Der zapatistische Slogan „Nichts für uns. Alles für alle!“ wird in dieser Ausgabe u.a. als Zurückweisung von Identitätspolitiken interpretiert, als Form eines „strategischen Universalismus“.
Bildpunkt: Belinda, mit der Recherchegruppe zu Schwarzer österreichischer Geschichte warst Du auch am Ausstellungsprojekt remapping mozart beteiligt. Wie der Untertitel des Projektes schon sagt, ging es dabei darum, „verborgene Geschichte/n“ freizulegen und zugänglich zu machen. Da die Geschichte(n) Schwarzer Menschen gerade im deutschsprachigen Raum in der Öffentlichkeit nicht – oder nur in Form rassistischer Stereotype – vorkommen, bedarf es ganz offensichtlich einer „leidenschaftlichen Suche“ (Frantz Fanon) danach. Diese Bergung des Verschütteten, Unterdrückten, Verschwiegenen war immer wieder auch Ausgangspunkt emanzipatorischen politischen Handelns. Kommt „strategischer Universalismus“ für dich überhaupt in Frage?
B. K.: Das ist sicherlich ein Thema, weil ich denke, dass Vernetzungen mit anderen AktivistInnen eine breitere Basis für die eigene Arbeit ermöglichen. Was dabei für mich gesichert sein muss, ist, dass ich meine eigenen Positionen einbringen kann. Und das wird schließlich zwischen den ProtagonistInnen ausgemacht. Innerhalb gemeinsamer Ziele gibt es sicherlich viele verschiedene Ansatzpunkte, aber genau das ist ja auch das Spannende an den Bündnissen.
Bildpunkt: Gibt es aus deiner Sicht irgendwelche Mechanismen oder gar Vorkehrungen, die sich treffen lassen, damit die eigenen Inhalte tatsächlich vorkommen? Denn oft ist ja gerade die Proklamation eines großen gemeinsamen Nenners genau das Element, das spezifische Interessen und Begehren wieder unsichtbar macht.
B. K.: Der Ausgangspunkt für „Verhandlungen“ mit anderen ist die Reflexion, die vorher innerhalb der eigenen Gruppe über gemeinsame Ziele stattgefunden hat. Das Wie, Was und Wann machen wir uns natürlich vorher klar. Ganz sicherstellen lässt es sich natürlich nie, weil es sich bei diesen Fragen immer um Kämpfe handelt. Aber, nochmals, ich halte auch diese Kämpfe oft für sehr spannend und fruchtbar. So sind wir als Schwarze Recherchegruppe beispielsweise erst auf Anregung von queeren Aktivistinnen auf die Bedeutung des Lesbisch-Seins bei einer Aktivistin wie Audre Lorde gestoßen worden, die wir zuvor in erster Linie als Schwarze Frau rezipiert hatten, die sich gegen das weiße Establishment aufgelehnt hat. Das zeigt eigentlich paradigmatisch, wie wichtig Allianzen sind. Denn selbst bei dem Bezug auf dieselben TheoretikerInnen werden doch andere Schwerpunkte gesetzt, die sich dann ergänzen können.
Bildpunkt: Ulrike, du bist Teil des Kollektivs LTTR, das 2001 gegründet wurde und zur Zeit mit einigen Arbeiten in der Ausstellung Exil des Imaginären in der Generali Foundation Wien zu sehen ist. Unter anderen liegen dort auch die Zeitschriften, die ihr gestaltet und herausgegeben habt. Die erste, offensichtlich namensgebende Nummer hieß Lesbians to the Rescue. Auch das klingt zunächst ja sehr nach Identitätspolitik – kannst du schildern, welche Rolle die bei euch spielt und wie sie sich über die Jahre verändert hat?
U. M.: Lesbians to the Rescue ist durchaus humorvoll und polemisch gemeint, zwar geht es um einen Bezug auf Identitätspolitik, aber auch darum, die gewalttätigen und festschreibenden Aspekte von Identität nicht zu akzeptieren. Sowohl im Hinblick auf Ethnizität, Klasse und Geschlecht ist ja keine Person identisch mit dem, wofür sie steht, es gibt also immer Differenzen zu der zugeschriebenen Identität. LTTR ist ein frei fließendes Akronym, in das sich im Englischen auch Vokale einfügen lassen, die daraus letter (Brief) oder litter (Abfall) machen … LTTR entwickelt aus dem Kunstkontext heraus eine Praxis, die darauf abzielt, so etwas wie Gegenkultur zu etablieren. Uns geht es darum, einerseits ein nachhaltiges Projekt zu entwickeln, es andererseits aber auch niemals festzuschreiben. Es gibt also diese Doppelbewegung: Einen Bezug auf Identität, aber auch einen spielerischen Umgang damit.
