IG Bildende Kunst Logo
Die IG BILDENDE KUNST ist die Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

Solidarisieren, Mitglied werden, Vorteile genießen!

Ein wenig Abneigung vor zuviel (ungebetener) Aneignung.

Notizen

Karin Schneider

Die, die sich etwas aneignen, das ihnen nicht gehört, die gelten als UnfairspielerInnen. Doch wem gehört was, „wessen Welt ist die Welt?“ (Auf die von Bertolt Brecht gestellte Frage haben übrigens sozialistische Jugendchöre, nachdem sie das Solidaritätslied laut und falsch abgesungen haben, immer mit Begeisterung gerufen: unsre! Also sei die Frage nun konkret weiter gestellt: Wer ist uns?) Da die Welt (der Reichtum, die Ressourcen, das Wissen, die Zeiten, die Definitionsmächte, der öffentliche Raum, …) nicht speziell jenen wenigen gehört, die sie für sich in Anspruch nehmen, kann Aneignung im Kontext von Selbst-Ermächtigung verstanden werden, im Sinne von sich zu Eigen machen von all den Dingen die „uns“ angeblich nicht gehören. Die freche Geste also von „alles für alle“ oder „Eigentum ist Diebstahl“. In der Hoffnung auch noch einen anderen brauchbaren Blickpunkt aufzumachen, möchte ich den Fokus jedoch auf die andere Seite des „Eignens“ lenken, die der Ent-eignung – ohne damit freilich den ersten Aspekt abgewertet wissen zu wollen, denn es handelt sich um Zwillingsgeschwister.

Gerade in einem Land, das mit Enteignungen anderen Eigentums in Form von Arisierungen und, wie alle kolonialisierenden Länder (Europas) mit der Anraffung der Ressourcen Kolonialisierter nicht zimperlich war (ist), mag ich mit der Ausrufung fröhlicher Aneignungsgesten etwas zurückhaltend sein. Oder anders gefragt: Kann es sein, dass sich das eine über das andere vergisst? Kann es sein, dass sich in das unbefangene Postulat „alles meins!“, „alles unsres!“ eine Leerstelle einschreibt: Die nämlich, ob wir, die von anarchischer Aneignung Träumenden, tatsächlich für alle sprechen, wenn wir alles einfordern oder (wieder mal) nicht doch nur für uns – wer immer das „uns“ gerade ist oder zu sein vor- gibt. So wäre zu fragen, ob wir nicht Enteignende sind, selbst dann, wenn wir meinen, ein gutes Zugriffsrecht zu haben und glauben, aus einer unterdrückten Position heraus zu sprechen. In der vom rites-institute und Gipsy-Radio entwickelten Installation Roma Blut spendeten Roma MusikerInnen Blut an Nicht-Roma- MusikerInnen, da erstere ja bekanntlich „Musik im Blut“ haben (http://www.ritesinstitute.org/blood.html). Es ging uns hier nicht nur um eine plakative Sichtbarmachung von positivem Alltagsrassismus, sondern auch um die Darstellung seiner vampirischen Phantasien und Praxen: Aneignung als Aussaugung auf der Folie positiver Zuschreibungen und der Geste der verständnisvollen Verbindung.

