IG Bildende Kunst Logo
Die IG BILDENDE KUNST ist die Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

Solidarisieren, Mitglied werden, Vorteile genießen!

Just don’t do it

Markus Wailand

Zum Beispiel rassistische Beschmierungen auf Hauswänden. Sollte man nicht tun. Vorbeigehen. Wiener Fiakerpferde bekommen Scheuklappen verpasst, damit sie nicht von Umgebungseindrücken abgelenkt werden in ihrem Trott. Nicht alles sehen. Wobei in Wien, der unangefochtenen Welthauptstadt des Hauswandrassismus, die Aufforderung „nicht alles tun“ als Motto erstmal absurd wirkt. Als würde Wien versinken in überbordender Aktivität und rastlosem Engagement. Müsste die Forderung nicht lauten, mindestens alles zu ihrer Bekämpfung zu tun, eher aber mehr?

„Die rassistischen Beschmierungen finde ich gut. Dadurch erkennt man die Tiefe der Probleme der Gesellschaft. Wenn die Wand weiß bleibt, kann man kein Problem sehen. Die Beschmierungen selbst haben aber im Vergleich zu institutionalisiertem Rassismus keine Bedeutung. Der institutionalisierte Rassismus ist ein Problem des Staates, der Verwaltung. Bei den Menschen, die Häuserwände beschmieren, ist das Problem die Person selbst.“ Soweit das pointierte Statement eines Mitglieds der Black Community in Wien auf die Frage, wie er sich von N-raus-Hetzparolen angesprochen fühlt.

Die rassistischen Beschmierungen finde ich nicht gut. Der Hinweis darauf, dass die Beschmierungen allenfalls ein Symptom sind, ist hingegen essenziell. Kein Text ohne Kontext, und der heißt in Österreich Asylpolitik, Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit. Juden raus, N**** raus. Manchen kann es gar nicht schnell genug gehen, der aktuelle FPÖ-Chef forderte schon den Umbau von Bun - desheer-Transportflugzeugen in so genannte „Abschiebebomber“, in denen die Zwangsausgewiesenen dann „schreien und sich anurinieren können“, weil da stören sie keine Urlaubsgäste auf dem Weg in den wohlverdienten Karibikurlaub.

Nicht alles tun, o.k., aber: Was tun? Nikolai Tschernyschewski saß im Knast, als er das Buch mit gleichnamigem Titel schrieb. Keine Abwägung seiner Möglichkeiten im Gefängnis, sondern Geschichten von der grundsätzlichen Revolution. Wer heute etwas tun will, um das xenophobe Klima zu kontern, muss von der Hauswand weiterdenken bis in die Schubhaftzelle und zur Abschiebepolitik. Und wo das Diktum von „nicht alles tun“ schon so nach Parole klingt, nach nichts Richtigem im Falschen, seien gleich nachgeschoben: „Kein Mensch ist illegal“. „Bleiberecht ist Menschenrecht“. „No Borders, No Nations“

Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Beobachtung von Saskia Sassen: Je länger ein Rechtsbruch praktiziert wird, desto größer sind die Chancen, am Ende doch das Recht zugesprochen zu bekommen. Wer bereits mehrere Jahre ohne gültigen Aufenthaltstitel in einem Land lebt, hat größere Chancen, diesen letztendlich zugesprochen zu bekommen als jemand, der erst seit kurzem da ist. Fazit: Man kann nie früh genug damit anfangen, die Erweiterung von bestehenden Regeln und Gesetzen zu betreiben. Don’t just do it, but: Do it.


Markus Wailand ist Mitgründer des Dokumentarfilmkollektivs pooldoks und lebt in Wien.

www.meinjulius.at