Sowohl im Kunstfeld als auch in den Sozialwissenschaften – aber auch im Rahmen aktivistischer Praxen – scheinen Debatten um die Mehrdimensionalität des Wissens derzeit auf der Tagesordnung zu stehen. Viele gängige „polyperspektivische Ansätze“ beziehen allerdings die Verhältnisse der Wissensformen untereinander und die bestehenden Wissens- und Definitionsmachtverhältnisse in der Gesellschaft nur wenig ein. Mit dem Titel Widerstand. Macht. Wissen nehmen wir in dieser Ausgabe des Bildpunkt Bezug auf die Debatten um die Wissensgesellschaft, fragen aber auch nach den Potenzialen, die in der Erarbeitung und Verbreitung alternativer Wissensformen sowie in der Entwicklung von Gegen-Wissen liegen.
Bildpunkt: Eva, du arbeitest als Künstlerin in verschiedenen Medien und in mehreren Kollektiven wie etwa der Manoa Free University sowie als Redaktionsmitglied der Zeitschrift MALMOE unter anderem zu Themen wie Wissensproduktion. Was ist eigentlich „alternatives Wissen“?
E. E.: Ich finde es sehr schwierig diese Begriffe, die hier fallen, Wissen, Gegen-Wissen oder alternatives Wissen zu unterscheiden. Worauf bezieht man sich denn, wenn man von alternativem oder Gegen-Wissen spricht? Unklar ist das deshalb, weil sich Sprache und Alltagsdiskurse immer wieder verändern und der neoliberale Umbau der Gesellschaft natürlich mit einer gewissen Rhetorik einhergeht. Da kommt es zu Bedeutungsverschiebungen, so dass ursprünglich als emanzipatorisch gesehene Begriffe und Formate der alternativen Wissensproduktion wie Autonomie, Kollektivität, Selbstorganisation, Selbstbestimmung, Flexibilität und Mobilität dabei übernommen und in die Logik der Kapitalverwertung integriert werden. Peter Hartz beispielsweise spricht im Hartz IV-Papier ja auch von einer (Job)Revolution. Das ist das, was Antonio Gramsci als „passive Revolution“ bezeichnet. Begriffe sowie Bildung sind umkämpft. Worum es allerdings bei „alternativem Wissen“ gehen könnte, kann ich mir anhand der beiden Begriffe „Herrschaftswissen“ und „Befreiungswissen“ schon besser vorstellen. Herrschaftswissen wäre jenes Wissen, das dazu dient, die hegemonialen Verhältnisse zu reproduzieren und zu festigen und das der herrschenden Klasse vorbehalten bleibt. Bildung u.a. als Mittel sozialer Segregation. Heute wäre das beispielsweise das Wissen um gewinnbringende Kapitalanlagen oder diese vielen Elite- und Excellenzprogramme. Befreiungswissen wäre im Gegensatz dazu das Wissen um die herrschenden Verhältnisse, die eigene Verstrickung darin, sowie die sozialen Kämpfe darum. Widerständige Erfahrungen und Reflexion darüber in den ArbeiterInnen-, Frauen- und anderen sozialen Bewegungen, in der Gegenwart als auch in der Geschichte.
Bildpunkt: Befreiungswissen ist demnach also nicht nur ein Wissen, das die bestehenden Verhältnisse reflektieren, sondern sie auch verändern will und zwar aus einer konkreten gesellschaftlichen Situation heraus. Charlotte, du unterrichtest Wissensmanagement an der Fachhochschule für Wissensmanagement (FH) und hast dich mit Systemen des Wissens in Ausstellungen und Archiven auseinandergesetzt. Was ist aus deiner Sicht „alternatives Wissen“?