Diese Frage stellt sich immer dann ganz konkret, wenn ich mit PartnerInnen zusammen arbeite, die nicht prinzipiell über die selben Ressourcen verfügen wie ich, im künstlerischen Bereich meint das v. a. Zugangsmöglichkeiten zu Öffentlichkeit, zu Geldern, zu Repräsentation. Wenn im Zuge von Zuneigungen Aneignungen stattfinden, dann kann mich niemand davor schützen, dass ich mir nicht eine Geste, eine Sprache, einen Wunsch zu Eigen gemacht habe, die mir, mit Verlaub, nicht gehören – zum Beispiel die Fantasie, eine Nomadin zu sein, ich, die stolze EU-Pass-Besitzerin. Die Frage bleibt, ob meine Aneignungspraxen von Wissen oder von Symbolen der Widerständigkeit jenen nützen, aus deren Kontext die Dinge stammen und ob ich tatsächlich nur das genommen habe, was mir dargeboten wurde. Getragen von solchen Skrupeln, beginne ich mich zu weigern, mich selbst immer als die Verliererin aller Verhältnisse zu sehen, als die, die vom Kuchen gerade noch die Brösel bekommt, wenn sie nicht rechtzeitig drauf schaut, dass sie hat, wenn sie braucht … Ich richte also alle Um- verteilungsforderungen zunächst auch an mich selbst. Und siehe da, es gibt jede Menge, das ich in den Topf werfen kann aus dem sich alle was aneignen können, wenn sie denn wollen. In einem unserer Projekte (www.permanentbreakfast.org) schufen wir eine sich selbst reproduzierende Struktur/Skulptur, die so lange funktioniert, wie sich welche ihrer bedienen: Appropriation Art jetzt allerdings mit „!“ – verstanden als Aufforderung, angeeignet zu werden und im selben Atemzug als Praxis der Wieder-Aneignung des öffentlichen Raumes (reclaim the street).

Im Übrigen möchte ich mit der obigen Polemik keine Praxen der Bezugnahme schlecht oder lächerlich machen, sondern allein darauf hinweisen, dass es immer noch darum geht, genau zu schauen, wer sich was wo wie und warum aneignet und was dann damit geschieht respektiv wem es nützt. Es wird auch Auffassungsunterschiede darüber geben, wo eine Praxis der künstlerischen Kollaboration die typisch koloniale Einverleibung pflegt und wo sich wirkliche, tragfähige Bündnisse entwickeln. Mit fair play hat das insofern (leider) fast gar nichts mehr zu tun, als die Einforderung eines fairen Spiels in einem qua Definition unfairen Setting zu einer neuen Reproduktion dieses Settings führt, aber das versteht sich ja fast von selbst.

Was wären für mich und aus meiner Position sprechend gewisse Parameter dafür, dass keine (symbolischen) Enteignungen stattfinden? Frei assoziiert auf eigener Erfahrung beruhend, dass ich weiß, dass

– ich vor lauter Begeisterung über die vermeintliche Hybridität der „Anderen“ nicht vergesse, dass ich aus einer bestimmten Identität heraus spreche, in meinem Fall der einer mehrheitsösterreichischen, nicht-lesbisch-lebenden Frau mit akademischem Abschluss etc … Aller Dekonstruktionen zum Trotz: Mein EUPass nützt mir immer.
– ich für Rückgaben und Rückgabeforderungen verantwortlich bin.
– ich die eigene SprecherInnen-Position auch offen lege und mir nicht ungefragt und konsequenzenlos die Sprachen aneigne, die mir gerade als politisch interessanter, radikaler, … vorkommen. Niemand hat etwas davon, dass ich so tue, als hätte ich den EU-Pass nicht. Identitäre Dekonstruktion als Spiel (und nicht als Notwendigkeit) zu sehen: Das ist ein Privileg der Privilegierten. Das führt dazu, dass ich mir immer überlegen muss, was von dem, was ich tue, wem jenseits meiner selbst nützt.
– ich ein ausgesprochenes Feingefühl dafür entwickle, wann ich zur Aneignung eingeladen bin und nie auf die Gegeneinladung verzichte.


Karin Schneider ist je nach dem Zeithistorikerin, Kunstvermittlerin, Kuratorin, lebt in Wien und betreibt Karin’s DenKarium: Kleine Räume zur Diskursverdichtung. Gemeinsam mit Friedemann Derschmidt betreibt sie www.ritesinstitute.org, eine der OrganisatorInnen von www.permanentbreakfast.org. Seit 3 Jahren arbeiten sie mit http://gipsyradio.com, dem Roma internet TV und Radio zusammen.