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Frauenfrühlingsuni 2007

Interview mit Elisabeth Günther und Susi Kimm

Käthe Knittler

Bildpunkt: Nach 17 Jahren wird es wieder eine Frauenuniversität geben. Was war die Motivation dafür?

E. G.: Aufgekommen ist die Idee vor mittlerweile zwei Jahren beim alternativen Bildungspolitiken- Kongress. Birge Krondorfer war eingeladen, um über die Frauenunis (FU) zu sprechen, und viele waren davon sehr begeistert. Es wurde dann relativ schnell beschlossen, dass die ÖH so etwas wieder mitinitiieren möchte.
S. K.:
Auch bei den vorangegangen FUs war es immer so, dass die ÖH auch ein Teil davon war – Autonome Frauenbewegung und ÖH haben zusammengearbeitet.
E. G.:
Die Vorstellung, dass 600 Frauen die VHS Ottakring zum Frauenraum erklärt haben, so wie bei der letzten FU 1990, um Alternativen zur vorherrschenden Wissenschafts- und Bildungspolitik zu diskutieren und zu kritisieren, hat uns sehr beeindruckt und entspricht auch unseren Wünschen und Zielen, auch wenn wir diesmal wahrscheinlich nicht so viele sein werden.

Bildpunkt: Frauenuniversitäten sind aus der Frauenbewegung heraus entstanden. An welche Traditionen wollt ihr anschließen, und wo ist das aufgrund der veränderten Lage der Frauenbewegung und der gesellschaftlichen Verhältnisse nicht möglich?

E. G.: Am Anfang haben wir auch ganz bewusst mit früheren Organisatorinnen Kontakt aufgenommen und Gespräche geführt. Beispielsweise hat uns Gudrun Perko, die maßgeblich mitbeteiligt war, sehr ausführlich erzählt, wie es abgelaufen ist – über Organisatorisches, welche Probleme es gab und wie die Konfliktlinien verlaufen sind. Insofern knüpfen wir ganz konkret an Erfahrungen von damals an, auch daran, wie mit Konflikten umgegangen wird. Wenn es einen diskursiven Moment in der Frauenbewegung gibt, damals zwischen Autonomie und Institutionalisierung, also um die Frage, bleibt frau in der autonomen Frauenbewegung oder geht frau in die Institutionen, so war die FU ein Ort dafür. Heute ist so eine mögliche Konfliktlinie jene zwischen Queer und Frauenraum. Ist queere Politik feministische Politik? Passt Transgender-Politik zu Frauenpolitik und einer eigenen Frauenorganisierung. Auch dieses Jahr soll die Frauenfrühlingsuni (FFU) den Raum für Konflikt und Auseinandersetzung bieten.

Bildpunkt: Für wen ist die Frauenuniversität gedacht?

S. K.: Angesprochen sind alle, also wirklich alle Frauen ab 16, egal welcher Bildung, Herkunft oder feministischen Erfahrung, auch damit schließen wir an eine Tradition früherer FUs an. Für die Workshops haben wir ganz verschiedene Organisationen angesprochen: Migrantinnen- und Behindertenorganisationen, Frauen, die feministisch aktiv sind und Wissenschafterinnen. Es soll möglichst breit werden, auch um die Vielfalt, die es unter Frauen gibt, widerzuspiegeln.

Bildpunkt: Was wird es für Schwerpunkte auf der Frauenfrühlingsuni geben?

S. K.: Schon früh ist das Bild der drei Achsen entstanden. Verbildlicht haben wir es uns als dreidimensionales Koordinatensystem mit drei Schwerpunkten oder Achsen, die einen Raum eröffnen, ihn aber nicht beschränken. Die Achsen sind „prekäre Lebensverhältnisse“, „Feministische Theorie, Kunst und Bewegung“ und „Körperpolitiken“. Das sind Orientierungspunkte in und zwischen die sehr viel hineinpasst.
E. G.:
Prekäre Lebensverhältnisse sind gerade ein sehr wichtiges Thema. Es gibt eine breite Auseinandersetzung um Prekarität, und zugleich ist es ein Thema, das auch frauenpolitisch immer wichtiger wird. Bei Körperpolitiken hat es vor über 10 Jahren einen viel stärkeren Diskurs darüber gegeben, vor allem bezüglich der Reproduktionstechnologie. Wie Menschen im Reagenzglas zugerichtet werden können – als Horrorvorstellung. Das ist ein Teil der Körperpolitiken, andere Themen sind auch heute noch unmittelbar brisant, wie etwa dieser ganze prolife- Wahnsinn der Abtreibungsgegner. Auf der FFU wird es ganz klare pro choice Veranstaltungen geben. Aber auch Fragen zur Kleidung, wie sich Frauen anziehen, gehörten zu Körperpolitiken wie auch die geschlechtliche Dichotomie und Zwangsheterosexualität.

Bildpunkt: Was war die Idee hinter der Dritten Achse: feministische Theorie, Kunst und Bewegung?

