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Selbstorganisation als anti-neoliberale Strategie und einige Fragen

Rubia Salgado

Die Entscheidung, ein EU-Projekt als Rahmen für die politische Arbeit im Sinne der Stärkung und Förderung von Selbstorganisationen von MigrantInnen zu nutzen, war ein Wagnis. Die Richtlinien und Ziele des Equal-Programms orientierten sich nach der neoliberalen Logik der Aktivierung und der Kapitalisierung der Humanressourcen. Und in diesem Sinn war das Ziel der Transformation der gegebenen Situation am Arbeitsmarkt fokussiert auf die Implementierung des Diversity Management Konzeptes in Betrieben. Im Bezug auf die benachteiligten Personen galt das oberste Ziel, diese für den Einstieg bzw. zur Reintegration in den Arbeitsmarkt zu befähigen, indem ihnen fehlendes Wissen und fehlende Kompetenzen vermittelt wurden.

Die Partnerschaft wip – work in process[1] artikulierte und verfolgte im Einklang mit dem Förderprogramm zwar das Ziel der Bekämpfung des Rassismus am Arbeitsmarkt, wählte jedoch eine Strategie, die sich grundsätzlich vom neoliberalen Diskurs unterscheidet. Anstatt Schulungen und Beratungen von Individuen im Rahmen ihrer Aktivitäten zu priorisieren, entschied sie sich für die Strategie der Verankerung von Kompetenzen in den kollektiven migrantischen Selbstorganisationen.

„Junge“ Selbstorganisationen, die im Projekt beteiligt waren, sollten die Möglichkeit erhalten, Erfahrung bei der Antragstellung und bei der Durchführung eines großes EU-Projektes zu sammeln und in ihren Teilbereichen eine experimentelle Arbeit zur Ent- wicklung und Erprobung von alternativen Modellen zur Verbesserung der Situation von MigrantInnen am Arbeitsmarkt autonom durchzuführen. Andere Selbstorganisationen von MigrantInnen sollten in einem Vernetzungs- und Austauschprozess bei der Erarbeitung dieser Modelle mitwirken bzw. im Rahmen eines Prozesses des Wissenstransfers und der Vernetzung gestärkt werden. Die Partnerschaft beabsichtigte, als Vorbild für andere Selbstorganisationen zu fungieren, Ermutigungs- und Unterstützungsarbeit zu leisten und Allianzenbildung zu fördern.

Die Partnerschaft ging davon aus, dass „die Position/ierung von Selbstorganisationen (SO) in der Gesellschaft generell jenseits neoliberaler Konzeptionen von Ich-AGs, Bürgergesellschaftsvorstellungen und Vereinen aller Art zu verorten ist. Denn sie haben insbesondere folgende soziale und politische Implikationen: stärkende Erhaltung des Selbst der Subjekte, Autonomie des Kollek– tivs und Überschreitung des normativ Vorgegebenen. (...) Der kontinuierlich dynamische Prozess macht die Selbstorganisation und ihre ProduzentInnen beweglich und integrationsfähig. Solches Selfempowerment der migrantischen Subjekte eröffnet eine realistische Verbindung von illusionären Wünschen und praktikablen Perspektiven bezogen auf die Arbeitswelt, da grundsätzlich von einer Lernfähigkeit unter-/voneinander auszugehen ist, also auch Erfahrungen tradiert und neue Ideen kreiert werden können.“[2]

