Obwohl anscheinend in aller Munde, sind die Publikationen, die das Thema Aneignen im Titel führen, doch eher rar gesät. Gibt es sie doch, so kommen sie oft über Proklamatorisches nicht hinaus. Bei dem Versuch beispielsweise, Musealisierung und Geschichte als komplex aufeinander bezogene Prozesse zu behandeln, heißt es in der kurzen Einleitung zu fünf Vorträgen: Geschichte bezeichne im modernen historischen Denken weniger Ereignisse und Entwicklungen der Vergangenheit als vielmehr „die immer wieder neue Aneignung der Vergangenheit für die Gegenwart“ – und das war’s dann auch schon mit dem Begriff der Aneignung, im Rest des Buches spielt er keine Rolle mehr. Dabei sind Aneignungen offenbar allgegenwärtig, der Begriff oszilliert zwischen Praktiken des Sampelns im HipHop und den umsonst-Kampagnen der sozialen Bewegungen, zwischen Appropriation Art und dem Umwerten ehemals abwertender Begriffe wie schwul, queer etc. im Aktivismus. Deshalb hatte Anne Wolf im Themenheft Appropriation Now! der Texte zur Kunst auch die Aneignung als „Einsatzort der Subversion“ in der Theorie Judith Butlers ausgemacht. Möglichkeiten und Probleme aneignender Strategien diskutierte 2004 die Bundeskoordination Internationalismus (BUKO) auf ihrem jährlichen Kongress, einem der wenigen überregionalen und regelmäßigen Treffen der deutschsprachigen außerparlamentarischen Linken. Die gesammelten Beiträge zum Themenschwerpunkt Aneignen gibt es als pdf-Dokument zum herunterladen. Die Zeitschrift der Berliner Gruppe Fels (Für eine linke Strömung), Arranca!, hat gleich zwei Nummern dem Thema gewidmet (Nr. 28, erschienen im November 2003, und Nr. 29, April 2004). Im Hinblick auf die Debatten in den sozialen Bewegungen unterscheidet Dirk Hauer in seinem sehr gelungenen Überblicksartikel auf Labournet drei Prinzipien der Aneignung, „ein kapitalisti- sches, ein dem Kapitalverhältnis verhaftetes, aber nichtsdestotrotz subversiv-rebellisches sowie ein kollektiv-kommunistisches.“ Dem Kapitalverhältnis verhaftet bleiben demnach oft auch künstlerische Strategien. Mercedes Bunz erinnert in einem Interview an die Grenzen jeder Appropriation Art am Beispiel einer ihrer großen Protagonistinnen. Sherrie Levine, deren Fotos von Fotos von Walker Evans aneignende Standards gesetzt haben, sollten eigentlich Fotos von Fotos von Edward Weston sein. Aber da kam ihr die Abmahnung der Verwertungsgesellschaft dazwischen. In dem äußerst vielseitigen und grandios betitelten Sammelband Wenn sonst nichts klappt: Wiederholung wiederholen, in dem das Bunz-Interview zu finden ist, bezweifelt auch Isabelle Graw, dass aneignenden Praxen in der Kunst per se ein kritisches Potenzial inne wohne: „Aneignung ist nicht gleich Kritik.“ (Graw) Zudem macht sie auf die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen von männlichen und weiblichen KünstlerInnen für Aneignungen aufmerksam und insistiert auf den Effekten, die auch der angeeignete Gegenstand hinterlässt. Damit setzt sie noch weit grundsätzlicher an als Stefan Römer, der in seiner Grundlagenarbeit zum Thema Fake den Begriff der Aneignung verwirft. Aneignung, schreibt Römer, wurde „zur Konvention, da sich alle Bilderzeugungspraktiken irgendwie auf Prozesse der Aneignung zurückführen lassen.“ Die Neutralisierung der radikalen Aneignungskonzepte im Kunstfeld resümiert Cornelia Sollfrank mit einer eher freibeuterischen Aussicht: „Was heute provoziert – vor allem die großen Medienkonzerne – ist Piraterie.“
Jens Kastner ist Kunsthistoriker und Soziologe und lebt in Wien. Er ist Koordinierender Redakteur des Bildpunkt.
arranca.nadir.org/arranca/
www.buko.info/dokumentation/pdfs/buko27doku.pdf
Ulrich Borsdorf, Heinrich Theodor Grütter, Jörn Rüsen (Hg.): Die Aneignung der Vergangenheit. Musealisierung der Geschichte, Bielefeld 2004 (Transcript Verlag).
Sabeth Buchmann u. a. (Hg.): Wenn sonst nichts klappt: Wiederholung wiederholen in Kunst, Popkultur, Film, Musik, Alltag, Theorie und Praxis, Berlin 2005 (Materialverlag und b_books/Polypen).
Dirk Hauer: Wir wollen Alles – Supermärkte und Bäckereien. Einige Anmerkungen zum Thema „Aneignung“ [2004], in: www.labournet.de/diskussion/arbeit/aktionen/aneignung1.html
Stefan Römer: Künstlerische Strategien des Fake. Kritik von Original und Fälschung, Köln 2001 (DuMont Buchverlag).
Cornelia Sollfrank: Originale… und andere unethische AutorInnenschaften in der Kunst, in: Kulturrisse, Nr. 1/2007, Wien, März 2007, S. 24–27. Texte zur Kunst, Heft 46, 12. Jg., Appropriation Now!, Berlin 2002.