Zu den schillernden Begriffen, die in den letzten Jahren sowohl kunsttheoretische Debatten als auch soziale Kämpfe durchzogen haben, gehört jener der Aneignung. Zum einen entstanden seit den 1980er Jahren künstlerische Arbeiten, die mit dem Etikett der Appropriation Art belegt wurden und das Aufgreifen, Zitieren und Wiederverwenden bestimmter Gegenstände und Verfahren pflegten. Wird der Begriff etwas weiter, über das Label der Appropriation Art hinaus, gefasst, scheint es in der zeitgenössischen Kunst kaum Praktiken zu geben, die nicht in irgendeiner Weise aneignend verfahren. Zum anderen wurden Konzepte der Aneignung aber auch in sozialen Bewegungen diskutiert und praktiziert (umsonst-Kampagnen etc.). Und nicht zuletzt in der gender- und queer-Theorie fungiert Aneignung als eine Möglichkeit, Vorgefundenes aufzugreifen und durch Wiederholungen und Verschiebungen zu verändern.
Bildpunkt: Constanze, in deiner aktuellen Arbeit X Love Scenes, dem fünften Teil des als Serie angelegten Projektes X Characters, eignen sich deine Figuren weibliche Ikonen der Kino-Moderne an. In X Love Scenes geht es um „die filmische Konvention der Liebesszene, die hier als unaufgelöste, traumatische Wiederholung inszeniert wird.“
C. R.: Es gibt ja unterschiedliche Begriffe, mit denen sich die Verfahren bezeichnen lassen, mit denen ich seit Jahren arbeite: Aneignung, Appropriation oder Zitat. Dabei ist Aneignung meiner Ansicht nach der Begriff, der am weitesten reicht. In meiner Arbeit geht es darum, sich weibliche Identitäten aus der Filmgeschichte anzueignen. Und warum macht man das? Ich denke, weil man mit bestimmten modernistischen Repräsentationsformen unzufrieden ist – beispielsweise mit Formen der Identitätsbildung, der Repräsentation von Weiblichkeit in ikonischen Filmen der Kinomoderne. Dort möchte man etwas hinzufügen. Dabei ist es keinesfalls so, dass durch den Umstand der Aneignung automatisch etwas besser gemacht wird. Es gibt in diesem Sinne nichts „Richtiges“, sondern nur den Versuch, bestimmte historisch abgeschlossene Prozesse wieder zu öffnen und noch mal in Frage zu stellen. Das ist, ganz generell gesprochen, das Verfahren, das ich hinsichtlich weiblicher Repräsentation im Kino und in der Mediengeschichte einsetze.
Bildpunkt: Liegt der von dir benannte Unterschied zwischen Aneignung und Zitat vielleicht gerade darin, dass beim Aneignen auch jemandem etwas weggenommen wird?
C. R.: Das Wegnehmen scheint mir als Begriff doch zu stark zu sein, denn man kann ja nichts wegnehmen, was nicht besessen wird. Geht man von der Idee aus, das kulturelle Güter und epistemologische Prozesse niemanden gehören, dass es sich um Werte handelt, die in einer gemeinsamen sozialen Sphäre gemeinsam besessen werden, dann stellt sich die Frage des Wegnehmens nicht. In diesem Zusammenhang sind natürlich die Diskussionen, die um Creative Common versus Copyright geführt werden, interessant. Ich finde eben, dass beispielsweise Godard eine Figur wie Nana nicht besitzt. Sie hat Vorlagen in der Literatur- und Theatergeschichte und sie gehört ihm nicht. Ich habe das Recht, auf eine bestimmte Form zuzugreifen, sie zu kritisieren oder zu adaptieren oder neu zu entwerfen. Und dieses hat auch jede/r nach mir. Darin sehe ich u. a. auch eine programmatische Möglichkeit, Formen der Ökonomisierung auszuweichen.
Bildpunkt: Persson, wie stellt sich die Frage des Aneignens aus deiner Perspektive der queer linguistics dar?
P. B.: Ich denke schon, dass sich in der Aneignung etwas verschiebt. Im Gegensatz zum Zitat, bei dem ich sage, diese oder jene Person hat dann und dann das gesagt, reklamiere ich bei der Aneignung ein Wort für einen Moment als meines mit der jeweils spezifischen Konkretisierung. In der Regel geht es beim Aneignen von Worten ja um Begriffe, die beleidigen oder degradieren und mit denen etwas geschehen soll. Es wird versucht, sie aus einem System zu lösen, das so nicht passt und das man verändern möchte.
