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… innerhalb der bestehenden Anerkennungsökonomie

Kollektivkräfte im Gespräch.

Mit an.schläge, Revista Colectiva und Tercerunquinto.

Bereits Vincent Van Gogh wollte aus seinem gelben Haus in Arles eine Künstlerkommune machen, die klassische Moderne ist ohne kollektive künstlerische Organisierung kaum denkbar. Handelte es sich einmal um rein pragmatische Zusammenschlüsse, stand Kollektivität zum anderen auch programmatisch auf der Agenda der Kunstschaffenden. Als solche löste sie sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mehr und mehr von den Organisierungen und Utopien kommunistischer Parteigeschichte und stellte einen anderen Versuch dar, den Individualisierungstendenzen der Moderne bzw. des Liberalismus zu begegnen. So wurden ausgerechnet im künstlerischen Feld, das wie kaum ein anderes auf das autonome Individuum mit seiner „Kreativität“ und „Schöpferkraft“ setzt und angewiesen ist, auch Oppositionen gegen das liberalistische Menschenbild und Politikmodell entwickelt. Und Anschluss an kollektive Organisationsformen innerhalb sozialer Bewegungen gesucht. Zu gegenwärtigen Kollektivstrukturen befragt, antworten ein Künstlerkollektiv (Tercerunquinto), eine künstlerisches Zeitschriftenprojekt (Revista Colectiva) und ein feministisches Magazin (an.schläge).

Bildpunkt: Warum arbeitet ihr als Kollektiv zusammen? Liegen dem eher pragmatische Entscheidungen oder politische Motivationen zu Grunde? Gibt es Traditionen, in denen ihr euch verortet?

an.schläge: Beides. Die Kollektivstruktur ergibt sich einerseits aus dem ganz pragmatischen Grund, dass wir uns eine arbeitsteilig- bezahlte Aufgabenteilung unter allen engagierten Frauen einfach nicht leisten können. Zwei Redakteurinnen sowie einzelne Arbeitsbereiche werden bezahlt, alle anderen nicht, womit auch schon die grundsätzliche Problematik genannt ist. Wird man dem politisch motivierten Kollektivgedanken, den es neben der ganz pragmatischen Motivation bei uns natürlich auch gibt, überhaupt noch gerecht, wenn so ein Ungleichgewicht besteht? Vor allem, weil dieses ungleiche Verhältnis unter den Redakteurinnen natürlich auch zur Folge hat, dass längst nicht alles tatsächlich kollektiv verhandelt wird und bei der wöchentlichen Redaktionssitzung de facto nur ein Teil aller Entscheidungen getroffen werden kann. Von den Machtverhältnissen, die es darüber hinaus natürlich auch zwischen den unbezahlten Redakteurinnen, den altgedienten und den neuen beispielsweise, gibt, gar nicht zu reden. Denn selbstverständlich führen auch die dazu, dass die prinzipiell als konsensual angestrebten Entscheidungsfindungen so fair und gleichberechtigt nicht immer sind. Trotzdem bezeichnen und verstehen wir uns weiterhin als feministisches Kollektiv. Denn vor allem die feministische Kollektivtradition hat sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder darum bemüht, die auch in diesen vorgeblich machtfreien alternativen Räumen real existierende Hierarchien zu problematisieren. Mit dem Resultat, dass wir eine Kollektivkultur entwickeln – oder doch zumindest weiterentwickeln konnten –, die sich von bestimmten verlogenen Maximen verabschiedet hat, ohne den Kollektivgedanken deshalb völlig aufgeben zu müssen.

Revista Colectiva: Die wesentliche Idee, auf der unsere kollektive künstlerische Arbeit basiert, ist dass jede/r KünstlerIn seine eigene künstlerische Arbeit macht, die ihre eigentliche und einzigartige Bedeutung erlangt, indem sie Teil eines Gesamtwerkes wird: In der Summe aller auf Papier gebrachten Ausdrucksformen der einzelnen Schaffenden. Der Mensch ist in der Regel ein politisches Wesen und viele von uns stürzen sich Hals über Kopf in Pragmatismus. Insofern können wir nicht sagen, dass unser Projekt nicht von politischen Bewegungen oder verbreiteten Ideologien wie dem Pragmatismus beeinflusst wäre. Nichtsdestotrotz spiegelt keine von ihnen unsere Motivationen oder Sichtweisen auf kollektive Bemühungen komplett wider. Auch wenn man selbst dazu neigt, sich den linken Bewegungen zugehörig zu fühlen (in erster Linie wegen der gemeinschaftlichen – kommunistischen? – Art der Umgebung, in der wir unsere Kunst entwickeln). Aber es ist nur redlich zu erwähnen, dass wir offen für alle Ideologien und politischen Sichtweisen ohne jede Einschränkung sind, so wie wir ohne Vorurteile offen für alle Arten von Kunstwerken von den Leuten sind, die mit uns zusammenarbeiten.

