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Es wurde gerade eine Galerie nach der anderen eröffnet. Der Überblick war nicht mehr da. Statt der alten drei, gab es jetzt mindestens 30. Alle neu. Alle sehr eigen. Zu der Zeit identifizierte sich Mirko Bajs mit ArbeiterInnen. Den richtigen ArbeiterInnen. Es war also nicht sehr überraschend, dass er eine Galerie der ArbeiterInnen eröffnete. In dieser Galerie sollte alles anders sein. Mit einer Authentizitätsbestätigung der Fabriksleitung meldeten sich die ArbeiterInnen morgens um 6 Uhr in der Galerie. Vorher gingen sie, wie auch jeden Tag, in das nahegelegene Stehcafé auf einen Espresso und einen Schnaps. In der Galerie waren sie dann bis 17 Uhr. Das war ihre Arbeitszeit und auch die Öffnungszeit der neuen ArbeiterInnengalerie. Während der ersten Stunde war so gut wie nie etwas los. Um 7 Uhr kamen dann die ersten BesucherInnen. PensionsitInnen, die nach dem Brot-Milch-Zeitungs-Einkauf vorbeischauten und sich vergewisserten, dass es die ArbeiterInnen immer noch gibt. Ab 8 Uhr kamen die Schulgruppen. Sie bekamen eine fachliche Führung rund um die ArbeiterInnen und konnten auch mit ihnen reden. In thematischen Dikussionsrunden. Um 10 Uhr waren die SchülerInnen weg und die ArbeiterInnen hatten bis 10h30 Pause. Die meisten holten sich ein Viertel Brot mit 10 Deka Extrawurst. Sie mussten aber in der Galerie essen, damit die sich mit diesem, für alle so erkennbaren Geruch wiederbefüllte. Um 11 Uhr kamen schon die nächsten. Studierende der ArbeiterInnenwissenschaften. Seit der Gründung der ArbeiterInnengalerie mussten sie nicht mehr in die Fabriken und konnten sich so ganz auf ihre Forschung in der Galerie konzentrieren. Die ArbeiterInnen mochten die Studierenden nicht sehr. Aber schlimmer waren die ÖkonomInnen. Sie faselten von Zentralisation, Kommissionen und von Vermehrung. Verglichen die ArbeiterInnen mit den Aufzeichnungen in ihren Büchern. Aus welchem Grund auch immer, sie verließen die Galerie meistens zufrieden. Jeden ersten Mittwoch im Monat kamen um 13 Uhr die TherapeutInnen. Mit denen hatten die ArbeiterInnen nicht viel zu tun. Sie konnten stehen, sitzen – mussten aber über die Fabrik reden. Die TherapeutInnen hörten nur zu und schrieben ab und zu etwas auf. Aufwändiger war es mit den ModedesignerInnen. Bei denen wusste man nie, wann sie kommen. Die wollten ständig rauf und runter abmessen und befummelten ständig das Material der ArbeiterInnenbekleidung. Gerade als die ArbeiterInnengalerie bestens eingeführt war, begann Mirko Bajs sich mit den BäuerInnen zu identifizieren. Die ArbeiterInnen gingen wieder jeden Tag in die Fabriken, die Galerie wurde ein bisschen umgebaut und in BäuerInnengalerie umbenannt. Auch die Öffnungszeiten änderten sich.
Vlatka Frketić ist kritische Diskursanalytikerin und lebt in Wien.
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