Bildpunkt: Jede Identitätspolitik hat ja das Problem, jene Kategorien zum Ausgangspunkt des Handelns zu nehmen, über die die Unterdrückung oder der Ausschluss geschehen und die überwunden werden sollen. Dennoch ist sie oft unverzichtbar. Diese Unverzichtbarkeit aber gilt letztlich auch für universelle Ansprüche wie den der Gleichheit. Reden wir also über das Strategische: Wann gehen strategische Allianzen auf, wann funktionieren sie und wann bzw. warum sind sie dem Scheitern ausgesetzt?
U. M.: Mich hat das heutige Gespräch vor allem deshalb interessiert, weil ich im Moment eigentlich überhaupt nicht über „strategischen Universalismus“ nachdenke. Politik beginnt für mich bei der Regelung von Konflikten innerhalb der eigenen Gruppe. In meiner künstlerischen Arbeit habe ich zunächst nicht den Anspruch, Dinge für eine Gruppe zu leisten, die größer ist als die der Anwesenden. So wird die Frage interessant, wer gekommen ist und was jede einzelne dazu bewegt hat. LTTR macht eine Politik der Begeisterung, d.h. unser Gemeinsames beruht nicht auf Verpflichtungs- oder Schuldgefühlen, sondern auf dem Spaß an der Sache. Eine Politik des Enthusiasmus. Wir stellen Verbindungen zwischen kollektiven Gefühlen und Politik her. Eine Verknüpfung, die im deutschsprachigen Raum von der Linken leider hauptsächlich mit faschisierten Massen in Verbindung gebracht wird …
Bildpunkt: … dass das „euphorische Kollektiv“ in der Linken abgelehnt wurde und wird, geschieht natürlich auch aus sehr guten Gründen …
U. M.: … ja, die will ich auch gar nicht leugnen. Ich denke aber, dass es auch für linke Politiken durchaus ein Potenzial gibt, mit Begeisterung zu arbeiten.
B. K.: Auch bei uns geht es in erster Linien um die Gruppe selbst. Es ist schön, wenn andere sich von dem angesprochen fühlen, was wir tun und daran partizipieren wollen, aber zunächst geht es um uns!
Bildpunkt: Da ihr beide so sehr die Strukturen der eigenen Gruppe betont, muss ich vielleicht anders herum fragen: Gibt es nicht manchmal auch eine Notwendigkeit, universell zu argumentieren oder universalistische Allianzen zu knüpfen? Beispielsweise war vor kurzem im Standard unter der Überschrift „Richtig über Ungleichheit reden“ der Grazer Soziologe Christian Fleck mit der Frage zitiert, „wie viel Ungleichheit braucht eine Gesellschaft?“ Allein die Frage ist ja nur „richtig“ vor dem sozialdarwinistischen Hintergrund der neoliberalen Ideologie. Dagegen gälte es doch, mit dem universellen Anspruch der Gleichheit Stellung zu beziehen.
B. K.: Ein wichtiges Thema, bei dem Allianzen nach wie vor möglich sind, scheint mir der Antirassismus zu sein – auch wenn mir das schon langsam auf die Nerven geht. Ein positives Beispiel solcher Art von Zusammenarbeit war die zwischen der Schwarze Frauen Community und dem Künstlerinnenduo Klub Zwei. Trotz allem kann ich aber nicht von meiner Position der „eigenen Kämpfe“ abrücken. Sicherlich kann ich mich hier und da mit anderen, weißen Frauen beim Thema Feminismus zusammenschließen, das ist auch schön und wichtig. Aber es gibt eben noch andere Unterdrückungen, die bei mir wirksam werden und die mich daran hindern, so einfach unter dem Motto „Nieder mit dem Patriarchat!“ drauf los zu stürmen.
