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Für die Menschlichkeit und gegen den Neoliberalismus

Frequenzen des zapatistischen Widerstands

Ricardo Martínez Martínez

Das Treffens für die Menschlichkeit und gegen den Neoliberalismus Anfang Januar dieses Jahres, das die Zapatistische Armee zur Nationalen Befreiung (EZLN) im Rahmen der Sechsten Deklaration aus dem Lakandonischen Urwald einberufen hat, ist eine politische Initiative von globaler Tragweite. Nach 13 Jahren ihrer öffentlichen Existenz stellt sich die bewaffnete indigene Bewegung aus Chiapas/Mexiko damit den weltweiten Basis-Kämpfen. Die Initiative versteht sich als links und antikapitalistisch und bindet die Ansprüche der indigenen Bevölkerungsgruppen in eine Palette von sozialen Forderungen ein, die gemeinsam die erneuerte Utopie einer Gesellschaft ohne Ausschlüsse entstehen lassen, in der die am meisten vernachlässigten Schichten eine entscheidende Rolle spielen. Darüber hinaus wird damit ein Horizont eröffnet, der es den sozialen Bewegungen ermöglicht, von Grund auf neu zu diskutieren, welche Welt sie wollen und wie sie im Kontext beschleunigten ökonomischen und politischen Wandels zu erschaffen ist – eines Wandels, der durch die großen Finanztransaktionen, die hohe Technologiedichte, die Gestalt der Medien, einer wachsenden Konfrontation zwischen den Klassen und einer Destrukturierung des klassischen Nationalstaates geprägt ist. Nach einer Vielzahl zivilgesellschaftlicher Initiativen begannen die Zapatistas im Rahmen der Sechsten Deklaration auch die so genannte „Andere Kampagne“. Das Jahr 2006 begann inmitten der Endphase der offiziellen Wahlkampf-Kampagnen zur Präsidentschaftswahl am 2. Juni mit einer Reise des Sprechers der EZLN, Subcomandante Marcos – in diesem Zusammenhang delegado zero, Deligierter Null, genannt – durch die mexikanischen Bundesstaaten.

Die Andere Kampagne in Mexiko

Mit der Sechsten Deklaration hat die EZLN eine Neuvermessung der zwölf Punkte vorgenommen, die sie in ihrem Strategieprogramm vom Januar 1994, dem Beginn des Aufstands, bekannt gegeben hatte: Der Kampf für Arbeit, Land, Ernährung, Gesundheit, Bildung, Unabhängigkeit, Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit und Frieden. Diese Deklaration reagiert zwar wie die vorherigen auf spezifische Veränderungen innerhalb der ökonomischen Struktur (nach elf Jahren des Nordamerikanischen Freihandelsvertrages, NAFTA) und auf die vertiefte Krise der politischen Institutionen. Dennoch ist sie nicht, wie einige behaupten, eine Neuauflage vorheriger Initiativen (wie der Nationale Demokratische Konvent 1994, die Gründung der guerilla-unabhängigen Nationalen Befreiungsbewegung MLN oder die „Intergalaktischen“ Treffen 1996 und 1997). Vielmehr handelt es sich um eine Phase im Zapatismus, in der es einerseits (mit der Einrichtung der „Räte der Guten Re- gierung“) um die Neuorganisation der eigenen Strukturen geht und andererseits um die Neuausrichtung des Handelns nach außen: Das Suchen nach neuen Bündnissen mit dem Ziel, einen qualitativen gesellschaftlichen Wandel von unten herbeizuführen.

Die Andere Kampagne international

Mit dem klugen Motto „Für alle alles, nichts für uns!“ wendet sich die EZLN den kontinentalen Kämpfen der Basisbewegungen zu. Statt zu den so genannten „Linksparteien“ bestehen Verbindungen beispielsweise zu den argentinischen Arbeitslosenbewegungen (piqueteros), zu den altermundialistischen Bewegungen oder auch zu den vielen einfallsreichen zivilen Widerstandsaktivitäten gegen transnationale Konzerne (wie Wal Mart, Coca Cola, Mercedes Benz etc.). Die EZLN beteiligt sich an den Kämpfen der anderen, um für sie Erfolge zu erzielen und ohne dabei für sich selbst etwas zu erwarten. Diese ethische Ausrichtung der politischen Aktionen ist eine der neuartigen Dimensionen des zapatistischen Politikverständnisses. Auf dieser Grundlage hat die EZLN auch linke, antikapitalistische Organisationen aus aller Welt eingeladen, gemeinsam Widerstandsaktionen durchzuführen. Im Juli 2007 wird deshalb das zweite Treffen für die Menschlichkeit und gegen den Neoliberalismus in Chiapas stattfinden, um das dritte „Intergalactico“ vorzubereiten.

