Das Goldene Dachl und ein Heuschober im nahe beim Brennerpass gelegenen Vals haben etwas gemeinsam: Die Dächer des spätmittelalterlichen, repräsentativen Erkers (Wahrzeichen der Landeshauptstadt Innsbruck) und des alpinen Zweckbaus sind beide mit Schindeln gedeckt. Aus dieser Tatsache entwickelte die seit 2001 bestehende KünstlerInnengruppierung plattform kunst~ öffentlichkeit im Vorjahr das Projekt trans~ fair. Anhand des Tausches einer Schindel des Goldenen Dachls mit einer Holzschindel des Stadels in der Gemeinde Vals wurde das Verhältnis von Stadt und Land, Zentrum und Peripherie, Öffentlichkeit und Abgeschiedenheit sowie von Macht und Repräsentation hinterfragt. 2007 wurde als zweites Projekt im öffentlichen Raum eine Skulptur von Werner Feiersinger auf der zur Oberinntaler Gemeinde Imsterberg gehörenden Venetalm installiert. Der Künstler nimmt in seiner Arbeit Typologien der Gegend auf und reagiert damit auf Gegebenheiten wie die Einzäunun - gen der Almen, die Wildfütterung oder die Hütten mit ihren Zauneingrenzungen. Das Objekt regt an, über Besitzverhältnisse und Nutzungen des alpinen Raums nachzudenken und lädt dazu ein, es anderweitig zu benutzen – beispielsweise als Sitzgelegenheit.
Doch der Reihe nach
Seit 2001 sind die Ziele der plattform kunst~öffentlichkeit, zu deren Kerngruppe die KünstlerInnen Andrea Baumann, Christopher Grüner, Michaela Niederkircher, Robert Pfurtscheller, Christine S. Prantauer, und Jeannot Schwartz gehören, die Auseinandersetzung mit dem Thema Kunst im öffentlichen Raum sowie Kommunikationsprozesse zwischen Kunst und Öffentlichkeit auf künstlerischer und theoretischer Ebene anzuregen und zu etablieren. 2002 erarbeitete die Plattform ein Konzept zur Initiierung, Vergabe und Finanzierung [1] von Kunstprojekten im öffentlichen Raum, das den Verantwortlichen der Stadt Innsbruck vorgestellt wurde, jedoch bis heute ohne Konsequenzen blieb. Daraufhin begann die Plattform das Fehlen jeglicher Strukturen – in Innsbruck als auch auf Landesebene – für Kunst im öffentlichen Raum mit öffentlichen Fragestellungen zu thematisieren.
Ab 2004 [2] wurde im Kulturbeirat des Landes Tirol über Kunst im öffentlichen Raum debattiert und auch darüber, wie ein stärkeres Bewusstsein in der Bevölkerung und bei den politischen EntscheidungsträgerInnen für zeitgenössische, künstlerische Herangehensweisen geschaffen und der Kunstbegriff von der „Ortsbehübschung“ in Form eines Brunnens oder Musikpavillons oder einer dem Geist der 1950er Jahre verhafteten „Kunst am Bau“-Tradition hin zu einer offeneren Haltung erweitert werden könnte. Landesrätin Elisabeth Zanon initiierte eine Ausschreibung, die sich ausschließlich an die Gemeinden richtete und die 100 000 ¤ dotiert war. Nach einer Regierungsumbildung wurde diese unter ihrem Nachfolger LR Erwin Koler ausgesendet. Dass sich KünstlerInnen nicht aktiv, sondern nur über den Umweg einer Gemeinde, die den Antrag stellen musste, beteiligen konnten, das Fehlen einer Koordinationsstelle bzw. einer AnsprechpartnerIn mit Schnittstellenfunktion und die Finanzierungsstruktur mit einem Prozentschlüssel von 60:40 (max. 60 % trägt das Land Tirol, 40 % müssen von der EinreicherIn getragen oder anderweitig lukriert werden, was v. a. für kleinere Gemeinden mit sehr geringen oder gar nicht existierenden Kulturbudgets eine massive Hemmschwelle bedeutete), wurde bereits im Vorfeld kritisch angemerkt, fand aber weder im Ausschreibungstext noch in der Umsetzungsphase Niederschlag. Den engagierten JurorInnen Hanno Schlögl (Architekt), Franziska Weinberger (Künstlerin, Kunsthistorikerin, Kuratorin) und Rens Veltman (Künstler) sowie den Personen, die eigeninitiativ die Vermittlerrolle zwischen Standortgemeinde und KünstlerInnen übernommen hatten, und den KünstlerInnen ist es zu verdanken, dass die beiden eingangs erwähnten, innovativen und diskursiven Projekte im vergangenen Jahr realisiert werden konnten.
