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Zur Sache Kunst im öffentlichen Raum

Nach drei Jahren Projektarbeit wurde der Fonds für Kunst im öffentlichen Raum Wien durch eine GmbH ersetzt.

Eine Erneuerung die Neues bringt?

Pamela Bartar

 

Die Bandbreite von „Kunst im echten Leben“ reicht im Wiener Stadtgedächtnis von den Mosaiken in den Gemeindebauten der 1950er und 1960er Jahre über revitalisierende Bezirks- und Grätzelkunst bis hin zur Franz West-Säule in Wien Mariahilf. Letztere entstand durch die Budgetmittel des 2004 eingerichteten Fonds Kunst im öffentlichen Raum Wien (KöR Wien). Allerdings gelang es nur wenigen Projekten dieses Förderprogramms, qualitativ auf den bespielten Außenraum rückzuwirken und sich nachhaltig in die Stadt einzuschreiben. Angekündigte kulturvermittelnde Maßnahmen blieben auf eine Webseite beschränkt.

Im Mai 2007 gab der Wiener Kulturstadtrat den Transfer der Agenden von KöR Wien in eine in der Kunsthalle Wien angesiedelte GmbH[1] bekannt. Auf Projektkurator Roland Schöny folgte Koordinatorin Ricky Renier, die bisherige Jury wurde durch eine internationale ersetzt, neue GeschäftsführerInnen sind Gerald Matt und Bettina Leidl (Direktor bzw. Geschäftführerin der Kunsthalle Wien). Spekulationen zum Wechsel der Struktur und der Verantwortlichen entwickelten sich zu manchem Stadtgespräch im Sommerloch, trugen jedoch wenig zum notwendigen Qualitätsdiskurs bei. Ein Schritt zur gesetzlichen Verankerung von KöR Wien wurde durch diese Veränderungen nicht gesetzt. Das jährliche Budget (dzt. 800 000 Euro) bleibt weiterhin vom Goodwill der finanzierenden Geschäftsgruppen Wohnbau, Verkehr und Kultur abhängig.

Neuorientierung ohne Kriterien

Bedenken löste auch der erste Pressetext zur neuen KöR-GmbH aus: „Die drei zentralen Punkte von KÖR neu sind Urbanisierung, Internationalisierung und Ausgliederung.“ Die Schwammigkeit dieser drei Schlagworte drängt Fragen auf: Welche Neuerung stellt ein solches Anforderungsprofil eigentlich dar? Was will dieses Profil für die Stadt und seine Öffentlichkeiten leisten? Und wie haben sich die genannten drei Punkte mittlerweile zu einem neuen Leitbild entwickelt? Der Internationalisierungslogik entsprechen die neuen Jurymitglieder Tobias Bezzola (CH) und Anda Rottenberg (P). Weitere Jurymitglieder sind Architekt Adolph Krischanitz (Urheber des Provisoriums der Kunsthalle Wien und des project space am Karlsplatz), Bertold Ecker (Referatsleiter Bildende Kunst in der Kulturabteilung der Stadt Wien) und Ö1 Journalistin Sabine Oppholzer (Ersatzmitglied). Ende Oktober fand eine konstituierende Jurysitzung statt, bei der 27 eingereichte Projekte zur Diskussion standen. Die Veröffentlichung der Förderentscheidung stehen ebenso aus wie Antworten auf Fragen hinsichtlich Auswahlkriterien.

Neu ist auch ein Kuratorium, das sich aus AnsprechpartnerInnen der beteiligten Geschäftsgruppen Wohnbau und Verkehr zusammensetzt. Diese sollen die Jury frühzeitig beraten – was auf einen Schwerpunkt städteplanerischer Projekte schließen lässt. Ein erster Leitfaden werde nach Auskunft der Projektkoordinatorin Ricky Renier zur Verfügung gestellt. Ein endgültiges Statement zu Zielen und Umfang der neuen Periode sei, so Renier, verfrüht. Vieles sei noch zu diskutieren. Bezirks- und grätzelbezogene Projekte sollen in Zukunft jedoch eine maßgebliche Rolle spielen.

Kritisch, transparent und mutig?

Das Einbeziehen betroffener Umwelten und ExpertInnen mit lokaler „Streetcredibility“[2] wird jedoch weiterhin größtenteils vernachlässigt. Eine Diskussion und Evaluierung der ersten Phase (2004 bis Mai 2007) blieb auf der Strecke. Verabsäumt wurde dadurch schlicht die Chance, einen alternativen Prozess in Gang zu setzten, der über die üblichen Förder- und Auswahlverfahren von Kunst hinausgeht und sich mit Stadt als urbanem, ästhetischem und demokratischem Raum auseinandersetzt.