U. M.: Ich glaube auch, dass es gut und wichtig ist, Feminismus immer wieder zu betonen. Wir sind einem antipatriarchalen und antikapitalistischen Modell verpflichtet, und gleichzeitig ist für uns entscheidend, die Kategorie Feminismus zu öffnen und Transgender als wichtige Entwicklung anzuerkennen. Dabei werden Geschlechtergrenzen in Frage gestellt und verunsichert und Leute leben das mit vollem Körpereinsatz. Es geht darum, Identität als Feld zu öffnen, bei dem jede/r sagen kann, ich will dabei sein und da mitmachen – ohne dass Frau-Sein und Lesbisch-Sein, also weder Geschlecht noch Sexualität, für gemeinsame Politik vorausgesetzt wird. Im Grunde ist queer eine emotionale Kategorie, die bedeutet, sich „komisch“ zu fühlen und nicht mit der Mehrheitsgesellschaft in Einklang zu stehen.
Bildpunkt: Die positiven Effekte der Judith Butler-Lektüre auf Bewegungen sind unverkennbar, entgegen der Stimmen, die immer wieder behaupten, die ganze Dekonstruktion von Kollektivsubjekten habe nur zu Zersplitterung und Handlungsunfähigkeit geführt. Auf der anderen Seite gibt es aber auch in den gender- Bewegungen die Diskussion, ob der Begriff queer im Sinne eines feministischen Kampfes eher eng geführt, oder ob er tatsächlich für alle Formen von Dissenz oder, wie du es genannt hast, des Komisch-Fühlens, geöffnet werden soll.
U. M.: Für mich ist das eine Frage des Kontextes. Hier scheint mir die Situation in Wien eine ganz andere zu sein als die in New York. Die von euch geführte Diskussion um Prekarisierung beispielsweise findet in den USA nicht statt, weil der Prozess längst abgeschlossen ist: Es gibt keinen Sozialstaat in den USA. Dadurch bekommen Community und soziale Fürsorge eine ganz andere Bedeutung. Man macht sich keine Hoffnungen, dass an den Staat gerichtete Forderungen in absehbarer Zeit erfüllt werden, sondern beginnt selbst, sich zu organisieren. So gibt es beispielsweise in New York das Callen-Lorde-Health Center, benannt nach Michael Callen und Audre Lorde, das die gender-queere Community versorgt und das zu Preisen, die nach dem Einkommen gestaffelt sind. Es gibt eine ganze Reihe solcher Parallelprojekte.
B. K.: Ein solches Modell scheint mir auch für uns erstrebenswert: Einerseits unsere Interessen gegenüber anderen zu vertreten und zu behaupten, andererseits aber auch wirklich schon selbst neue Formen des Umgangs zu verwirklichen. Also nicht nur Träume und Visionen in Publikationen, Videos oder anderen künstlerischen Arbeiten zum Ausdruck zu bringen, sondern sie tatsächlich umzusetzen.
Bildpunkt: Also doch Community statt Universalismus?
B. K.: Strategischer Universalismus ist sicherlich insofern ein gutes Konzept, als dass sich dadurch verhindern lässt, klein gehalten, d.h. auf kulturelle Differenz festgeschrieben zu werden.
Bildpunkt: … so lässt sich sicherlich auch deine Bemerkung verstehen, dass dir der Antirassismus auf die Nerven geht …
B. K.: … genau, ich werde dadurch in eine Situation gedrückt, in der ich immer wieder dazu gezwungen werde, mein Da-Sein zu erklären. Mir wird die Normalität aberkannt. Demgegenüber gibt es aber auch Situationen, in denen es mir gerade wichtig ist, mich als Schwarze Frau zu positionieren.
U. M.: Ein produktiver Umgang mit Identität besteht doch darin, sich anders zu Verhalten als erwartet, und mit diesen Inkongruenzen Verstörungen zu erzeugen, die dann Kommunikation ermöglichen. Normative Vorstellungen wirken bis in die Abgrenzungsmodelle hinein. Als ich noch in Wien lebte, fühlte ich mich beispielsweise als bisexuelle Frau von der lesbischen Szene kaum akzeptiert. Ich glaube aber, dass diese Grenzen beginnen, sich aufzuweichen.
Ulrike Müller ist Künstlerin, Mitglied des Künstlerinnenkollektivs LTTR (www.lttr.org) und lebt in New York. Sie ist Herausgeberin des kürzlich bei b_books (Berlin) erschienenen Buches Work the Room. Ein Handbuch zu Performancestrategien.
Belinda Kazeem ist Mitglied der Recherchegruppe zu Schwarzer österreichischer Geschichte, Studentin der Internationalen Entwicklung und Theater-, Film- und Medienwissenschaften und lebt in Wien.
Das Gespräch fand am 19. 1. 2007 in Wien statt, wurde von Jens Kastner geführt und in Absprache mit den Teilnehmerinnen gekürzt und überarbeitet.