Christine S. Prantauer, Künstlerin und Mitglied der plattform kunst~öffentlichkeit, schreibt auf der Website der Plattform als Reflexion auf die erste Auflage der Aktion „Kunst im öffentlichen Raum“ des Landes: „der oben erwähnte, von der landesregierung ausgeschriebene wettbewerb hat einmal mehr die bestehenden strukturellen mängel in bezug auf kunst im öffentlichen raum aufgezeigt. Es fehlt eine diskussion über aktuelle formen von kunst im öffentlichen raum, über in- und ausländische modelle, über inhaltliche und zeitliche zielsetzungen, über finanzierungsmöglichkeiten genauso wie über zuständigkeiten und ansprechpartnerinnen.“
Das Land Tirol schreibt nun zum zweiten Mal die Aktion „Kunst im öffentlichen Raum“ zum Thema Kultur::Landschaft aus – mit Modifikationen
2008, nach personellen Wechseln in der Kulturabteilung und neuerdings auch in der politischen Zuständigkeit (Beate Palfrader ist nach der Landtagswahl neue Kultur- und Bildungslandesrätin), führen die Erfahrungen der Vorjahre in der zweiten Ausschreibung des Wettbewerbs zu wichtigen bedeutenden Neuerungen. Die Ausschreibung, die die Kulturabteilung des Landes in enger Kooperation mit der KünstlerInnenvereinigung Tiroler Künstlerschaft und den JurorInnen neu entwickelt hat, richtet sich nun international an KünstlerInnen und KuratorInnen. Hanno Schlögl hat seine Funktion in der Jury zur Verfügung gestellt, um eine Person in das Auswahlgremium zu holen, die einen für die inhaltliche Auseinandersetzung wichtigen Blick von außen hat und nicht aus Tirol stammt. Mit dem niederländischen Architekturkritiker und -theoretiker Bart Lootsma, Professor am Institut für Architekturtheorie der TU Innsbruck und an der Akademie der bildenden Künste Wien, konnte ein international anerkannter Experte für das Projekt gewonnen werden. Das Land Tirol trägt nun maximal 80% der förderbaren Gesamtkosten, wobei eine Förderung zu 100% in Ausnahmefällen möglich ist. Die Tiroler Künstlerschaft wird die Abwicklung des Wettbewerbs betreuen und fungiert als Ansprechstelle. Wie 2007 stehen auch 2008 wieder 100 000 ¤ für die Realisierung der ausgewählten Projekte zur Verfügung.
Perspektiven
Als Interessensvertretung für bildende KünstlerInnen steht für die Tiroler Künstlerschaft das Thema Kunst im öffentlichen Raum schon seit Jahren weit oben auf der Agenda. 2006 veranstalteten wir im Kunstpavillon die Vortrags- und Diskussionsreihe „kunst im öffentlichen(?) raum“. Die inhalt - liche Ausrichtung sowie das künstlerische Setting dafür hat die plattform kunst~ öffentlichkeit entwickelt. Es ging einerseits um die Darstellung von Strukturen, Model - len und Forschungsprojekten zum Thema und andererseits um die Präsentation künstlerischer Projekte. Das mit jedem Vortrag anwachsende Informationsmaterial wurde präsentiert und so ein Projektarchiv angelegt, das exemplarisch verschiedene Procedere und Forschungsansätze dokumentierte. Das Spektrum der Betrachtungsweisen erweiterte sich durch die unterschiedlichen politischen und geografischen Zusammenhänge aus denen die ReferentInnen kamen. Diskursive Formate wie dieses sollten unserer Meinung nach auch außerhalb der Landeshauptstadt angeboten werden und speziell auf die Bedürfnisse der Regionen/Gemeinden abgestimmt sein. Davon, dass öffentlich geführte Debatten und eine gezielte Vermittlungstätigkeit vorbereitend bzw. begleitend zu der nun laufenden Ausschreibung sinnvoll wären – auch in Hinblick auf eine Weiterentwicklung – konnten wir die Kulturpolitik nicht überzeugen. Die Öffentlichkeitsarbeit soll parallel zu den Präsentationen der beim diesjährigen Wettbewerb ausgewählten Projekte stattfinden. Konsens herrscht darüber, dass 100 000 € für Kunst im öffentlichen Raum in Tirol sehr wenig sind. Zukunftsvision ist ein Pool, der von einer Prozentabgabe bei öffentlichen Bauaufgaben gespeist wird oder in dem mehrere Fördertöpfe zusammengeführt werden.
Ingeborg Erhart ist Kuratorin und Geschäftsleiterin der Tiroler Künstlerschaft (www.kuenstlerschaft.at). Mitglied von www.baettle.net und www.innsbruckcontemporary.at.
Links:
www.plattform.kunstoeffentlichkeit.net
www.kuenstlerschaft.at/kue/index.php
(Ausschreibung)
[1] Vorgeschlagen wurde eine Pool-Lösung nach niederösterreichischem Vorbild (www.publicart.at)
[2] Von 2004 bis 2008 war ich im Kulturbeirat des Landes Tirol für Architektur und Bildende Kunst tätig. Ob und in welcher Intensität das Thema „Kunst im öffentlichen Raum“ zuvor in diesem Gremium be - handelt wurde, entzieht sich meiner Kenntnis.