Das Politische bei der EZLN

Bereits in der 1996 erschienenen Vierten Deklaration aus dem Lakandonischen Urwald hat die EZLN ihre Ideen hinsichtlich der Sphäre des Politischen deutlich und klar gemacht, dass der Raum der Politik in einem ethischen Sinne zu erneuern sei. Diese politische Neukonzeption zeichnet sich vor allem durch zwei Aspekte aus: Zum einen durch das Prinzip mandar obediciendo (gehorchend befehlen) als Ausdruck eines neuen Verhältnisses zwischen Regierung und Regierten und zum anderen durch die Beaufsichtigung der EntscheidungsträgerInnen mit verschiedenen Methoden, wie z.B. der offenen und direkten Befragung (consulta) der Bevölkerung. Die Zapatistas stellen also die Frage der Macht ins Zentrum ihrer Auseinandersetzung, ohne dass es darum geht, sie zu erobern.

Auf der Suche nach einem neuen Subjekt

Ohne die Existenz sozialer Klassen zu negieren oder zu behaupten, die Klassengegensätze seien verschwunden, betont die EZLN, dass das Subjekt sozialer Veränderung, das in den marxistischen Model- len das Proletariat war, sich unter Bedingungen der Globalisierung ausgeweitet hat. Das Subjekt sozialen Wandels muss sich in den Augen der EZLN aus jenen zusammensetzen, die der gegenwärtigen Situation widerstehen. Dieser Widerstand geht von den Ausgeschlossenen, von den MigrantInnen, Homosexuellen, HIV-Positiven, den Frauen, den Indigenen und allen Sektoren aus, die am meisten unter dem Autoritarismus, der Exklusion, der Ausbeutung, der Segregation, den Diskriminierungen und all den gewalttätigen Facetten zu leiden haben, die der Neoliberalismus mit sich bringt. Der Widerstand gegen die Globalisierung ist für diese, die Zivilgesellschaft formierenden AkteurInnen überlebenswichtig.

Die Sprache

Das Verdienst der Zapatistas besteht darin, wie sie selbst sagen, „eine Frequenz der Kommunikation gefunden zu haben, die es ermöglicht, vielfältige Reflexe des Widerstands zu produzieren, die ihre Wirkungen nicht nur im städtischen und im indigenländlichen Mexiko entfalten, sondern auch bei ausgeschlossenen Minderheiten in anderen Ländern.“ Die zapatistische Sprache entstand aus dem Zusammentreffen eines ersten Kerns von (städtischen) Guerriler@s mit den indigenen Gemeinden. Diese Synthese zeitigte nicht nur Effekte innerhalb der nationalen und internationalen Gemeinschaft, sondern schuf auch das, was ich flash backs nennen möchte: Eine Wiederkehr der Geschichte, um die gegenwärtigen Realitäten besser zu verstehen und vielleicht sogar die zukünftigen. Nicht die Vergangenheit für das Verständnis der Gegenwart, sondern um sie mit den Worten, die die Geschichte dafür hergibt, erst zu schaffen. Diese neue Sprache ist für die politische Klasse sehr unbequem, weil sie an eine lineare, abgenutzte Sprache gewohnt ist, die nicht mehr weiß, zu wem und warum sie spricht. Die zapatistische Sprache hingegen hat ein neues semantisches Feld geschaffen, auf dem Kommunikation, Reflexion, Austausch und Annäherungen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Sektoren wieder möglich werden und neue GesprächspartnerInnen gewonnen werden können.


Ricardo Martínez Martínez ist Mittelamerika-Korrespondent der mexikanischen Tageszeitung La Jornada, Buchautor und Mitarbeiter der Zeitschrift Zócalo. Communicación, Política y Sociedad. Er lebt in San Salvador/El Salvador und Mexiko-Stadt.


Übersetzung aus dem Spanischen: Jens Kastner