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Jens: Werden in der gemeinsamen Produktion einer Zeitschrift Prozesse freigesetzt, bei denen es nicht nur um Kooperationen und deren mehr oder weniger gelungene Effekte geht, sondern, wie Marx sagt, „um die Schöpfung einer neuen Kraft, nämlich der Kollektivkraft“? Nora: Ich bin jedenfalls froh, wenn ihr mich von blöden Ideen abhaltet. Und ich habe sehr viel von euch gelernt! Jens: Müssen alle alles machen (können) oder wie viel Expertentum verträgt ein Kollektiv? Nora: Zu dieser Frage möchte ich an einen Unterschied erinnern zwischen dem Begriff des Kollektivs und jenem der Kooperative. Wir sind dann vielleicht eher eine Kooperative, eine GenossInnenschaft, wo alle machen, was sie am besten können oder gerne ausprobieren möchten und alle die Entscheidungen gemeinsam diskutieren, wo (Selbst-)Widerspruch möglich ist. Das heißt, dass wir vielleicht nicht unbedingt eine gemeinsame Identität haben müssen, wie beim Kollektiv, sondern möglicherweise mehrere Identitäten … Daniela: Wenn alle alles machen könnten, würde sich das Redaktionskollektiv erübrigen und eine One-WoMan-Show dasselbe Ergebnis vorlegen, nur auf Dauer vermutlich langweiliger. Vielmehr finde ich es einen Vorteil und spannenden Prozess, mit unserem unterschiedlichen und veränderlichen Können und Wissen immer wieder die Arbeit an einer neuen Ausgabe des Bildpunkt heranzugehen. Arbeitsweise, Erfahrungen und neues Wissen fließen dann auch in nächste Arbeitszusammenhänge ein. Nora: Kollektivkräfte – Dank einer Anregung von Jo Schmeiser haben wir die Mehrzahl schon im Titel. Gemeinsam sind wir mehr als die Summe unserer Teile und zwar nicht nur eine Kraft, sondern gleich mehrere Kräfte. Daher meine Frage: Wie viel Linien- treue nach außen ist angebracht und wie viel Uneinigkeit verträgt ein Kollektiv? Daniela: Uneinigkeit mag mühsam sein, aber wenn daraus – im Kollektiv – neue Ideen entstehen: Bestens! Ist ein wichtiger Teil von Entscheidungsprozessen. Grundsätzlich sollten aber alle alle Entscheidungen mittragen können, also Veto muss auch möglich sein. Eva und Carlos: Wir verstehen uns als ein Teil der kollektiven Kräfte, die eine gerechtere Gesellschaft fordern. Ist das Kollektiv die Bewegung und nicht die Redaktion? Nora: Ihr Lieben, ihr habt wohl Recht. Aber welche Bewegung? Carlos: Tja! Manchmal ist mir der Begriff Allianzenbildung zu modisch. Ich selber als jemand, der die Spuren gerne verwischt (Brecht), und sich eher solidarisiert fühlt, als sich selber zu deklarieren (als Migrant z.B.), mag den Begriff Kollektiv lieber als den Begriff Allianzenbildung, eben das anonyme … also, mit der Frage will ich vielleicht auch fragen: Sind Allianzen(bildung) und Kollektiv Synonyme? Oder hat das Kollektiv eben mehr Kraft, ist unberechenbarer, unsteuerbarer, auch gefährlicher? Aber kämpferischer? Ist die Allianz strategisch und das Kollektiv ideologischer? Jens: Ob die Bewegung das Kollektiv ist? „Somos MAS“. Der schöne Wahlspruch des Movimiento al Socialismo (MAS) in Bolivien fällt mir dazu ein. Aber es ist leider nur ein Wortspiel („Wir sind MAS“ / „wir sind mehr“), das seine performative Kraft nur in bestimmten gesellschaftlichen Situationen entfaltet. Dass es immer stimmt, ist eine der tragischen Basisillusionen der Linken. Daniela: Die Bildpunkt-Redaktion ist kein offenes Kollektiv. Welche Vorteile ergeben sich daraus? Oder verpassen wir etwas?
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