstjubiläum der Revolten wird die Vielzahl der Publikationen noch um einige Exemplare unübersichtlicher machen. Das Wagnis einer Gesamtdarstellung der Kunst um 1968 ist allerdings bislang nur ein Buch im deutschsprachigen Raum eingegangen, und das ist der Katalog zu einer Ausstellung von 1990 (um 1968. konkrete utopien in kunst und gesellschaft, Städtische Kunsthalle Düsseldorf, Dumont Verlag Köln). An aktuellen 68er- Titeln mit kunstfeldrelevanten Themen mangelt es dennoch nicht. So enthält beispielsweise das Handbuch von Klimke/Scharloth lesenwerte Texte über die „Entdeckung des Performativen in der Studentenbewegung“ (Scharloth) oder zu den Aktionskünsten in den 1960er Jahren (Martin Papenbrock). Von Statements gegen den Vietnamkrieg in der Pop Art über Happenings, die die Straße statt die Galerie als adäquaten Ort der Kunst ausmachten, zeichnet Papenbock verschiedene Formen der Überlappung von Kunst und Protestbewegungen nach. Während in den USA und Frankreich neue grafische Lösungen für Plakate, politisches Straßentheater und Graffitis die Bewegungen bereicherten, „entwickelte die Studentenbewegung in Deutschland in ihren politischen Aktionen kein eigenes künstlerisches Profil.“ Anders auch in Jugoslawien: Hier waren dem Filmemacher Želimir Žilnik die 1960er Jahre „die kreativste Periode“ der jugoslawischen Geschichte. Nachzulesen ist dies in dem einzigartigen Band von Kanzleiter/Stojakovic´, der erstmals Texte, Gespräche und Dokumente zum „jugoslawischen 68“ auf Deutsch versammelt. Auch ein profunder Einblick in die künstlerischen Dimensionen der Protestbewegungen wird dabei gewährt: „Viel wichtiger“, schreibt der Schriftsteller Bora C´osic´, „als die Tatsache, dass die Belgrader Universität für eine Woche

»Rote Universität Karl Marx« hieß (…), waren für mich die kulturellen Entwicklungen und Synergien der Jahre zwischen 1967 und 1970.“ Und die heutige Professorin für Anthropologie, Svetlana Slapšak, erzählt, dass die jungen Denker und Kulturrevolutionäre allerdings auch „furchtbar konservativ in Bezug auf die Geschlechterverhältnisse“ waren. Zugleich Produkt aus und Antwort auf 1968 sei deshalb die Geburt der Zweiten Frauenbewegung gewesen, schreibt Gerd-Rainer Horn, dessen essayistisch-wissenschaftliche Chronik mit der Schilderung einer skurrilen Bahnhofsszene beginnt. Es steigen aus dem Zug: Ein paar schlecht gekleidete Gestalten, die Mitglieder des Weltkongresses der freien Künstler. Die Episode spielt 1956 in einem italienischen Dorf und ist bei Horn nicht weniger als der Beginn einer Epoche („Nonconformists prepare the terrain“). Um 68 war es nicht etwa das Kunstwerk, sondern Teilnahme und Aktion, in denen die Verbindung „ästhetischer mit politischer Sinnlichkeit“ stattgefunden haben. Das schreibt Thomas Hecken, der sich den weniger bekannten, nämlich theoretischen Aspekten von 68 widmet. Dass es trotz der eingangs erwähnten Fülle an Literatur noch (bzw. wieder) überhaupt unbekannte As - pekte an 68 gibt, hat laut Hecken drei Gründe: Erstens die neoliberale Hegemonie, zweitens Reue und Rechtfertigung der ehemals Beteiligten und drittens einfaches (publizistisches wie wissenschaftliches) Desinteresse am damals enormen Theoriekonsum. Die Chiffre 68 ist also – wie Albrecht von Lucke am Beispiel der deutschen Diskussion zeigen kann – nach wie vor „hochgradig umkämpft“.


Jens Kastner ist Kunsthistoriker und Soziologe und lebt in Wien. Von ihm erscheint in Kürze der gemeinsam mit David Mayer herausgegebene Band Weltwende 1968? Ein Jahr in globalgeschichtlicher Perspektive, Wien 2008 (Mandelbaum Verlag).


Thomas Hecken: 1968. Von Texten und Theorien aus einer Zeit euphorischer Kritik, Bielfeld 2008 (trancript Verlag).

Gerd-Rainer Horn: The Spirit of ’68. Rebellion in Western Europe and North America, 1956–1976, Oxford 2007 (Oxford University Press).

Boris Kanzleiter und Krunoslav Stojakovic´ (Hg.): »1968« in Jugoslawien, Bonn 2008 (Dietz Verlag).

Martin Klimke und Joachim Scharloth (Hg.): 1968. Handbuch zur Kulturund Mediengeschichte der Studentenbewegung, Stuttgart/Weimar 2007 (Verlag J.B. Metzler).

Albrecht von Lucke: 68 oder neues Biedermeier. Der Kampf um die Deutungsmacht, Berlin 2008 (Wagenbach Verlag).