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KünstlerInnen, ohne Arbeit

„Was bleibt vom ,Menschen‘, wenn man die ,Arbeit‘ von ihm abzieht?“

Eva Simmler

Betreuung durch das Arbeitsmarktservice, sowie Leistungsbezüge nach dem Arbeitslosenversicherungsgesetz, also Arbeitslosengeld oder Notstandshilfe, werden mittlerweile von vielen als Privileg oder unwahrscheinlicher Glücksfall empfunden. Die für einen Anspruch, der so genannten Anwartschaft, notwendigen 52 „ordentlichen“ Anstellungswochen (innerhalb von zwei Jahren – für unter 25-jährige genügen 26) zu erreichen, gelingt nämlich den wenigsten, vor allem kaum einem im künstlerischen oder wissenschaftlichen Bereich tätigen Menschen. Umgekehrt soll es auch vorkommen, dass Angestellte in massiv unterdotierten und schlechten Jobs verbleiben, weil die nahe liegende Alternative – Kündigung und (kurzoder längerfristiger) Bezug von Arbeitslosengeld – durch die ungünstige Berechnungsgrundlage (55% des Nettogehaltes) als existenzbedrohend eingeschätzt wird.

Trotz dieser Umstände haben sich österreichweit auch einige tausend KünstlerInnen Anrecht auf Arbeitslosenunterstützung erworben. Der herkömmliche Weg der Berufskategorisierung durch das AMS erfolgt aufgrund der zuletzt ausgeübten angemeldeten Beschäftigung, daher ist es oft sehr umständlich, den BetreuerInnen darzulegen, dass, obwohl eine letzte Anstellung als CallcentermitarbeiterIn oder VerkäuferIn vorliegt, eine der Ausbildung und den Interessen entsprechende Tätigkeit im kulturellen Feld angestrebt wird. Wenn weder ein Diplom einer Kunstuniversität noch ein entsprechendes, eindeutiges Arbeitsverhältnis nachgewiesen werden kann, ist es notwendig, den AMS-MitarbeiterInnen die Realität künstlerischen Schaffens – sei es die Praxis der unbezahlten, „ehrenamtlichen“ Projektmitarbeit oder auch scheinselbstständiges, gelegentlich durch Werkverträge entlohntes Arbeiten – zu erklären. Somit ist es durchaus als „Glücksspiel“ (Wie viel Zeit, Geduld und Ahnung hat meine BetreuerIn?) zu bezeichnen, ob das Menschenrecht der freien Berufswahl (Artikel 23 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte) auch in einem „Dienstleistungsunternehmen des öffentlichen Rechts“ zur Anwendung kommt.

Das Individuum ist denk- und handlungsfähig, zu Neuem imstande gerade aufgrund seiner widersprüchlichen Erfahrungen im Sozialisationsprozess, seines Eingebundenseins in ihn.“

Im Frühling 2004 wurde die bis dahin in der Arbeitsmarktverwaltung angesiedelte Künst- lerInnenbetreuung, das so genannte Künstlerservice, ausgegliedert. Dieser damals von etlichen Protesten von KünstlerInnen, Interessensgemeinschaften und parlamentarischer Opposition begleitete Akt war eine logische Konsequenz der neoliberalen Tendenz des Staates, sich von sozialpolitischer Verantwortung zurückzuziehen, durchaus vergleichbar mit der Privatisierung der Spitäler. Die Projektmanagement GmbH Team 4 erhielt somit den Auftrag, arbeitslose und arbeitsuchende KünstlerInnen zu beraten und vermitteln, wobei nach dem Arbeitsmarktservicegesetz eine Arbeitsvermittlung nur durch das Arbeitsmarktservice, keineswegs durch privatwirtschaftliche Firmen erfolgen darf. Diese schon mehrmals vom Höchstgericht angemahnte Erkenntnis bedeutet, dass das Team 4 lediglich Ausschreibungen weiterleitet, aber die „KundInnen“ nicht dazu angehalten werden, sich zu bewerben bzw. dass bei Ablehnung keine Bezugssperre drohen würde.

Die Beratungstätigkeiten durch Team 4 bedeuten weitere Gespräche und „Clearings“. Es wird besprochen und geklärt, in welchen Bereichen welche Beschäftigungen erreichbar sein könnten – wenn auch mit etwas mehr wissender Anteilnahme als in der Regionalstelle des AMS. Erneut spiegelt sich Biografisches und auch sehr Persönliches in den Köpfen und Monitoren diverser mehr oder weniger verständnisvoller Menschen wider.

Die Arbeitsmarktsituation wird nicht ignoriert oder beschönigt, dennoch ist es auch in der KünstlerInnenbetreuung Ziel (oder die „von oben“ weitergeleitete Vorgabe), die „KundInnen“ so schnell wie möglich wieder los, aus der Statistik zu bekommen, spätestens dann, wenn der so genannte Übertritt in die Langzeitarbeitslosigkeit droht. Ob durch effiziente Umschulungen (sehr beliebt: FitnesstrainerIn für alternde TänzerInnen), ob durch lange Kursmaßnahmen, die der Stunde genau den bürokratischen Auflagen des AMS entsprechen oder eben durch gut gemeinte und teils wirklich engagierte Vermittlung zahlreicher, auch internationaler Stellenausschreibungen.