Anlässlich der Publikation des letzten[3] aus einer Reihe von vier Readern beschlossen die wip-Mitarbeiterinnen, sich mit der Frage nach dem politischen Tun innerhalb solcher EU-Projekte zu beschäftigen und zogen eine Art Bilanz. Festgehalten wurde, dass anhand des geplanten Einsatzes der jeweiligen Arbeitskräfte kaum Raum für zusätzliches Engagement vorhanden war. Auch die Überregulierung und Kontrolle vor allem im Bezug auf die finanzielle Gewährung wurde als Hindernis für eine Vertiefung der inhaltlichen und politischen Arbeit genannt. Da innerhalb von Equal eine Verbesserung der Situation der diskriminierten Zielgruppen ohne Veränderung der Gesetzeslage angestrebt werden sollte, setzten alle Beteiligten ihre politischeren Ziele im Bereich der Intervention in gesellschaftliche Diskurse. Dies erreichte jedoch keinen Einfluss auf allgemeinverbindliche Struktursetzungen. Die Behauptung „ das Experiment wip ist gelungen“ weist in erster Linie auf die Tatsache hin, dass eine Gruppe von kleinen Selbstorganisationen es geschafft hat, die Ausschlussmechanismen, die mit der Einreichung und finanziellen Ermöglichung solcher Projekte (denken wir an das Problem Vorfinanzierung) verbunden sind, zu überwinden und ein Modell der Zusammenarbeit zwischen Selbstorganisationen professionell zu entwerfen. Die Frage nach der Weiterführung dieses Modells bleibt nach Auslaufen des Projektes immer noch offen. Ebenfalls offen bleibt die Frage nach der Implementierung der im Rahmen des Projektes entwickelten Maßnahmen zur Verbesserung der Situation der jeweiligen Gruppen von MigrantInnen am Arbeitsmarkt. Aber wip ist ebenfalls ein gelungenes Experiment, weil hier zweifellos ein Prozess der Stärkung (vor allem im Sinne der Professionalisierung) der involvierten Selbstorganisationen stattgefunden hat, die als Vorbilder für andere wirken können.

Was verspricht jedoch die Stärkung von Selbstorganisationen von MigrantInnen, wenn diese zwar die Forderung nach Gleichheit und Partizipation artikulieren und sie durch den Gewinn an Repräsentation, der Teil des Stärkungsprozesses ist, in verschiedenen Öffentlichkeiten transportieren, nicht aber eine radikale Kritik an der politisch-ökonomischen Ordnung formulieren, die letztendlich für Ungleichheit, Ausbeutung, Verarmung, Unterdrückung und Exklusion verantwortlich ist? Die Handlung innerhalb von Kollektivitäten gewinnt anhand der gegenwärtigen neoliberalen Entwicklungen eine zentrale politische Dimension und verkörpert die Möglichkeit einer widerständigen anti-neoliberalen Praxis. Aber beinhaltet die Entscheidung für die Strategie der Stärkung von Kollektivitäten notwendigerweise auch eine Kapitalismuskritik? Warum fand innerhalb eines von Selbstorganisationen geführten Projektes, das sich mit dem Thema Arbeitsmarkt beschäftigt, kaum eine Auseinandersetzung mit kapitalistischen Arbeitsverhältnissen statt?

All diese Fragen bleiben offen und weisen auf die Notwendigkeit einer vertieften und kontinuierlichen Reflexion unter Selbstorganisationen von MigrantInnen über eine radikale und widerständige Praxis in Anbetracht der existierenden Sachzwänge.


Rubia Salgado ist Mitarbeiterin von maiz – autonomes Zentrum von und für Migrantinnen und hatte innerhalb der Equal-Partnerschaft wip die Funktion der inhaltlichen Gesamtkoordination.


Die Entwicklungspartnerschaft wip work in process – migrantische Selbstorganisationen und Arbeit (2005–07), wurde von der IG Kultur Österreich finanzverantwortlich, und von maiz inhaltlich koordiniert und von bmwa und esf im Rahmen der Gemeinschaftsinitiative equal gefördert. Beteiligte operative Partnerorganisationen: Schwarze Frauen Community, Peregrina, Initiative Minderheiten, Frauenhetz, Dschanuub, Romani dori, Verein Tool, Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Graz. Strategische Partnerorganisationen waren die Bundesarbeiterkammer und die Wirtschaftskammer. www.work-inprocess.at


[1] Passage aus dem Antrag der Entwicklungspartnerschaft wip – work in process, 2005.

[2] Alles Equal! Übers (politische?) Arbeiten in EUprojekten. A3 – Initiative Minderheiten (Hg.), Publikation im Rahmen der Equalpartnerschaft wip, Wien März 2007. (Download unter:http://work-in-process.at/html/dummy- 3.8.1/uploads/media/WIP_reader4_kl.pdf)

[3] Vgl.: Görg Andreas. Wipolitik – ein gallisches Dorf in Auflösung. In: Alles Equal! Übers (politische?) Arbeiten in EUprojekten. A3 – Initiative Minderheiten (Hg.), Publikation im Rahmen der Equalpartnerschaft wip, Wien März 2007.