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Nachklang! Widerhall!

Andrea und Bernhard Hummer

„Politische Interessen“, macht die Historikerin Heidemarie Uhl in ihren Texten zur Gedächtniskultur nach Gründung der Zweiten Republik immer wieder deutlich, „zählen zu den bestimmenden Faktoren des spezifisch österreichischen Umgangs mit der Vergangenheit.“ Wie in kaum einem anderen Bereich fand daher die Geschichtspolitik – und hier vor allem die mit der Integration ehemaliger Nazis einhergehende Darstellung von Österreich als erstem Opfer der NS-Aggression – ihre Widerspiegelung in den Bruchlinien der Denkmallandschaft.

Wer sich ein Bild davon machen will, hat bis heute noch immer vielerorts die Gelegenheit dazu. Auch die oberösterreichische Gemeinde Leonding, wenige Kilometer westlich von Linz, bildete Jahrzehnte lang keine Ausnahme. Inmitten des Stadtzentrums erinnern heroisierende Monumente an die Gefallenen der beiden Weltkriege, die zahlreichen Opfer der NS-Schreckensherrschaft blieben hingegen ohne jede Erwähnung und damit auch wesentliche Fragen ohne Antwort: Wie konnte es zu den beispiellosen Verbrechen kommen? Wie ist mit den Folgen umzugehen? Wer waren die Täterinnen und Täter, wer waren die Leidtragenden und wer wusste davon? Für eine Auseinandersetzung war in Leonding bislang kein Platz.

Seit dem 11. Mai 2007 ist das nun anders. Der Verein Kult-ex hat sich mit der Situation nicht abgefunden, sondern mit Nachklang – Widerhall ein Denkmal geschaffen, das über die offizielle Eröffnung hinaus am Alten Kirchenplatz auf Sichtbarkeit abzielt und diese um akustische Wahrnehmungszugänge erweitert. Gelingen soll dies über eine drei Meter hohe Klangsäule im Inneren der Stadt, die einen dauerhaften und künstlerisch gestalteten Korridor zwischen Gegenwart und Vergangenheit errichtet. Gesprochene Texte von Autorinnen und Autoren, die zum Thema arbeiten, sowie von Widerstandskämpferinnen und Betroffenen, die literarisch tätig sind, bilden nunmehr eine hörbare Textskulptur, die von den Gräueln und der Deportation der NS-Jahre erzählt und zugleich ermuntert, dass Widerstand und politisches Handeln in Zeiten extremer Repression notwendig und auch möglich sind. Alle Beiträge sind zugleich auf der multimedialen Online-Plattform abrufbar.

Der österreichische Schriftsteller und KZÜberlebende Jean Améry hat das Unvermögen, die Tragweite des nationalsozialistischen Verbrechensregimes zu erfassen, vielfach auf den Punkt gebracht. „Da versagt das Wort. Da kapituliert bedingungslos der analytische Verstand“. Umso weniger darf das Schweigen Platz greifen. Nachklang – Widerhall stemmt sich gegen das Verdrängen und Vergessen und schafft vor allem auch jenen einen Platz in der Erinnerung, die darin kaum oder zumeist gar keine Beachtung gefunden haben. Dies betrifft vor allem vertriebene und ermordete Jüdinnen, ermordete und zwangssterilisierte Romnia, Sintiza und Jenische, Frauen mit körperlicher oder psychischer Beeinträchtigung, verschleppte Zwangsarbeiterinnen, Frauen, die Opfer organisierter Vergewaltigung in so genannten „Wehrmachtsbordellen“ wurden, ebenso wie Widerstandskämpferinnen und Partisaninnen. Leonding ist ein Ort wie viele andere, an denen die Gedächtniskultur dieses Landes abzulesen ist. Das künstlerische Denkmal konterkariert fortan die geschichtspolitische Erstarrung und schreibt sich nachhaltig in das Stadtbild ein. Es klingt nach. Es hallt wider.


Andrea und Bernhard Hummer sind Vorstandsmitglieder des Vereins Kult-ex.


Projektinformationen und literarische Beiträge unter: www.nachklang-widerhall.at Zum Projekt ist ein Hörbuch erschienen, Bestellungen auf: www.doew.at