S. K.: Bei dieser Achse geht es darum, Theorie und Praxis dezidiert zusammen zu denken, weil sie eben zusammen gehören – und auch die Kunst ist ein ganz wichtiger Teil von beiden.
E. G.:
Viel Bewegung in der feministischen Bewegung ist überhaupt erst durch die Kunst entstanden. Zum Beispiel bei der Aktion von Erika Mis, die sich 1972 als Sträfling mit der Nummer §144 in einem Karren durch die Mariahilfer Straße ziehen hat lassen, um gegen das Abtreibungsverbot zu demonstrieren. Oder auch Valie Exports Tappund- Tast-Kino. Aber auch das sind nur zwei ganz berühmte unter vielen Beispielen.
S. K.:
Geplant ist u.a. ein Theaterworkshop, beruhend auf der Idee von Augusto Boals Theater der Unterdrückten, der über mehrere Tage gehen soll – eventuell gibt es dann auch eine Aufführung.
E. G.: Jeden Abend wird es ein Kunstprogramm geben: Lesungen, einen Filmabend und im Rahmen der Feste werden Frauenbands auftreten. Wir planen auch Kooperationen mit Vernissagen und Ausstellungen.

Bildpunkt: Wie würdet ihr den Begriff Prekarisierung auf die Organisierung der FFU selbst anwenden?

S. K.: (lacht) Wir sind mitten drin.
E. G.:
Die gesamte Arbeit ist sehr prekär. Es ist dieser Widerspruch, mit dem wir in der ganzen Vorbereitung leben, auf der einen Seite kreiden wir an, dass Arbeits- und Lebensverhältnisse immer prekärer werden, gleichzeitig lebt aber auch die FFU davon, dass Honorare mehr symbolisch als angemessen und die Arbeitsverhältnisse prekär sind. Das ist ein Problem, mit dem wir kämpfen.
S. K.:
Sichtbar wird es nicht nur bei den Workshops, die prekär bezahlt werden, sondern auch dadurch, dass wir als Vorbereitungsteam selbst alles in unserer Freizeit und unbezahlt machen. Bei den ÖH-Frauen könnte noch gesagt werden, das ist eben ein Teil der ÖH-Projekte, aber alle anderen Frauen nehmen sich am Abend extra Zeit für die Plena, die Treffen und die Vorbereitung.

Bildpunkt: Wie widersprüchlich ist es für euch, in Zeiten der Hochblüte prekärer Praktikumsstellen, selbst eine Praktikumsstelle auszuschreiben?

S. K.: Das ist genau so ein Widerspruch, dessen wir uns aber auch bewusst sind. Es wäre zumindest gut, wenn die Praktikantin aus einer Studienrichtung kommt, für die sie das Praktikum dann auch anrechnen lassen kann, denn immer öfter werden ja auch Praktika als Teil des Studiums eingefordert.
E. G.:
Es ist natürlich ein ganz unangenehmes, unangebrachtes, total prekäres Arbeitsverhältnis; aber es ist ziemlich sicher stressfreier hier, mitzuarbeiten als bei irgendeiner Werbeagentur Kopien zu machen und das als Praktikum anrechnen zu müssen – vor allem, wenn frau selber daran interessiert ist. Die Idee, ohne dass ich es verteidigen will, ist, einerseits auch die Organisationsarbeit aufzuteilen, und zum anderen, die Anerkennung der Realität, dass immer mehr Frauen und StudentInnen das machen müssen. Eine Aufwandsentschädigung wird es aber jedenfalls geben, damit die Arbeit zumindest nicht ganz gratis ist.

Bildpunkt: Wird sich der Wunsch, nicht nur Uni-Frauen für die FFU anzusprechen, auch räumlich niederschlagen?

E. G.: Eventuell gibt es Veranstaltungen im Frauenzentrum. Das Frauencafé wird rund um die FFU ein eigenes, mit angekündigtes Programm machen.
S. K.:
Wir wollten jedenfalls gerne Gratisräume! Aber die Hauptuni, mit ihren hehren Hallen, die den Elfenbeinturm bis zu einem gewissen Grad so versinnbildlicht, ist uns zu abschreckend. Am Uni-Campus gibt es zumindest Lokale und den Weihnachtsmarkt, der bekannt ist, und nicht nur hohe Räume und den sonst üblichen Büstencharakter und er bietet den Vorteil, dass alle Veranstaltungen nah beieinander und nicht über die ganze Stadt verteilt sind.
E. G.: Versucht wird auch, einen Frauenspaziergang zu organisieren, und auch andere Workshops versuchen dezidiert in den öffentlichen Raum hinaus zu gehen.

Bildpunkt: Danke für das Gespräch.


Elisabeth Günther und Susi Kimm arbeiten im Referat für feministische Politik der ÖHBundesvertretung und sind Mitorganisatorinnen der Frauenfrühlingsuniversität.
Die Frauenfrühlingsuni findet von 30. 3. – 4. 4. 2007 in Wien statt. www.frauenuni.net


Das Gespräch fand im Jänner 2007 in Wien statt und wurde von Käthe Knittler geführt.
Käthe Knittler ist feministische Ökonomin und Redakteurin der grundrisse. zeitschrift für linke theorie & debatte (Wien).