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Die IG BILDENDE KUNST ist die Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

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Sendungsbewusstsein und Legitimation

Über Allianzen zwischen Kunst und Aktivismus

Lilian Engelmann

Demokratie als Prozess war eine Ausstellung im öffentlichen Raum in zwei Kleinstädten in Thüringen, die gemeinsam mit Vera Lauf und mir, der Initiative N.O. – für ein gewaltfreies Miteinander vor Ort und Studierenden der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig entwickelt wurde.[1] Die Ausstellung war weder von einer Kunst- oder Kulturinstitution angeregt oder initiiert worden, noch wurde sie durch den Kulturbereich finanziert und war auch keine Struktur aufbauende Maßnahme der Europäischen Union. Sie entstand vornehmlich, weil Künstler, Künstlerinnen und Kuratorinnen aus einem eigenen Bedürfnis heraus ihr eigenes Tätigkeitsfeld mit ihrem politischen Interesse und Engagement temporär mit einem außerhalb des Kunstfeldes agierenden Aktionsbündnis verbanden. Dabei sollte die thematische Auseinandersetzung und die Zusammenarbeit mit der Initiative nicht an einen anderen Ort transferiert werden, an dem die Problemfelder aus sicherer Distanz und mit den Lupen-Augen bürgerlicher Wertvorstellungen betrachtet werden können. Als Kuratorin war mir vor Ort wichtig, nicht für eine marginalisierte und Repressionen ausgesetzten Gruppe zu sprechen, sondern die Themenfelder, die diese Gruppe angingen und die auch über ihren konkreten Aktionsradius hinausgingen, mit einer kritischen Kunstpraxis zu verbinden. Dabei sollten aber Erfahrungen und Ergebnisse von Recherchen der Initiative mit in die Ausstellung einfließen. Die Allianz, die sich zwischen den Künstlern und Künstlerinnen, den Kuratorinnen und der Initiative bildete, war zeitlich begrenzt und vorrangig auf die Entwicklung einer gemeinsamen Ausstellung angelegt. Fast zwei Jahre haben wir an der Ausstellung gearbeitet, die aus performativen, interventionistischen und installativen Arbeiten bestand. Die Idee war, durch unsere Zusammenarbeit möglicherweise Anregungen für andere Koalitionen zu geben, die wiederum andere organisatorische Formen, Konstellationen und Situationen erzeugen. Ist uns das gelungen? Diese Frage ist schwer zu beantworten, weil die Wirkung, die die Ausstellung erzeugt hat, nicht evaluiert werden konnte. Die Initiative, so wie sie 2001 bestand, gibt es heute nicht mehr, was vor allem an sozialpolitischen Entscheidungen und Förderungen und der wohl mangelnden Unterstützung vor Ort liegt.

Demokratie als Prozess war meine erste Ausstellung im öffentlichen Raum und die erste, die mit einer Initiative erarbeitet wurde, die keinerlei Verbindung zum Kunstfeld hatte. Hinzu kam, dass die Gegend um Neustadt (Orla) und Triptis ohne Übertreibung als kulturelles Brachland bezeichnet werden kann – zeitgenössische Kunst spielt dort so gut wie keine Rolle, Theater und Kino zeigen weithin Mainstream-Programm und Orte der Bildung außerhalb von Schulen sind kaum anzutreffen. Auch bei der Zusammenarbeit mit den Jugendlichen aus der Initiative wurde klar, das Kunstformen, die jenseits eines naturalistischen Abbildens agieren, nicht nur fast unbekannt waren, sondern auch nur schwer Akzeptanz fanden. Wir veranstalteten einen Workshop über die Möglichkeiten mittels der Kunst auf gesellschaftliche Phänomene zu reagieren, sie zu analysieren und kritisch zu hinterfragen. Für die meisten in der Initiative blieb Kunst aber etwas, das mit dem ästhetisch Schönen zu tun hat und die Interventionen und Aktionen, die die Künstler und Künstlerinnen in ihrer Stadt vor hatten, schienen ihnen oftmals zu abstrakt. Zwar waren wir uns einig darüber, wofür oder besser wogegen wir eine Allianz bildeten, die Vorgehensweise der Künstler und Künstlerinnen und deren künstlerische Umsetzung wurde auf das Heftigste diskutiert. Die künstlerischen Arbeiten wollten Mechanismen der Inklusion und Exklusion, gesellschaftliche Wandlungsprozesse und die Repräsentation von verschiedenen Gruppen vor Ort analysieren, aufzeigen und hinterfragen. Die Initiative verlangte von den künstlerischen Arbeiten direkte und klar formulierte Positionierung mit agitatorischem Sendungsbewusstsein.

Die Zusammenarbeiten mit aktivistischen Gruppen, die Themenfelder ansprechen, an denen man selbst als KulturproduzentIn interessiert ist und die einen beschäftigen, erweist sich als schwierig, wenn man dort auf ein Kunstverständnis trifft, das Kunst allein als Medium der Agitation oder Abbildung von Realität begreift. Wenn also die Rede davon ist, dass KünstlerInnen mit aktivistischen Gruppen zusammenarbeiten sollen, sollte auch nach dem Kunstverständnis dieser Gruppen selbst gefragt werden. Meine eigenen Erfahrungen halte ich hier nicht für so außergewöhnlich, wenn ich daran denke, dass auch in intellektuellen Kreisen die Auseinandersetzung mit Kunst häufig auf dem Stand des Schulkunstunterrichts bleibt. Weshalb es dann eher Diskussionen darüber gibt, warum das jetzt Kunst sein soll, statt über Inhalte: Welche Gesellschaft sie wollen und was sie selbst für ihre gesellschaftlichen Vorstellungen und Utopien tun.

Ich habe den Eindruck, dass oft von institutioneller und auch kuratorischer Seite eine Kooperation zwischen Kunst und aktivistischen Gruppen gewünscht und forciert wird, um der Kunst eine gesellschaftlich relevante Legitimation zu geben, die im Moment besonders chic zu sein scheint. Eine gemeinsame Arbeit zwischen KünstlerInnen und AktivistInnen kann man aber nicht irgendwie institutionell beschleunigen oder theoretisch fordern, sondern sie kann nur aus sich selbst heraus wachsen.


Lilian Engelmann ist Kuratorin und lebt in Berlin.


[1] Die Initiative N.O. – für ein gewaltfreies Miteinander hatte sich 2000 gegründet, nachdem BürgerInnen aus beiden Städten die rechtsextremistischen Übergriffe und Ausschreitungen in der Stadt und der Region nicht mehr hinnehmen wollten. Als in der rechtsextremistischen Szene der Marktplatz von Neustadt (Orla) als „national befreite Zone“ deklariert wurde, organisierte die Initiative eine Vielzahl von Veranstaltungen, um sich den öffentlichen Raum „zurück zu erobern“. Für ihre Zivilcourage und ihr Engagement wurde sie bereits kurz nach ihrer Gründung von dem damaligen Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse geehrt und sie tauchte in den Feuilletons großer deutscher Tageszeitungen auf. Für die Stadtverordneten und eine Vielzahl der BürgerInnen in den Städten waren sie jedoch immer „Nestbeschmutzer“ geblieben, deren Arbeit man nicht ernst nahm, nur ungern unterstützte und vor allem für nicht notwendig erachtete. Die Ausstellung Demokratie als Prozess fand in Neustadt (Orla) und Triptis unter Teilnahme von Ulrich Gebert, Angela Köntje, Sven Johne, Stephanie Kiwitt, Betram Haude und Jens Volz, Jana Müller und Christian Franke statt.