Bildpunkt: Das heißt, es gibt so etwas wie eine Strategie, Zuschreibungen bewusst aufzugreifen und den Versuch zu unternehmen, sie umzuschreiben?
P. B.: Ja. Der Begriff queer ist da ein gutes Beispiel, aber das ist sicherlich für alle sozialen Bewegungen von Benachteiligten und Unterdrückten eine ganz zentrale Strategie: Sich Wörter zu nehmen, selbst neu zu bestimmen und damit auch die Macht derer in Frage zu stellen, die sie vorher definiert haben. Wenn ich als pervers benannt werde, weil ich transident lebe, dann beleidigt mich das. Greife ich das Wort aber auf und fülle es neu oder anders, schreibe es auf Plakate, wandle es also in einer kollektiven Aktion um, kann es mir sogar ein politisches Mittel sein. Eine Gefahr besteht dann wieder in der Aneignung durch Institutionen, die sich solche emanzipatorischen Prozesse zu Eigen machen. Wenn die Europäische Union beispielsweise als Ergebnis der feministischen Kämpfe eine Frauenquote von fünfzig Prozent fordert, schließt das Transgender, Intersexen, Genderqueers etc. aus und schreibt das Zwei-Geschlechter-System wieder fest. Wie die Verschiebung also funktioniert, weiß man vorher nicht…
C. R.: …man weiß es nicht, aber tun muss man es dennoch!
Bildpunkt: Da sind wir bereits bei den Gefahren des Aneignens: An welchen Punkten schlägt Aneignung fehl oder wo werden wir beim Aneignen selbst innerhalb der Machtverhältnisse angeeignet?
P. B.: Für mich ist, wie bereits angedeutet, Gender Mainstreaming ein gutes Beispiel dafür, dasselbe gilt für Diversity Management oder ähnliche Konzepte. Es handelt sich dabei um Kategorien, die aus individuellen und kollektiven Kämpfen heraus entstanden sind, die mit der Zeit gesellschaftlich akzeptiert werden, dadurch für Institutionen interessant sind und im nächsten Schritt schon normieren: Wenn ich beispielsweise ein EU-Projekt für Transpersonen und Queers einreiche, habe ich ein Problem. Die EUFormulare lassen da gar nichts anderes zu als die Dichotomie Mann/Frau, ich möchte aber ein Projekt für Leute ohne eindeutige Geschlechterfestschreibung einreichen. Was tue ich also? Hier ist vor dem Hintergrund der ökonomischen Macht der EU eine Wiederaneignung ehemals emanzipatorischer Anliegen geschehen. Diese Gefahr besteht letztlich immer.
Bildpunkt: Lässt sich also sagen, dass der Kampf um das Aneignen selbst das politische Moment ist, während das Ergebnis der Aneignung die Gefahr birgt, wieder in das Gegenteil verkehrt zu werden?
P. B.: Es lässt sich schwer sagen, ob es auch ein Pervert Management geben wird, oder ob der Begriff gender nicht bereits die Grenze der möglichen Rückaneignungen darstellt. Gay Management jedenfalls gibt es meines Wissens noch nicht, obwohl gay längst auch positiv konnotiert ist.
C. R.: Ich kann nicht sagen, ob die Gefahren der künstlerischen Aneignung darin bestehen, dass sich meine Figuren irgendwann gegen mich wenden und mich als Autorin bedrohen, so wie Nanni Moretti als Regisseur über den Filmkritiker herfällt, ihn mit sei- nen Reviews konfrontiert. Ich denke, jede Form der Aneignung von Repräsentationen und Positionen, die Machtverhältnisse berührt, birgt irgendwelche Gefahren. Dennoch scheint es mir legitim, sich aus einer bestimmten Perspektive modernen Ruinen zu widmen und sie sich anzueignen, so wie wenn man ein Computerprogramm fortschreibt. Es geht nicht darum, ein endgültiges Ergebnis zu schaffen, sondern das Modell in seiner Modellhaftigkeit auch anzunehmen und zeitgenössisch zu adaptieren. Sich etwas anzueignen hat auch mit einem Respekt vor der Geschichte zu tun. Im Gegensatz zum Zitieren, das die Dinge oft in einer nostalgischen Verfasstheit belässt, hat das Aneignen auch mit der Reaktivierung bestimmter Konstellationen zu tun. Dabei geht es darum, ein Bewusstsein dafür herzustellen, dass kulturelle Formen nicht das Eigentum von irgendjemandem sind.