Tercerunquinto: Für uns war es die Art und Weise, in der wir mit der Kunst anfingen, die uns zum Kollektiv machte. Fast alle neuen StudentInnen an der Universität (Universidad Autónoma de Nuevo León) arbeiteten mit einem Kollektiv namens Caxa zusammen, das von einigen LehrerInnen und ehemaligen SchülerInnen gegründet worden war und das den öffentlichen Raum fokussiert hatte. Seitdem hatten wir zwar persönliche Interessen, aber keine individuellen Produktionsformen. Wir wurden mit der kollektiven Arbeitsweise in die Kunst eingebunden. Das geschah weder durch ein politisches Pamphlet noch eine andere Form von Gründungsmanifest. Am Anfang und als StudentInnen bestand die Gruppe aus einer variablen Anzahl von Mitgliedern, die sich je nach Art des Projektes änderte. Es konnten zehn, neun, sieben oder fünf Leute sein, je nach Video, Wandgemälde, Installation oder Performance, die wir machten. Es war eine sehr spontane Form, in der Gruppe zusammenzuarbeiten. Später, als wir ab 1998 zu dritt arbeiteten, waren wir zwar noch Studenten, verstanden uns aber mehr und mehr als gemeinsames Projekt und entwickelten gemeinsame Interessen. Für uns sind die Diskussion, der Dialog und der Austausch von Ideen die Rohstoffe der Produktion. Wir können nicht sagen, dass es ein sozialistisches Interesse als politische Gruppe gäbe, noch postulieren wir mit unserer Arbeitsweise den Tod des Autors. Wir befinden uns nicht unbedingt im Konflikt mit der künstlerischen Tradition.

Bildpunkt: Welche Probleme ergeben sich bei euch auf der Ebene der Repräsentation? Wer spricht wann und mit welcher Legitimation?

Revista Colectiva: Um auf diese Frage vollständig antworten zu können, müssen in den November 2004 zurückgehen, als das Projekt Revista Colectiva seine erste Nummer herausgebracht hat. Die Idee eines gemeinschaftlichen, regelmäßigen Magazins, in der eine Reihe verschiedener KünstlerInnen von überall auf der Welt den Raum hat, ihre künstlerischen Sichtweisen zu bestimmten Themen zu entwerfen und darzustellen, schwirrte im Kopf des Herausgebers und Chefredakteurs Juan Manuel Betancourt herum. Seitdem ist er derjenige, der all die Arbeiten von KünstlerInnen von überall zusammensammelt, das Magazin und kollektive Veranstaltungen organisiert. In unserem Verständnis ist es unmöglich, dass alle Leute einer Multitude gleichzeitig auf ihre eigene Art und Weise sprechen, zu hören wäre dann nur noch ein Geräusch. Wenn also auch alle einzelnen Arbeiten die gleiche Wichtigkeit innerhalb des Projektes haben und niemand je die/den anderen überragt (alle sind in dem genau gleichen Format platziert, auch die des Herausgebers), ist es nur fair zu sagen, dass wir einer Person die Verantwortlichkeit für die Repräsentation übertragen. Nicht, um für alle zu sprechen, die an Revista Colectiva beteiligt sind, sondern für das Projekt selbst und sein Endergebnis, d. h. für das endgültige, aus allen gezeigten Arbeiten zusammengestellte Kunstwerk. (…)

