Marty Huber: maiz (autonomes Zentrum von und für Migrantinnen) hat sich ja immer wieder einen Namen gemacht mit Interventionen im öffentlichen Raum. So auch anlässlich des Bleiberechtstages am 10. Oktober 2008. Was habt ihr denn gemacht?
Radostina Patulova: Das war eine Intervention in Linz, die in Zusammenarbeit von maiz und mehreren migrantischen Selbstorganisationen (ADA, Black Community OÖ, Forum Interkulturalität und Verein VEDER) entwickelt wurde. Wir haben uns zu diesem Zeitpunkt innerhalb des Projektes Heterotopien, das durch den KUPF Innovationstopf und von der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung gefördert wird, mehrmals getroffen, um uns aus einer marginalisierten Position mit Fragen der Menschenrechte auseinanderzusetzen. Bald ist die Frage nach Bleibe- und Bewegungsrecht ins Zentrum unserer Auseinandersetzungen gerückt. Insofern waren die Aktionen rund um den Bleiberechtstag ein guter Anlass unsere Überlegungen in die Öffentlichkeit zu tragen. Hinzu kam, dass die Vorbereitungen in Linz von der üblichen bitteren Ernüchterung gekennzeichnet waren – der Großteil der OrganisatorInnen, die aus den üblichen NGOs wie Caritas, Volkshilfe und Diakonie kamen, standen im Vordergrund. Wir mussten bei den Vortreffen die Erfahrung machen, dass obwohl der Bleiberechtstag als Forum einberufen und von sehr unterschiedlichen Organisationen getragen worden ist, weder diese Struktur, noch die Fülle von unterschiedlichen Forderungen artikuliert oder weiter kommuniziert worden sind. Wir waren mit einer Situation konfrontiert, in der wir unserer Position kein Gehör verschaffen konnten. Da uns das Anliegen, den Bleiberechtstag zu etablieren, sehr wichtig war und wir die Solidarität für den Tag nicht sprengen, unsere Standpunkte aber sichtbar machen wollten, haben wir uns für eine Intervention im unmittelbaren Vorfeld der Kundgebung, für eine „Straßenbahnbesetzung“ entschieden. Wir sind an der Station mit dem symbolisch aufgeladenen Namen „Neue Welt“ eingestiegen, haben Plakate an den Straßenbahnfenstern angebracht (die neuen Garnituren haben ja viele davon), Ballons und Flyer zu unserer Aktion verteilt, mit den Mitfahrenden diskutiert und einen hausgemachten Rap gesungen. Es war besonders schön, eine ganze Straßenbahn von oben bis unten mit den Slogans „Alle haben das Recht, Rechte zu haben!“ und „Bleiberecht für alle! Bewegungsrecht für alle!“ zu verhängen und durch Linz zu schicken.
M.H.: Ihr habt diese Intervention kollektiv vorbereitet? Wie ist dieser Prozess gelaufen, und was waren dann die Strategien, diese Aktion auch durchführen zu können und nicht gleich aus der Straßenbahn geschmissen zu werden?
R.P.: Wir haben viele verschiedene Aktionen andiskutiert, aber schnell gemerkt, dass die Idee, eine Straßenbahn zu besetzen, uns richtig Lust und Laune bereitet! Einerseits war es uns sehr wichtig, diese riesige Plakatwand, die fahrenden Statements, und 20 Minuten Fahrt mitsamt den einzelnen Aktionen (Ballons und Flyer verteilen, wie auch den Rap singen usw.) bis zum Hauptplatz erfolgreich zu Stande zu bringen. Dann aber hat uns interessiert, ob wir mit den Leuten ins Gespräch kommen können. Die ursprüngliche Idee war ein bisschen anders – so viele Leute zu mobilisieren, um die Straßenbahn derart zu füllen, dass niemand mehr einsteigen kann und wir diesen Raum besetzen, zu irritieren und die Bahn zur Stoßzeit zu vereinnahmen. Die Größe der Garnitur hat uns aber einen Strich durch die Rechnung gemacht (ca. 250–300 Personen wären nötig, um sie richtig zu füllen). Zudem mussten viele unserer PartnerInnen an diesem Tag zu einer Pressekonferenz, die sehr kurzfristig aufgrund von rassistischen Überfällen einberufen wurde. Daraufhin haben wir die Idee modifiziert und uns entschieden, mit Unmengen von Ballons und Flyer einzusteigen. Die Mitfahrenden waren zwar teilweise verärgert, weil wir so viel Platz einnahmen, doch durch die Mengen an bunten Ballons waren wir irgendwie geschützt. Natürlich waren wir auch die Lieblinge aller Kinder, die wollten unsere Ballons, an die jeweils ein Flyer mit unseren Forderung, die Slogans und eine Erklärung, was migrantische Selbstorganisationen sind, geheftet war.
M.H.: Heißt das, dass ihr eure Radikalität mit Weichheit getarnt habt, die es euch wiederum ermöglicht hat, den ganzen Weg die Straßenbahn mit eurer Aktion zu bespielen?