P. B.: Ein wichtiger Aspekt des Aneignens scheint mir in der Tat darin zu liegen, Einfluss auf die Geschichte zu nehmen und Geschichtsschreibung zu verändern. Ich denke, die Recherchegruppe zu Schwarzer Österreichischer Geschichte ist ein gutes Beispiel dafür, wie gegen die hegemoniale Geschichtsschreibung angeschrieben werden kann und muss. Es geht um einen Prozess der Selbstermächtigung, der aus der Situation entsteht, sich innerhalb eines Systems zu befinden, an dessen Gestaltung man meist keinen machtvollen Anteil hatte. Schwarze oder queere Geschichte kommt möglicherweise als unsichtbar-sichtbare Diskrepanz vor, aber ohne dass die Subjekte, um die es geht, an der Geschichte mitgeschrieben hätten. Der Prozess der Aneignung ist aber, wie eben schon erwähnt, eigentlich ein recht kurzer Prozess, denn es lässt sich nur sehr bedingt gewährleisten, was anschließend mit dem Angeeigneten geschieht.
C. R.: Innerhalb der Black History gibt es auch verschiedene Versuche, sich über das Moment der Wiederholung gegen die teleologische Geschichtsauffassung der westlichen Moderne zu behaupten. Wie beim Sampeln und Improvisieren in der Musik geht es hier darum, gegen die Zielgerichtetheit westlichen Denkens zu opponieren. Es geht darum, durch Wiederholung eine andere Differenz zu ermöglichen, nicht um Modelle, sondern ums Modellieren. In etwa in diese Richtung geht auch meine Arbeit.
P. B.: Es wird dabei ja nicht bloß wiederholt, sondern die Dinge werden in einen neuen Kontext gestellt …
C. R.: … ja, eine Wiederholung unter anderen Bedingungen.P. B.: Mir ist allerdings schon wichtig, darauf zu reagieren, was mit dem Angeeigneten passiert. Wenn jemand sich das Wort queer aneignet und unter diesem Label dann aber z. B. transphob agiert, kann ich das nicht auf sich beruhen lassen. Wenn, wie beispielsweise bei der Frauenfühlingsuni in Wien, in Räumen mit Transgenderverbot feministische Kritik an Transgenderpolitiken geübt wird und das als queer bezeichnet würde, dann habe ich damit ein Problem. Was tue ich dann? Mensch könnte jetzt natürlich sagen: „Die können das ruhig tun und dann schaut man ihnen zu, wie sie damit auf die Nase fallen …“, aber die fallen nicht auf die Nase, die Diskussionen um den Ausschluss von Transgenders in lesbisch-feministischen Räumen gibt es ja seit Jahren…
Bildpunkt: Halten wir fest, dass Aneignen als Gegenstrategie gegen hegemoniale Definitionsmacht von euch beiden eingesetzt wird, aber auch in dieser Sache nicht als der Weisheit letzter Schluss gehandelt wird. Ob es beim Aneignen um kulturelle Ausdrucksformen oder soziale Errungenschaften geht, daran entscheidet sich offenbar auch die Frage danach, wie mit dem Angeeigneten zu verfahren ist.
C. R.: Das Spannende ist, ob man bereit ist, die Begriffe loszulassen. Aber da unterscheiden sich die Dimensionen: Auch wenn die beiden Bereiche sich keinesfalls trennscharf voneinander abgrenzen lassen, sind auf der Ebene von kulturellen Artefakten sicherlich andere Reaktionen möglich als auf der Ebene des Politischen.
P.B.: Aneignung ist kein statischer Prozess und er hat immer mit Macht und Machtspielen zu tun. Und ich glaube, dass nicht immer alle Wörter angeeignet werden können, weil sie aufgrund ihrer machtvollen Geschichte bereits zu stark konnotiert sind.
Das Gespräch fand am 10. April 2007 in Wien statt. Es wurde von Nora Sternfeld und Jens Kastner geführt und in Absprache mit den TeilnehmerInnen überarbeitet und gekürzt.
Persson Perry Baumgartinger (ver-)sucht und (er-)stellt transinterqueere Räume, Theorien und Praxen. Queer Linguistics. Texte, Workshops & Performances zu TransInterQueer. QueerSnack.
Constanze Ruhm ist Bildende Künstlerin, Professorin für Kunst und Digitale Medien an der Akademie der Bildenden Künste Wien und lebt in Wien und Berlin.