an.schläge: Der größte Widerspruch zwischen kollektiver und feministischer Arbeit besteht ganz grundsätzlich darin, dass Frauen gerade auch innerhalb der bestehenden Anerkennungsökonomie in aller Regel klare Verliererinnen sind. Und weiterhin um eine Anerkennung ihrer Arbeit ringen müssen, dass sie dafür kämpfen müssen, sich im Wortsinne einen Namen machen zu dürfen. Einen Namen, der im Kollektiv eben wieder verschwindet. Es ist eine legitime feministische Forderung, dass die individuellen Einzelleistungen von Frauen honoriert werden und dass folgerichtig auch die Mehr- und Einzelleistungen in einem feministischen Projekt gewürdigt werden. Deshalb wurde bei den an.schlägen der Kollektivgedanken zeitweilig auch aufgegeben, eine ehemalige Redakteurin hat beispielsweise darauf bestanden, dass sie ihrer Leistung und Verantwortung entsprechend auch „Chefredakteurin“ genannt wird. Wir sind zum, entsprechend veränderten, Kollektivgedanken zurückgekehrt, weil Feministinnen nicht zuletzt aus eigener Erfahrung wussten – lange bevor neoliberale Managementberater es entdeckt haben –, dass das, was als Produkt eines eigenverantwortlichen und meist männlichen Einzelkampfs verkauft wird, in den meisten Fällen das Ergebnis kollektiver und oftmals unsichtbarer Arbeit ist. Und wir auch diese Arbeit sichtbar machen wollen.

Bildpunkt: Auf der einen Seite sind kollektive Entscheidungen oft mühsam und Hierarchien in „strukturlosen“ Gruppen häufig schwieriger anzugreifen, weil nicht so offensichtlich. Auf der anderen Seite wird Kollektivität zum Teil auch von neoliberaler Seite wieder positiv in Anschlag gebracht, aus Gründen der Effektivität und um die eigenen Angriffe auf den Sozialstaat abzufedern. Ist kollektives Arbeiten dennoch ein emanzipatorisches Zukunftsmodell?

Tercerunquinto: Für uns hat es keine historische Bewegung gegeben, die uns inspiriert hat, als Gruppe zusammenzuarbeiten. Manchmal kommt es uns so vor, als wäre es vor allem dem Gesamtkontext geschuldet, dass wir als Kollektiv zusammenarbeiten. Monterrey war eine sehr schwierige und sogar feindliche Umgebung für einige Formen der zeitgenössischen Kunst und die kollektive Arbeit war eine Art von Überlebensstrategie. Die Vereinigung von Kräften garantierte, dass wir als Künstler existieren konnten. (…) Inzwischen gibt es eine viel bewusstere Idee der Gruppenarbeit, auch hinsichtlich anderer Kollektivitäten in der Geschichte und der Gegenwart.

Revista Colectiva: Für uns verändert die kollektive Arbeit in der Kunst bereits die Szenerie für die einzelnen KünstlerInnen. Indem es die Art modifiziert, in der KünstlerInnen traditioneller Weise ihr Werk herstellen und indem die Struktur der oft benutzen Verbreitung verändert wird, glauben wir daran, dass wir eine neue und funktionalere Möglichkeit für KünstlerInnen und die Öffentlichkeit im Allgemeinen bieten. (Unsere Philosophie ist, dass die/der BetrachterIn der/die abschließende MitarbeiterIn in unserem Projekt ist.) Der künstlerische Ausdruck, wie er im Futurismus, in der Dada-Bewegung und später in der Pop Art dargestellt wurde, ist respektloser und direkter, oft auf dem höchsten Stand der Technologie entwickelt und im Stil des Massenkonsums für VerbraucherInnen reproduziert worden, die sich die Werke angesagter KünstlerInnen in ihre Häuser gehängt haben. Kann das irgendetwas in der Zukunft emanzipieren? Wir wissen es nicht, aber wir denken, dass es funktioniert, so lange es den Geist emanzipiert.


Das „Gespräch“ besteht aus Antworten, die die beteiligten Kollektive Anfang November 2007 per e-mail auf die Fragen des Bildpunkt gegeben haben. Übersetzt aus dem Englischen (Revista Colectiva), dem Spanischen (Tercerunquinto) und zusammengesetzt von Jens Kastner.


Für Revista Colectiva antwortete Juan Manuel Betancourt, für an.schläge. Das feministische Magazin Lea Susemichel. Revista Colectiva erscheint seit 2004 in San José de Costa Rica (www.revistacolectiva.com, www.flickr.com/photos/revistacolectiva), an.schläge erscheint seit 1983 in Wien (www.anschlaege.at) und das Künstlerkollektiv Tercerunquinto (Rolando Flores, Gabriel Cazares, Julio Castro) existiert seit 1998 in Monterrey/Mexiko und Mexiko-Stadt.