C. M.-T.: Ich möchte gleich die Logik der Kapitalverwertung aufgreifen, denn die Diskurse an der Fachhochschule folgen einzig und allein dieser Logik. Die dortige Wissensvermittlung dient ausschließlich der Effektivitätssteigerung des Betriebes, es geht nicht um Fragen verschiedener SprecherInnenpositionen, sondern um das Abrufen scheinbar objektiven Wissens aus Datenbanken. In einem solchen institutionellen Rahmen wird die Frage nach dem Zustandekommen und der gesellschaftlichen Eingebundenheit von Wissen überhaupt nicht verstanden: Es ist kein Problem, dort über die Institution Museum und die darin stattfindende Wissensproduktion zu sprechen. Versucht man aber, diese Reflexion über die Herstellung von Wissen auf die Institution FH oder die Arbeitgeber der StudentInnen – zumeist aus dem Profit-Bereich – zu übertragen, stößt man sofort auf Widerstände.
Bildpunkt: Solche Konfrontationen mit den hegemonialen Institutionen oder auch den Apparaten der Wertekodierung gibt es ja auch im künstlerischen und musealen Feld. Wie wird deiner Meinung nach hier Wissen wahr gemacht?
C. M.-T.: Die Produktion von Wahrheiten findet schrittweise statt. Zuerst gibt es da die Institution Museum, die einen Rahmen vorgibt und dadurch bereits eine vermeintlich unhintergehbare Autorität ausstrahlt. Hinzu kommen Systematisierungen und Klassifizierungen, die in Archiven vorgenommen werden. Und schließlich sind die Objekte einer Ausstellung selbst natürlich sehr verführerische Komponenten der Wahrheitsproduktion, weil sie gewissermaßen eine „materielle Zeugenschaft“ ablegen. Wenn erst einmal entschieden ist, was wie und in welchem Kontext gezeigt wird, trägt die Anonymität der Institution zur Produktion von Wahrheit bei, die sich beispielsweise in nicht namentlich gekennzeichneten und damit Objektivität suggerierenden Ausstellungstexten äußert. Eine besondere Form nehmen in der Wahrheitsproduktion zudem so genannte realistische Ausstellungsinszenierungen ein, in denen über die möglichst „wirklichkeitsgetreue“ Darstellung geschichtlicher Sachverhalte ein komplexes Bild vermittelt werden soll, ohne dass aber subjektive Herangehensweisen und objektive Auslassungen, Lücken und Brüche thematisiert würden.
Bildpunkt: Ihr habt verschiedene Aspekte des Herrschaftswissens erwähnt, in Form der neoliberalen Umstrukturierung des Bildungssystems oder als normative Kraft von Ausstellungen. Es stellt sich daran anschließend die Frage, ob es nicht auch Potenziale für das so genannte Befreiungswissen im Museum und im Ausstellungskontext gibt und falls ja, welche.
E. E.: Im Prinzip glaube ich schon, dass es solche Potenziale gibt. Natürlich gibt es da viele Fragen. Wie wird das Wissen produziert, vom wem und wem dient es? Inwiefern werden Rahmenbedingungen, Repräsentation und Ökonomie mitkommuniziert und gedacht? Werden die BesucherInnen als politische Subjekte angesprochen? Welche Räume und Öffentlichkeiten werden produziert, usw.? Was den Ausstellungsbereich betrifft, gibt es jedenfalls noch genug marginalisiertes Wissen, das aus dem allgemeinen Kanon ausgeklammert wird.
C. M.-T.: Die Wehrmachtsausstellung ist aus meiner Sicht ein gutes Beispiel für eine Ausstellung, der es gelungen ist, in das kollektive Gedächtnis einzugreifen. Hier wurde es tatsächlich bewerkstelligt, das Kanonwissen zu verschieben und die Vergangenheitsnarrationen über die Nazi-Zeit in Österreich zu verändern. Über die Vermittlungsarbeit lassen sich sicherlich auch neue Wissensformen platzieren.
Bildpunkt: Ihr seid ja beide auch als Lehrende und Wissensvermittlerinnen tätig, mit welchen Erfahrungen seid ihr in Bezug auf die Vermittlung von Wissen konfrontiert?
