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Jens Kastner

„Wollte die moderne Ästhetik (…) den Aspekt der Nützlichkeit aus der Kunst scheuchen, so der Funktionalismus die nützlichen Gegenstände von Kunst reinigen.“ Die Gestaltung von Gebrauchsgegenständen und Kunst dermaßen unterschiedlich anzugehen, sei aber alles andere als selbstverständlich. Mit der vermeintlichen Selbstverständlichkeit zu brechen, ist auch dass erklärte Ziel von Andreas Dorschel. Sein philosophisch fundiertes Plädoyer lässt sich auf die schlichte Formel bringen: Das Brauchbare – im doppelten Sinne von dem, was benötigt und dem, was benutzt wird – kann und sollte durchaus schön sein. Umgekehrt kann auch das Schöne brauchbar sein. Denn die Kategorie des Wie setze stets ein Was voraus. Damit widerspricht Dorschel auch einer traditionellen Kunstanschauung, die das Was als zweitrangig beschreibt.

Konkreter wird das im Werk von Otto Neurath (1882–1945). Der Wiener Soziologe war Wirtschaftsexperte der Münchener Räterepublik (1919) und gründete später das Österreichische Wirtschaftsund Gesellschaftsmuseums in Wien (1925). In einem opulenten Band geht Nader Vossoughian dem vielfältigen Schaffen Neuraths in drei Schritten nach: Zunächst seiner gemeinschaftlich orientierten Kritik der funktionalistischen Stadtplanung, dann seiner Entwicklung sei - ner ikonischen Bildsprache ISOTYPE (International System of Typo - graphic Picture Education, 1934) und schließlich seinen Re aktionen auf die Globalisierung des Wissens. Ausgangspunkt von Neuraths internationaler Bildsprache war die Frage, wie sich unsicht bare Phänomene wie wirtschaftliche oder soziale Prozesse visualisieren lassen. Das Ziel war dabei nicht nur grafische Verfeinerung, sondern ein pädagogisches: Die von Neurath entwickelten Piktogramme und Schautafeln sollten die Menschen ermächtigen, sich selbst als Teil sozialer Verhältnisse und Organisationssysteme wahrzunehmen. Neuraths Wege zu diesem Ziel veranschaulicht das Buch sowohl in diskursiver als auch in visueller Hinsicht sehr gut: Seine theoretischen Bezüge und Entwicklungen werden nachgezeichnet und es gibt Bilder en masse. Ganz im Sinne des Erfinders: Um gesellschaftswissenschaftliche Bildung zu vermitteln, müsse man sich ähnlicher Mittel bedienen wie die frühe Werbung: „Das moderne Reklameplakat“, schrieb er 1925, „zeigt uns den Weg!“ Eine gute deutschsprachige Einführung in die Bildpädagogik Neuraths liefert auch Frank Hartmann in seinem Essay Sprechende Zeichen.

Eine „vereinfachte Formsprache“ ist nach Jacques Rancière auch das überraschend gemeinsame Anliegen von Industriedesign und avantgardistischer Dichtung. In dem Aufsatz Die Fläche des Designs beschreibt der angesagte Kunstphilosoph jene Fläche als das Paradigma einer Kunst jenseits von Autonomie und Heteronomie: Auf ihr werden die Formen der Gegenstände und die Lebensformen gleichermaßen verhandelt.

Sozialem und kulturellem Wissen und seinen überlappenden Produktionsformen in bildender Kunst, Architektur und Design widmet sich auch der Band Social Perspectives on Architecture and Design. Die darin konstatierte, zunehmende Auflösung der Grenzen zwischen diesen Gattungen ist nicht immer Grund zum Jubel: Denn originär künstlerische Strategien und Diskurse sind dadurch, so Markus Degerman, verstärkt dem Kriterium ökonomischer Überlebensfähigkeit ausgesetzt.


Jens Kastner ist Soziologe und Kunsthistoriker. Von ihm erscheint in Kürze Die ästhetische Disposition. Eine Einführung in Pierre Bourdieus Kunsttheorie, Wien 2008 (Verlag Turia + Kant).


Markus Degerman (Hg.): Social Perspectives on Architecture and Design, Helsinki 2006 (NIFCA, Nordic Institute for Contemporary Art). http://www.nifca.org/PDF/Projects/SPAD_publication/SPAD.pdf

Andreas Dorschel: Gestaltung – Zur Ästhetik des Brauchbaren, Heidelberg 2003 (Universitätsverlag Winter).

Frank Hartmann: Sprechende Zeichen. Otto Neuraths revolutionäre Methode der Bildpädagogik, http://ezines.onb.ac.at:8080/ejournal/pub/ejour-97-II/neuemed/neurath.html#universal

Jacques Rancière: Die Fläche des Designs, in: ders: Die Politik der Bilder, Berlin 2005 (diaphanes Verlag), S. 107–125.

Nader Vossoughian: Otto Neurath. The Language of the Global Polis, Rotterdam 2008 (NAI Publishers).