Wer den gesellschaftlichen Daseinsbeweis des Menschen auf dem Umweg über die Arbeit zu führen versteht, unterwirft sich dem Einheitsdenken und hat den Kampf um eine andere Zukunft schon verloren.“

Eine Betreuung durch das Team 4 hat durchaus auch „Vorteile“, wie etwa den verlängerten Berufsschutz (seit 2005 eigentlich „Entgeltschutz“: bedeutet, dass keine Beschäftigung, deren Entlohnung unter 80% des letzten Gehalts liegt, angenommen werden muss). Außerdem ist eine unentgeltliche Teilnahme an den Kursen auch für jene Arbeitsuchende möglich, die (noch) keinen Anspruch auf (Geld-)Leistungsbezug haben. Letzteres erscheint geradezu revolutionär, jedoch macht es die fehlende Öffentlichkeitsarbeit (informationslose, vollkommen überalterte Website von Team 4!) nahezu unmöglich, mehr und vor allem schon vor Kursantritt über die angebotenen Qualifizierungs- und Weiterbildungsmaßnahmen in Erfahrung zu bringen.

Ein Kurs mit dem recht unbeholfenen, geradezu peinlichen Titel „Ich-AG“ bietet dann durchaus brauchbare Module zum Arbeitslosenversicherungsgesetz, zu Vereins-, Vertrags- und Steuerrecht oder Kostenwesen an. Allerdings lassen sich die in der „Ich-AG“ referierten Argumente für Selbständigkeit an Naivität auch schwer überbieten („Die Bildung von Vermögen fällt häufig leichter.“ oder „Allein meine eigene Initiative und Leistung bestimmen den Erfolg.“).

Wenn also in der Praxis nützliche Informationen verlangt werden, wird der Kurs nicht enttäuschen. Reflexionen, Theorien oder gar Progressives stehen zwar nicht am Stundenplan, sollten aber vielleicht gerade an dergleichen Orten eingefordert werden.

Andere Maßnahmen im Angebot von Team 4 sind Seminare, die sich an KünstlerInnen aus dem darstellenden Bereich wenden. Interessanterweise werden hier viele Trainings speziell für Frauen angeboten; „media acting“, „stageing scenes“ oder diverse Theaterprojekte werden von den meisten auch relativ dankbar angenommen. Diese Kurse und künstlerischen Projektarbeiten sind vielleicht nicht unbedingt längst nachzuholende Qualifizierungen, aber bedeuten für Schauspielerinnen eine gute und günstige Möglichkeit, sich „in Form“ zu halten – wobei auch das Vernetzungspotential innerhalb dieser Gruppen als nicht zu gering eingeschätzt werden darf.

Was die KünstlerInnenbetreuung nicht leisten will, das kann (und soll) durchaus im Rahmen ihrer Kursmaßnahmen durch die TeilnehmerInnen stattfinden: Entwicklung von gemeinsamen Strategien gegen Entpolitisierung und Symptombehandlung durch das Arbeitsmarktservice, Aufbrechen der Untertanenmentalität und das Ausarbeiten von Entwürfen (utopischer) Praxen mit bedingungslosen Grundeinkommen.

Die Befugnis und die Macht zur Umkehr liegt bei den vielen einzelnen, bei ihrem Willen, sich miteinander zu verbünden. Der Umsturz der vom Staat sanktionierten Wirtschaftsgesellschaft beginnt im Kopf, mit der Wiederentdeckung der eigenen Urteilskraft als Keimzelle des Politischen.“

In Ansätzen und hoffentlich nicht zufällig gibt es auch vom Team 4 Projekte mit gesamtpolitischer Intention. In Graz wurden KünstlerInnen zu „Kunst.TrainerInnen“ ausgebildet und konnten in Folge in Projektarbeiten mit arbeitsuchenden Jugendlichen Erfahrungen weitergeben oder auch neu erwerben.

Allianzenbildung zwischen den verschiedenen vom Arbeitsmarkt marginalisierten Gruppen, wie beispielsweise ein Zusammenschluss mit MigrantInnen, AsylwerberInnen oder auch „mehrfachbelasteten“ Frauen, wäre ein nächster Schritt in Richtung Aktivierung und Self-Empowerment. Der Staat respektive das Arbeitsmarktservice muss für derartige Projekte Ressourcen, Räume und Gelder zur Verfügung stellen, die Qualifizierung des/der Einzelnen erfährt durch kollektives Arbeiten eine unvergleichbare Aufwertung, die „Ich-AG“ funktioniert nur in gesamtgesellschaftlichen Kontexten.


Eva Simmler ist Film- und Textarbeiterin.


Die verwendetet Zitate stammen aus dem 2005 im Aufbau-Verlag erschienenen Buch Bürger, ohne Arbeit von Wolfgang Engler.