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Und keiner kauft ein. Auf der Speisekarte steht M*** im Hemd und niemand bestellt. Ein Zeitungsartikel mit eindeutig rassistischen Argumenten setzt der Diskussion ums Bleiberecht die Krone auf und es hagelt Leserbriefe, Abokündigungen und Inseratenstornos. Am Fußballplatz beleidigt ein Zuschauer einen Spieler aufgrund seiner afrikanischen Herkunft, und ein Chor von umstehenden ZuseherInnen komplementiert den Sportsfreund lautstark von der Tribüne. Auf einer Hauswand steht „N**** raus“ und in weniger als 24 Stunden ist die Beschmierung von BeamtInnen der nahe gelegenen Polizeistation als Delikt nach dem Verhetzungsparagraphen bei der Staatsanwaltschaft angezeigt. Als der Übermal-Trupp der MA48 anrückt, um die Hetzparole zu entfernen, bleiben die Farbroller trocken: diesmal waren die BürgerInnen schneller als ihre Stadtverwaltung. Ein feines Stück Science Fiction: politisch progressive Kollektivkräfte rocken die Welthauptstadt des Hauswandrassismus. Traum – und Wirklichkeit? Die Zahl an Personen aus meinem Wiener Bekanntenkreis, die mit Fettkreide loszieht, um die Stadt mit rassistischen Parolen zuzuschmieren, ist Null. Dolossimieineschdechn, waun; wie der/die WienerIn sagt. Was auch für eine absurde Vorstellung. Wenn es um die traditionelle Nachspeisenkarte in einer g’standenen Gastwirtschaft geht, wäre ich im Bezug auf die volksmundig als Besicherung in Aussicht gestellte Perforation eigener Körperregionen allerdings schon bedeutend vorsichtiger. Ein „M*** im Hemd“ ist schnell bestellt. Wo ist denn das Problem? Schwarze Menschen fühlen sich diskriminiert, wenn ihre Geschichte als Opfer von Kolonialismus und Sklaverei auch noch im Mehlspeisenformat aufbereitet wird – geh, bitte. So ist das doch nicht gemeint. Ach was, das ist Tradition, nicht Rassismus. Nicht immer gleich die Keule schwingen. Außerdem ist es doch fast ein Lob: Schwarze Menschen in weißen Hemden, die sind einfach zum anbeißen! Und wie sollte man es sonst nennen, Schokogugelhupf mit Schlag vielleicht? „Mein Julius hat keine Lust mehr auf ein dienstbotenartig gesenktes Haupt“, beginnt der Text zur Erklärung der Kritik am Logo des Handelshauses Julius Meinl, vulgo „Meinl-M***“. „Mein Julius“ ist zugleich ein Gegenbild: Eine schwarze Faust tritt an die Stelle des M*****, der sich aus seinem Markenzeichendasein in die Selbstbestimmung entlässt. Als der Standard in einer Notiz über die Initiative „Mein Julius“ berichtete, explodierte unter den Online-LeserInnen eine Diskussion um die Widersinnigkeit der Kritik am Meinl-Logo, wo die gesamte Bandbreite an beschwichtigenden, verharmlosenden und schlicht zynisch-rassistischen Kommentaren aufgefahren wurde. Auch hier immer wieder der Hinweis auf „Geschichte“ und „Tradition“ – Tenor: Wir lassen uns unseren M*** nicht schlechtreden. Die aktive Gestaltung gegenwärtiger, gesellschaftlicher Verhältnisse interessierte nur die wenigsten Poster. Dabei wäre gerade das Meinl-Logo ein so geeignetes Objekt für einen symbolträchtigen Schritt heraus aus den Schatten der Vergangenheit. Wer gegen rassistische Hetze auf Hausmauern wettert, kann mit der Kritik vor einem Logo, dessen rassistische Implikationen seit Jahrzehnten diskutiert werden, nicht haltmachen. Wahrscheinlich wird der Meinl-Konzern „sein“ Logo nicht so schnell aufgeben. Der Verehrung und Verklärung des Meinl-M***** als nostalgischem Kultobjekt entgegenzutreten, ist aber eine individuelle Entscheidung; der mögliche Effekt eine Frage kollektiver Kräfte.
Markus Wailand ist Mitgründer des Dokumentarfilmkollektivs pooldoks und lebt in Wien. www.meinjulius.at
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