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Widerstand. Macht. Wissen im Buch

Jens Kastner

Wissen ist in Verhältnissen zu denken. Es ist nicht bloß ein zu Handlungen ermächtigendes System oder eine ausbeutbare Ressource, sondern „gebunden an Zeit und Ort, gekoppelt an gesellschaftliche Verhältnisse.“ Darauf weisen Ammon, Heineke und Selbmann hin und widmen ihren Sammelband zudem einem erweiterten Wissensbegriff. Nicht nur wissenschaftliche, sondern auch alltägliche, kulturelle, künstlerische und nichtwissende Wissensformen werden untersucht. Die Frage, wie sich „Hegemonien bestimmter Wissensformen etablieren“, durchzieht dabei einen Großteil der Beiträge. Sie drehen sich um erkenntnistheoretische, entwicklungspolitische und sozialbewegte Fragestellungen. Weil es AktivistInnen sozialer Bewegungen so scheine, als würden Unsicherheiten im eigenen Wissen politisches Handeln blockieren, würden sie ihr Nichtwissen gerne leugnen. Das behauptet Ulrich Beck, der das Nichtwissen zwar allgemein für den Schlüsselkonflikt der reflexiven Moderne hält. Spezifisch „verdrängtes oder nicht-gewußtes Nichtwissen“ finde sich aber häufig bei „Experten und Gegenexperten, neuen (oder alten) religiösen und sozialen Bewegungen“ und verweise auf deren begrenzten Horizont. Etwas konkreter und deutlich weniger diffamierend als beim soziologischen Meisterdenker gestaltet sich die Debatte um das Wissen künstlerischer und sozialer Bewegungen hingegen in den drei Aufsatzbänden. So wird die Legitimität von Laienwissen für den besseren Umgang mit gesellschaftlichen Risiken (Selbmann) oder gar, im Sinne einer „Pluralisierung der Perspektiven“ (Arne Hintz), im biomedizinischen Diskursen eingeklagt. Die Bildungskommission der Heinrich Böll-Stiftung setzt überhaupt auf die „Stärkung zivilgesellschaftlicher Strukturen“. Der von der Grünen- nahen Stiftung herausgegebene Band gehört sicherlich zu den umfassendsten und informiertesten Konvoluten zur Wissens- gesellschaft. Darin wird der gegenwärtigen Ökonomisierung des Wissens ebenso nachgegangen wie bildungspolitischen Diskussionen und dem Verhältnis von Ethik und Wissen(schaft) in den Bio- und Körperpolitiken. Dass eine Diagnose der Gegenwart „ohne geschlechterkritische Perspektive nicht zu haben“ (Hark) ist, behauptet und bespricht hingegen das Buch von Dölling u.a. sehr eindringlich. Wie „Bilder die Ordnungen des Wissens installieren oder auch destabilisieren können“ (Dornhof), ist dabei nur eine von vielen Fragestellungen. Eine philosophische Erörterung des Wissens und seiner Vermittlung leistet Jacques Rancière. Im Anschluss an den Aufklärer Joseph Jacotot entwirft Rancière dabei ein antipädagogisches Manifest, das seine Idee ursprünglicher Gleichheit fortführt. Wissen müsse nicht gelehrt, also erklärt werden, denn die Erklärung sei „der Mythos der Pädagogik (…).“ Nicht erläutern und vermitteln sei also die radikale Folgerung aus der Aufklärung, sondern die Botschaft Jacotots: dass man lehren kann, worin man unwissend ist. Rancières Begeisterung für Jacotot legt auch den Voluntarismus seiner eigenen Gleichheitsvorstellung offen. Über Jacotots „Methode der Gleichheit“ heißt es, sie sei „zuallererst eine Methode des Willens. Man konnte, wenn man es wollte, allein und ohne erklärenden Lehrmeister durch die Spannung seines eigenen Begehrens oder durch den Zwang der Situation lernen.“ Was zunächst sympathisch antiautoritär klingt, dürfte wohl auch konservativen BildungspolitikerInnen zur Freude gereichen.


Jens Kastner ist Kunsthistoriker und Soziologe und lebt in Wien. Er ist Koordinierender Redakteur des Bildpunkt.


Sabine Ammon, Corinna Heineke, Kirsten Selbmann (Hg.): Wissen in Bewegung. Vielfalt und Hegemonie in der Wissensgesellschaft, Weilerswist 2007 (Velbrück Wissenschaft).

Ulrich Beck: Weltrisikogesellschaft, Frankfurt a. M. 2007 (Suhrkamp Verlag).

Heinrich Böll Stiftung (Hg.): Die Verfasstheit der Wissensgesellschaft, Münster 2007 (Verlag Westfälisches Dampfboot).

Irene Dölling, Dorothea Dornhof, Karin Esders, Corinna Genschel, Sabine Hark (Hg.): Transformationen von Wissen, Mensch und Geschlecht. Transdisziplinäre Interventionen, Königstein/Taunus 2007 (Ulrike Helmer Verlag).

Jacques Rancière: Der unwissende Lehrmeister. Fünf Lektionen über die intellektuelle Emanzipation, Wien 2007 (Passagen Verlag).