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Das Dokument als Waffe

Editorial

In Österreich hatten bürgerliche Feministinnen die Macht des Faktischen früh für ihre Zwecke in Beschlag genommen: Dokumente der Frau hieß eine von 1899 bis 1903 erschienene Zeitschrift, in der Frauenrechtlerinnen wie Marie Lang, Auguste Fickert und Rosa Mayreder gegen die Diskriminierung ihrer Geschlechtsgenossinnen anschrieben. Wie selbstverständlich standen die Dokumente schlechthin im Dienste der Emanzipation. So war das Dokument über das ganze 20. Jahrhundert hinweg den Bewegungen von Marginalisierten tatsächlich von großem Nutzen: Es half, verborgene Geschichte auszugraben, verdrängte Wahrheiten zu veröffentlichen, Rollenzuschreibungen zurückzuweisen, Vorurteile zu bekämpfen und zu anderem mehr. Aber auch die Gegenseite, nennen wir sie hier die Polizei, war nicht faul, dokumentierte permanent und schuf mit diesen Dokumenten oft erst die Fakten, die dann mühsam widerlegt werden mussten.

Diese Spannungen thematisierend (Widerstand vs. Kontrolle, Wahrheit vs. Wirklichkeit), hielt das Dokumentarische auch Einzug in die Kunst. Ob es ihr schon immer eigen oder vielmehr ihr genaues Gegenteil sei, darüber wurde in den vergangenen Jahren viel geredet. Einschlägige Zeitschriften diskutierten „Reality Art“ (springerin), fragten nach „True Stories?“ (Kulturrisse) und thematisierten „Nichts als die Wahrheit“ (Texte zur Kunst). Der Bildpunkt greift diese Debatten auf und fokussiert sie zugleich: Sind empowernde Effekte noch möglich oder wird doch immer nur das Leiden anderer betrachtet – und damit verlängert?

Das Dokumentarische ist einerseits eine Waffe und kommt, wie jede Waffe, in verschiedenen Kontexten und zu unterschiedlichen Zwecken zum Einsatz. Andererseits bleibt es, anders als andere Waffen, von diesen Umgebungen und Zielen nicht unberührt und von den Einsätzen ebenso wenig. Das Dokumentarische verändert seinen Status, seine Reflektions- und seine Überzeugungskraft im Gebrauch. Das war um das Jahr 1900 herum vielleicht noch nicht so klar. Deshalb konnten auf der einen Seite für Druckerzeugnisse noch so derb zweifelsfreie Titel wie Dokumente der Frau gewählt werden. Politisches Engagement und Kunstschaffen blieben auf der anderen Seite, zumindest bei Mayreder, die auch als Malerin bekannt war, vielleicht deshalb besonders gründlich voneinander getrennt. Das viel beschworene politische Klima jedenfalls ist es definitiv nicht, welches sich auf einem ihrer Landschaftsgemälde namens Gewitterstimmung in der bildmittigen Pfütze auf der baumgesäumten, ins horizontale Nichts führenden Straße spiegelt. Aber in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhundert ist ja zum Glück dokumentiert: da ging’s an den Kreuzungen von Kunst und Aktivismus deutlich weiter.


Jens Kastner, Koordinierender Redakteur