C. M.-T.: Ich möchte dabei zunächst unterscheiden zwischen institutioneller und nicht-institutioneller Arbeit. Vor allem in der nicht-institutionellen Arbeit, die sich nicht erst am starken Rahmen der Institution abarbeiten muss, sehe ich durchaus Möglichkeiten, kritische Wissensvermittlung zu betreiben. In meiner Arbeit mit Jugendlichen beispielsweise geht es darum, auch strukturelle – gesellschaftliche und politische – Rahmenbedingen zu diskutieren und als veränderliche wahrnehmbar zu machen. Es geht darum zu zeigen, dass mächtige Diskurse zwar mächtig sind, dass es aber auch möglich ist, eine eigene Position ihnen gegenüber zu entwickeln und als Akteur oder Akteurin in sie einzugreifen.
E. E.: Nach der Einführung des Universitätsgesetzes 2002 habe ich angefangen bei der Manoa Free University mitzuarbeiten, weil es notwendig schien, autonome Strukturen zu schaffen. Sobald man sagt, man macht eine Uni selbst und arbeitet mit Wissen, beginnt ein Prozess der Auseinandersetzung darüber. In diesem Rahmen sind einige kollektive Projekte entstanden. Mittlerweile sind wir UntermieterInnen in einem leer stehenden Gebäude eines Universitätscampus, das die Uni für die Lukrierung von Drittmitteln weitervermietet. Eine absurde Situation, weil wir somit mittendrin sind in den Prozessen der Ökonomisierung. Im Moment ist die MFU allerdings „out of business“.
Bildpunkt: Der Titel Widerstand. Macht. Wissen verbindet nicht nur drei Themen, sondern stellt auch – wird „macht“ als Verb gelesen – eine Behauptung auf: Die alt-sozialistische Vorstellung, dass Wissen oder Bildung zu Widerstand führt, wird umgedreht und es wird behauptet, dass widerständige Praktiken selbst neue Wissensformen produzieren. Stimmt ihr dem zu?
E. E.: Ich denke, es stimmt beides. Ersteres ist auch logisch, da es die Entwicklung eines kritischen Bewusstseins braucht, um handlungsfähig und widerständig zu sein, und das finde ich gar nicht so „alt-sozialistisch“. Ich denke andererseits aber auch, dass in den Kämpfen verschiedener sozialer Bewegungen Erfahrungen gemacht werden, die wiederum neues „alternatives Wissen“ produzieren. Und dies passiert durch kollektive Erfahrungen und nicht durch ExpertInnenwissen.
C. M.-T.: In unserer Arbeit mit einer Klasse der Handelsakademie in Lambach OÖ zum Thema „Kriegerdenkmäler“ haben wir die Erfahrung gemacht, dass die SchülerInnen durch ihre eigene Praxis zu neuem Wissen gelangt sind: Mit der Aufgabe betraut, in den Archiven zu den Denkmälern zu forschen, sind sie auf dermaßen viele Schwierigkeiten und Widerstände gestoßen, dass sie selbst erfahren konnten, dass es mit diesem Thema in Österreich offensichtlich ein Problem gibt. Diese Art des Wissenserwerbs, der auf konkreten Erfahrungen fußt, funktioniert ganz anders, als wenn wir ihnen nur von der Problematik erzählt hätten.
Bildpunkt: Innerhalb der postkolonialen Theorie gibt es die Idee des „Verlernens“ von bestimmtem, unterdrückerischem Wissen. Welches Wissen müsste eurer Ansicht nach ver-lernt werden?
E. E.: „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut“ – es gibt eine Menge von Problemfeldern, die anders verhandelt werden müssten. So beispielsweise auch das Wissen um Heimat und Staatsbürgerschaft.
C. M.-T.: Mir scheint es ein ziemlich hoher Anspruch zu sein, Wissen wirklich verlernen zu wollen. Mir geht es eher darum, einen reflektierten Umgang damit zu finden und es neu und anders zu definieren.
Das Gespräch fand am 10. August 2007 in Wien statt, wurde von Nora Sternfeld und Jens Kastner geführt und in Absprache mit den Teilnehmerinnen gekürzt und überarbeitet.
Eva Egermann ist bildende Künstlerin und lebt in Wien.
Charlotte Martinz-Turek ist Kulturwissenschafterin, Kunst- und Kulturvermittlern und lebt in Wien.