IG Bildende Kunst Logo
Die IG BILDENDE KUNST ist die Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

Solidarisieren, Mitglied werden, Vorteile genießen!

Engagieren.

Editorial

In seiner letzten Rede im Mai 2001 plädierte der Soziologe Pierre Bourdieu dafür, „Wissen in engagiertes Wissen (zu) überführen.“ Da blickte er bereits auf einige Jahre des politischen Aktivismus zurück, der spätestens mit seinem Engagement während der Streiks in Frankreich Ende des Jahres 1995 begonnen hatte. War Bourdieu zuvor der Idee wissenschaftlicher Objektivität verpflichtet, hat der Widerstand gegen die neoliberalen Umstrukturierungen offenbar nicht nur seine Einstellung zum Wissen, sondern auch das Wissen selbst verändert, vielleicht sogar neues Wissen hervorgebracht. So jedenfalls ließe sich der Titel dieser Ausgabe lesen: Dass Widerstand Wissen generiert. Widerstand. Macht. Wissen erweitert damit die gängige Vorstellung, die Bildung zur Voraussetzung von Handlungsbefähigung macht („Wissen macht Widerstand“). Die Texte dieses Bildpunkt widmen sich also der Frage, ob bzw. wie bestimmte – engagierte, kritische, widerständige Praktiken Wissen herstellen

Im machtfreien Raum geschieht das selbstverständlich nicht. Dem wurde im Ansatz der educación popular besonders Rechnung getragen, den Marlen Eizaguirre beschreibt. In der educación popular verbinden sich letztlich beide oben angeführten Richtungen („Wissen macht Widerstand macht Wissen“). Ob und wie so etwas wie „alternatives Wissen“ entsteht, haben wir im Gespräch mit Eva Egermann und Charlotte Martinz-Turek diskutiert. Aus ähnlichen Diskussionsprozessen ist vor einigen Jahren auch die Copenhagen Free University hervorgegangen, deren Manifest uns Henriette Heise und Jakob Jakobsen zur Verfügung gestellt haben. Die darin verhandelten Wechselwirkungen zwischen ästhetischen und gesellschaftlichen Verhältnissen sind auch Thema der künstlerischen Arbeit von Zanny Begg.

Aber leben wir eigentlich in einer Wissensgesellschaft? Zwei Beiträge diskutieren dieses zeitdiagnostische Label, Sabine Ammon stellt dabei das besondere Wissen der Kunst heraus und erläutert, warum es bislang weitgehend ignoriert wird. Ignoranz spielt auch bei María do Mar Castro Varela eine wichtige Rolle, und zwar als „die andere Seite des Wissens“. Aus der Sicht der postkolonialen Kritik stellt Castro Varela die repressive Funktion von Bildung und Kultur heraus und entwirft dann die politische Perspektive des „Verlernens“.

Die Bildstrecke hat Johanna Schaffer mit Studierenden der Kunstuniversität Linz gestaltet. Die Glosse stammt, wie in jedem zweiten Heft, von Vlatka Frketic´. Wie immer werden am Schluss einige relevante Bücher zum Thema vorgestellt. Und wie immer prägt auch diesmal die Bezugnahme auf gleichermaßen ästhetische und künstlerische wie auch sozialbewegte Praktiken – wie sie exemplarisch in der Arbeit von Katharina Morawek auf der Rückseite dieser Zeitung zum Ausdruck kommt – den Bildpunkt. Und das Bemühen, mit einer Mischung aus lokalen und internationalen AutorInnen/KünstlerInnen an Debatten hier wie dort zu partizipieren. Mag sein, wir leisten damit einen Beitrag zu dem, was Bourdieu in besagter Rede beim engagierten Wissen, etwas blumig formuliert, für das Entscheidende hielt, nämlich „an der kollektiven Erfindung der kollektiven Strukturen eines erfinderischen Geistes zu arbeiten.“


Jens Kastner, Koordinierender Redakteur