Ein Blick über die Landesgrenzen zeigt Alternativen auf: Nach einem dreijährigen Forschungsprojekt in Zürich, das als künstlerische Recherche in der Stadt durch eine heterogene Arbeitsgruppe geführt wurde, entstand neben der Realisierung einiger Kunstprojekte eine umfassende Publikation.[3] Mitautor Michael Hiltbrunner erklärte als Podiumsgast bei der Diskursreihe city system/ s [4] im Oktober 2007 in Wien die Probleme, die sich nun bei der Implementierung in die Verwaltungsstruktur ergaben. Die Forderung Kunst im öffentlichen Raum im Kontext von „Öffentlichkeit als Plural von Mikroöffentlichkeiten“ zu diskutieren und zum „Forum gesellschaftlicher Konfliktaustragung zu stärken“, ließ die Züricher Stadtverwaltung zurückweichen. „Aber man bleibe dran und ließe sich des Thema Willens nicht ausboten“ so Hiltbrunner. Die Züricher Erfahrung zeigt, dass auch anderenorts reformatorische Aspekte zeitgenössischer Kunstund Kulturpraxen nur schwer Eingang in lokale kulturpolitische, verwaltungstechnische und institutionelle Realitäten finden. Kunst im öffentlichen Raum realisiert sich in einer komplexen Situation, die nicht nur von räumlichen, architektonischen und ästhetischen Elementen geprägt ist, sondern die gleichfalls im Dialog mit wirtschaftlichen, sozialen und politischen Verhältnissen und Geschehnissen steht. Ob die „Ausgliederung“ des Fonds KöR Wien in eine GmbH diese Herausforderung und die benötigte Flexibilität wird leisten können, bleibt abzuwarten.

Problematische Kategorisierung

KünstlerInnen und KulturproduzentInnen, die sich durch Selbstorganisation und selbst beauftragtes Forschen und Arbeiten auszeichnen, wurden seit der Gründung von KöR Wien vielfach an die eher budgetschwachen Subventionstöpfe der dezentralen Kulturbudgets in den Bezirken verwiesen. Einreichungen an die Kulturabteilung der Stadt Wien (Abteilung für bildende Kunst) hingegen wurden an den Fonds (mittlerweile an die GmbH) weitergereicht. Die Konsequenzen waren für viele Projekte wenig erfreulich. Sie unterlagen durch die Kategorisierung als Kunst im öffentlichen Raum der Gefahr, mit künstlerischen Arbeiten im sozialen Raum oder durch eine transdisziplinäre oder experimentelle Ausrichtung schlicht durch das Förder-Netz zu fallen.[5]

Steiermark: Ein neues Modell

Neben dem niederösterreichischen „Vorzeigemodell“ (seit 1996) mit eigener Abteilung im Amt der Niederösterreichischen Landesregierung sind neuerdings auch in weiteren Bundesländern neue Impulse zur Förderung von Kunst im öffentlichen Raum bemerkbar: So agierte das 2006 gegründete Institut für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark in Graz unter der Leitung von Wolfgang Fenz von Beginn an verbindlich nach in einem Positionspapier definierten Kriterien. Mit einem Jahresbudget von 1 Million Euro (daraus werden sämtliche Kosten wie Infrastruktur, Öffentlichkeitsarbeit, Nachpflege usw. bestritten) soll ein Forum für KöR entwickelt werden, das ebenfalls die Möglichkeiten von Forschung, Lehre und Vermittlung mit einbezieht. Die neue Rahmenstruktur soll das gesellschaftliche Wirkungsfeld von Kunst im öffentlichen Raum stärken, so das Positionspapier[6].

Wunschprogramm für Wien

Erfreulich bleibt der Umstand, dass in Wien nach vielen Jahren ohne jede Regelung eine erste konkrete Struktur zur Förderung von Kunst im öffentlichen Raum entstand. Wünschenswert sind jedoch offene Debatten über Inhalte, Verfahren und Möglichkeiten, die über übliche Closed Circuits hinausreichen. Dies könnte mit einer neuerlichen Thematisierung (und Bespielung) bereits vorhandener Arbeiten und Projekte beginnen, mit dem Hintergrund, die öffentliche Kunst immer wieder einem aktuellen Lebenskontext zuzuführen und neue kritische Praxen im Stadtraum mit und durch Kunst zu entwickeln.


Pamela Bartar ist Kulturwissenschaftlerin, Kulturschaffende und Vorstandsmitglied der IG Kultur Wien. Ihre Projekte befassen sich aktuell mit zwei Themenschwerpunkten: Stadt / Kunst im öffentlichen Raum und Auslandskultur. www.publicwienspace.net, www.connectingculture.at.


Informationen und Kontaktdaten zur Förderung von Kunst im öffentlichen Raum in allen Bundesländern siehe S. 15.

[1] www.koer.or.at

[2] Dieser Begriff wurde 2004 von Beatrix Strobl und Wolfgang Schneider zur Jury- Besetzung in die Diskussion eingebracht. Vgl. Der Standard, Printausgabe, 9. 3. 2004.

[3] Christoph Schenker, Michael Hiltbrunner (Hg): Kunst und Öffentlichkeit. Kritische Praxis der Kunst im Stadtraum Zürich, Zürich 2007.

[4] Die Diskursreihe city sytem/s widmete sich von Mai bis Oktober 2007 dem Thema Stadt – ein Projekt der Wolke 7 in Kooperation mit PUBLICwienSPACE.net, to be continued und artminutes.

[5] Geförderte Projekte seit Gründung des Fonds: www.publicartvienna.at

[6] Kontakt: Werner Fenz