|
„Wenn weder das Bauhaus noch Lenin sich durchsetzen konnten und Ästhetik weder in Gestaltung aufging noch zur Ethik der Zukunft wurde, was kann man dann mit ihren Resten noch anfangen?“ fragt Diedrich Diederichsen in seinem aktuellen Buch Eigenblutdoping. Diederichsen schlägt vor, sich wieder mehr auf den Gegenstand zu konzentrieren. Und er betont dabei, dass Kunst immer auf einer willkürlichen Behauptung darüber beruht, was sie selbst ist. Eine Behauptung, die sich nur mittels Macht als gültig durchsetzen lässt. Welche Rolle nun die Form innerhalb dieser Durchsetzung spielt, danach fragt diese Ausgabe des Bildpunkt.
Denn dass die Form von Bedeutung und voll Sinn sei, heißt, dass sie weder der Funktion noch der Inspiration folgt. Sie lässt sich also politisch denken. Die Form als Politikum und politisches Eingreifen, das formal sinnvoll ist – beides hielten Formfeinde (wie so manche VertreterInnen des sozialistischen Realismus) ebenso für einen Widerspruch in sich, wie die heutigen ÄsthetInnen, die die Kunst von allen Anliegen außerhalb ihrer selbst rein gehalten sehen möchten.
In etwa dazwischen positionieren sich die AutorInnen dieser Ausgabe. Dabei haben wir wieder weder Glück noch Privileg gescheut, eine Reihe internationaler SchreiberInnen für diese Debatte und unser Heft gewinnen zu können. Die Beiträge oszillieren zwischen Bewegung und Ausstellungsbetrieb, Architektur, Typographie und Urbanismus. Und siehe da, niemand hat die Absicht, die Kunst zwischen angewandtem Bolschewismus und Design zu zerreiben. Stattdessen scheint sich u.a. ein Anliegen Bertolt Brechts zu aktualisieren. Dieser hielt vor 70 Jahren seinen Gegnern in der Formalismus-Debatte, insbesondere Georg Lukács, vor, sie hätten vor allem eine Forderung an Form (und Funktion) von Kunstwerken stellen sollen: Die „Meisterung der Realität“. Daran hätten sie alles messen können, „auch das Formale, denn der Künstler kann die Realität nicht meistern, wenn er formal fehlt.“
Wie wahr. Was für ein Maßstab und was für ein zweifellos nahe liegender und doch hehrer Anspruch. Von der Kunst zu verlangen, die urteilslose Schilderung der Realität und ihr bloß affektives Aufgreifen zu durchbrechen, sei zwar illusorisch, „und doch“, meint schließlich Diederichsen sehr richtig, „wäre alles andere zu bescheuert.“
Jens Kastner, Koordinierender Redakteur
|