30% der Künstler*innen haben keine durchgehende Pensionsversicherung, 14,7% keine durchgehende Krankenversicherung. Insgesamt 74,9% verdienen mit der Kunst weniger als 10 000 Euro jährlich. Nur eine von vier Künstler*innen ist ausschließlich künstlerisch tätig. Das künstlerische Einkommen von Frauen ist trotz höherem Ausbildungsgrad, größerer Weiterbildungsaktivität und stärkerer Vernetzungen um 35% niedriger als jenes ihrer Kollegen. Letztlich sind Künstler*innen aufgrund ihrer niedrigen Einkommen fünfmal so oft von Armut gefährdet als andere Erwerbstätige.
Dies sind Ergebnisse einer vom BMUKK im Jahr 2007 in Auftrag gegebenen Studie zur sozialen Lage von Künstler*innen in den Sparten bildende Kunst, darstellende Kunst, Film, Literatur und Musik. Die Auswertung von 1850 Fragebögen, verschiedenen Expert*inneninterviews und Gruppengesprächen ist abgeschlossen. Ein Rohbericht existiert seit ein paar Monaten, wird jedoch unter Verschluss gehalten. Jedenfalls theoretisch. Schließlich haben seit August mehrere Zeitungen über die Studienergebnisse berichtet. Mitte September hat sich der Kulturrat Österreich anlässlich der verheerenden Resultate mit Forderungen zu Wort gemeldet. Wo auch immer im Feld von Kunst, Kultur und Medien die soziale Lage von Künstler*innen Thema ist: Die Studie haben viele längst in Händen. Kulturministerin Claudia Schmied hingegen verweist auf einen noch ausständigen Endbericht und will die Ergebnisse vor einer Präsentation noch „statistischen Differenzierungen und Diskussionen“ unterziehen – so der Standpunkt im September 2008. Seither wieder Schweigen. Neugierde ist es selbstverständlich längst nicht mehr, die Künstler*innen und Interessenvertreter*innen auf eine offizielle Veröffentlichung pochen lässt. Vielmehr ist an eine Präsentation – oder welches Ritual auch immer, mit dem die Studie von der Auftraggeberin für abgeschlossen erklärt und die Ergebnisse zur Kenntnis genommen werden – die Erwartung geknüpft, endlich den lange angekündigten Startschuss zur Arbeit an der Verbesserung der sozialen Lage von Künstler*innen zu hören. Seit bald zwei Jahren schließlich hat das Fehlen von aktuellen Daten zur sozialen Lage für Schmied als Grund gegolten mit der Arbeit an Verbesserungsmaßnahmen noch zu warten. Konkrete Hinweise auf die akutesten Problemlagen sind unmissverständlich nachzulesen: Zentrale Belastungsfaktoren sind die soziale Absicherung und die prekäre Einkommenssituation. Durch Erstere fühlen sich knapp 60% besonders hoch belastet, durch Letztere gut 50%.
Belastungsfaktor Einkommen
Ein überproportional hohes Belastungsniveau haben die Studienautor*innen bei bildenden Künstler*innen festgestellt. Auch Frauen sind deutlich häufiger einem hohen Belastungsniveau ausgesetzt als Männer (31,4% versus 20,3%). Hierbei nicht zu unterschätzen ist auch die Lebensform: Während sich 37,1% der verheirateten Künstler*innen aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit nur wenig belastet fühlen, sind es bei den Singles lediglich 19,4% (bzw. 24,4% der Künstler*innen in nicht-ehelicher Lebensgemeinschaft). Die Sorge um das Erzielen eines Existenz sichernden Einkommens ist bei bildenden Künstler*innen am größten. Dieses subjektive Empfinden hat ganz reale Hintergründe. Schließlich ist das persönliche Jahreseinkommen (aus der Summe aller Einkommensquellen, nicht nur aus der Kunst!) in der bildenden Kunst am niedrigsten: Die Hälfte aller bildenden Künstler*innen verdient nur bis zu 10 578 Euro jährlich. Aus der künstlerischen Tätigkeit erzielt die Hälfte der bildenden Künstler*innen pro Jahr sogar nur 3 525 Euro oder weniger – und hat somit auch keine Chance auf einen Zuschuss aus dem Künstlersozialversicherungsfonds, weil hierfür mindestens 4 188,12 Euro (Wert 2008) erreicht werden müssten. Bedenklich an diesen Einkommensverhältnissen sind nicht nur das schlechte Ergebnis und große geschlechterspezifische Differenzen (Frauen verdienen im Schnitt um gut 30% weniger; beim Einkommen aus der künstlerischen Tätigkeit liegt der Unterschied sogar bei über 35%). Auch der Vergleich mit der Einkommenssituation vor zehn Jahren ist alarmierend. In einer 1997 veröffentlichten Studie zur sozialen und ökonomischen Lage von bildenden Künstler*innen gaben die Studienautor*innen den Einkommensmedian (jenen Wert bei dem 50% der Befragten darüber und 50% der Befragten darunter liegen) mit monatlich 15 000 Schilling (Gesamteinkommen!) an. Das heißt umgerechnet: Vor gut zehn Jahren verdiente die Hälfte der bildenden Künstler*innen noch bis zu 13 081 Euro jährlich (Einkommensmedian 2007: 10 578 Euro).