R.P.: Für uns war es wichtig, die 20 Minuten bespielen zu können, und wir waren darauf eingestellt, dass wir mit heftigen rassistischen Angriffen rechnen können. Es wurde auch im Vorfeld klar, dass wir diese Intervention nicht anmelden können. Es war uns jedenfalls auch wichtig, durch diesen netten Zugang eine Art von freundlichem Erstkontakt herzustellen und zugleich zu irritieren. Es war ein stark frequentierter Freitag, viele Leute sind – unsere Plakate lesend – eingestiegen. Es gab mehrere Aktivistinnen, die Flyer verteilt haben und mit den Menschen ins Gespräch gekommen sind. Um nochmals zurück zu Strategien zu kommen: Wir haben uns in den vorbereitenden Workshops mit der Methode des Forumtheaters für die „Strategie des Strahlens“ – damit meinten wir eine Art extrem freundlich auf die Leute zuzugehen und sie dabei gleichzeitig direkt anzusprechen – entschieden und diese geübt. Gerade die Gradwanderung zwischen überexponierter Freundlichkeit, Hervorrufung von Irritation und Bereitschaft zum Gespräch war für uns von Bedeutung. Das ist uns in der Vorbereitung nicht leicht gefallen, aber während der Intervention sehr zu Gute gekommen. Wir alle haben mehrjährige Erfahrungen in Flyerverteilungs-Jobs, und bei dieser Intervention waren wir erstaunt, welch eine phänomenale Erfolgsquote wir erreichten! Als wir diesen Rap – der den Slogan „Alle haben Recht, Rechte zu haben“ in verschiedenen Sprachen darbrachten, also gerapt haben, gab es zwar bei manchen Beklemmtheit, aber keine aggressive Stimmung. Mitgesungen hat leider auch niemand!
M.H.: Und der Straßenbahnfahrer hat nicht reagiert?
R.P.: Nein, wir haben uns strategisch für den Rap eher im hinteren Teil versammelt. Und bei einer vollen Straßenbahn haben wir darauf spekuliert, dass der Fahrer sich das nicht an - tut uns zu vertreiben. Eine spontane Aktion (die sich aus den Erfahrungen während der Vorbereitungen ergeben hat) war, dass eine der Aktivistinnen beim Eingang alle neuen Fahrgäste mit den Worten: „Heute ist euer Glückstag! Ihr dürft alle herein!“ willkommen geheißen hat. Das sorgte bei den LinzerInnen für ziemliche Irritation – von einer Schwarzen Frau so offiziell begrüßt zu werden und eine Erlaubnis erteilt zu bekommen. Auch hier hat die „Strategie des Strahlens“ für Irritation gesorgt. Eine solche Einladung markiert natürlich einen existierenden Ausschluss und das ist angekommen.
M.H.: Was waren einzelne Reaktion von den Mitfahrenden?
R.P.: Wirklich erstaunlich war, dass so viele die Flyer angenommen und gelesen haben. Wir sind in den 20 Minuten an die 400 Flyer los geworden – damit haben wir nicht gerechnet. Dann gab es einerseits eine Art Stille als Reaktion, die wir als Betroffenheit empfunden haben und auch eine Art des Sich-nicht-positionieren-wollens, aber zugleich auch sich angesprochen fühlen. Andererseits gab es Leute, die mit uns ins Gespräch gekommen sind, wie eine ältere Dame, die laut über das sich Schämen, wie Österreich gewählt hat, sprechen wollte. Sie hat unseren Text sehr ernst genommen und positionierte sich mit einem klaren „Ja, das stimmt, so soll die Welt sein!“ Das hat weitere Gespräche entfacht, auch weil das von einer „Unbeteiligten“ kam. Dann gab es so klassische Meldungen, wie „Dann kommen alle Kriminellen!“, aber auch diese Leute ließen sich in ein Gespräch involvieren. Obwohl klar war, dass das Gegenüber MigrantInnen waren, verliefen diese Diskussionen nicht untergriffig. Aber dieses direkt Angesprochen sein und auf gleicher Augenhöhe miteinander reden, hat bei vielen Beklemmungen ausgelöst. Es schienen einige in ihrer Position erschüttert und haben ihr Unwohlfühlen auch artikuliert. Darüber hinaus gab es auch z.B. eine Begegnung mit einem Migranten, der seit zwölf Jahren in Österreich lebt. Er hat die ganze Aktion mitbekommen und wollte mit uns darüber reden. Obwohl er zuerst immer wiederholte, man könne nichts machen, es ließe sich nichts ändern in diesem Land, ist er letztlich mit uns ausgestiegen, hat eines unserer Plakate genommen und nahm an der anschließenden Kundgebung teil. Das hat die ganzen Widersprüchlichkeiten, in die die Aktion eingebettet war, auf den Punkt gebracht: Sie hat Irritation, Unsicherheit und Beklemmung hervorgerufen, genauso wie Zuspruch, sich angesprochen fühlen und auch mitgerissen sein. Die Straßenbahn war jedenfalls ein toller Ausführungsort: Mobiler Innenraum mit wechselnden Menschen, ein Ort, an dem viele Themen wie Fragen der Bewegungsfreiheit, des Bleiberechts und des Zugangs zu (kommunalen) Ressourcen, aber auch des Werbens im Sinne von Artikulation finden, angesprochen werden konnten.
Das Gespräch fand nach einem guten Abendessen am 2. November 2008 statt.
Radostina Patulova ist zuständig für den Kulturbereich von maiz (www.maiz.at).
Marty Huber ist lesbische Aktivistin und Sprecherin der IG Kultur Österreich (www.igkultur.at).