Belastungsfaktor soziale Absicherung
Nur eine von vier Künstler*innen verdient ihr Geld ausschließlich mit der Kunst. Eine von zwei Künstler*innen ist sowohl selbständig als auch unselbständig erwerbstätig (entweder künstlerisch und/oder in einem anderen Bereich). Unselbständige Beschäftigungen für Künstler*innen sind in manchen Sparten kaum existent, in anderen Sparten wiederum von äußerst kurzer Dauer. 32,4% der Filmschaffenden hatten Anstellungen, die nur einen einzigen Tag dauerten. Anstellungen über die Dauer eines Jahres hinaus hatten 5,9% der Filmschaffenden, allerdings 42,9% der darstellenden Künstler*innen und 70,9% der Musiker*innen. In der bildenden Kunst und Literatur wiederum hatten gar nur 4,1% bzw. 3% der Respondent*innen überhaupt eine Anstellung als Künstler*in.
Aus den Parallelitäten und Diskontinuitäten von Beschäftigungsverhältnissen ergeben sich sehr komplexe Versicherungssituationen. Mehrfachversicherungen sind ebenso die Folge wie Versicherungslücken. Die Lücken in der Pensionsversicherung sind am größten: 30% hatten keine durchgängige, 7,1% gar keine Pensionsversicherung. In der Krankenversicherung gaben 14,7% Lücken an (bei den Filmschaffenden sogar 30,5%). Die Mehrheit der Künstler*innen (in der bildenden Kunst und Literatur rund 45%; in der darstellenden Kunst, Film und Musik um die 70%) ist mehrfach beschäftigt. Viele kritisieren die damit verbundene Mehrfach-Pflichtversicherung. Vielfältige Kritik äußerten die Befragten auch an der Arbeitslosenversicherung. Aufgrund der Dominanz von Kurzzeit-Anstellungen erreichen viele Künstler*innen nicht die erforderliche Beschäftigungsdauer, um später Arbeitslosengeld beziehen zu können, müssen aber Beiträge zahlen. Für Künstler*innen unter 35 Jahren stellt sich diese Situation etwa dreimal so häufig als Problem dar denn für Künstler*innen über 45.
Beim Künstlersozialversicherungsfonds zeigte die Studie einmal mehr die Problematik der (unteren und oberen) Einkommensgrenzen als Zuschussvoraussetzung auf: Pro Kalenderjahr haben 4 500 bis 5 000 Künstler*innen einen Zuschuss bezogen, allerdings haben später rund 3 000 Künstler*innen Rückzahlungsforderungen erhalten. Drei Viertel davon hatten das erforderliche Mindesteinkommen aus künstlerischer Tätigkeit nicht erreicht. Die Studienautor*innen halten dazu fest: Es „fühlen sich jüngere KünstlerInnen, das heißt unter 35-Jährige, ohne Partnerschaften und jene mit geringen, unregelmäßigen und schwankenden Einkommen überdurchschnittlich stark durch Fragen der sozialen Absicherung belastet.“
Rettungsanker soziales Umfeld
Partner*innen tragen nicht nur zum subjektiven Wohlbefinden im prekären Arbeitsleben bei und bieten gegebenenfalls die Möglichkeit der Mitversicherung, sondern sind auch finanzielle Stütze. 85% der Respondent*innen kennen finanzielle Notlagen aus eigener Erfahrung. Die häufigsten Reaktionen sind Einschränkungen im alltäglichen Leben, gefolgt von Kontoüberziehungen. Darüber hinaus konnten 43% der Künstlerinnen und 29% der Künstler bei finanziellen Schwierigkeiten auf Unterstützung durch die Partner*in zurückgreifen und etwas öfter noch auf Unterstützung durch Eltern, Bekannte und/oder Freund*innen. Nur 14% haben in diesen Lebensphasen jemals eine Unterstützung aus einem Zuschusssystem beantragt.
Die Familienverhältnisse (berufliche Tätigkeit und Einkommen) der Eltern spielen auch schon bei der Berufswahl ihre Rolle. Quer durch alle künstlerischen Sparten zeigt die Studie ein relativ hohes Tätigkeitsniveau der Eltern auf. Die Mehrzahl der Künstler*innen kommt entweder aus wohlhabenden Verhältnissen oder vor allem aus der Mittelschicht. Darüber hinaus stellten die Studienautor*innen fest, dass der Anteil an Kunstschaffenden aus bescheidenen Familienverhältnissen in den jüngeren Altersgruppen deutlich abnimmt. Auffallend ist außerdem, dass fast jede dritte Künstler*in aus einem Elternhaus kommt, in dem ein Elternteil oder beide selbst künstlerisch tätig sind oder waren. Bei Künstler*innen aus wohlhabenden Familien sind es sogar 39%. Künstler*innen unterstützen ihre Kinder eher im Berufswunsch Künstler*in zu werden: 47,5% der Künstler*innenkinder wurden in ihrer Berufsentscheidung bestärkt, aber nur 25% jener Kunstschaffenden, bei denen kein Elternteil Künstler*in war oder ist.
Daniela Koweindl ist kulturpolitische Sprecherin der IG Bildende Kunst.
[Anm. d. Red.: Kurz nach Drucklegung dieser Ausgabe des Bildpunkt wurde die Studie Zur sozialen Lage der Künstler und Künstlerinnen in Österreich am 19.11.2008 veröffentlicht.]