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Kwir(r) = Pervers!

Erika Doucette

Als Sandwich besteht diese Bestellung eines „Kwir(r) = Pervers!“ aus einer trockenen äußeren Kruste, ein klein wenig Scharfem, einer schwer erkennbaren, jedoch leckeren Sauce, etwas würzigem Käse, einer Melange von zarten und bitteren Salatblättern, einer saftigen Scheibe Fleischtomate, und einem selbstgemachtem Kräuter-Nuss-Zitronen-Pesto. Voilà! Wer hat jetzt Lust auf Kwir(r) = Pervers! Bekommen?

(Außen die trockene Kruste:) Queere Perspektiven, beispielsweise auf „strategischen Universalismus“ bedeutet ein Einbeziehen von und Nachdenken über Kritiken normalisierender Existenz- und Wissensformen sowie ein Verfremden, Vereiteln, Zuwiderhandeln, Entkräften von – und vor allem ein Lachen (sich lustig machen) über – „heteronormative Wissensformen und Institutionalisierungen sowie die Subjektivitäten und Sozialitäten, welche diese (be)gründen bzw. wodurch sie be- bzw. gegründet werden.“ (Sullivan 2003: vi)

(Ein klein wenig Scharfes:) Die kreative und ungefähre Lautschrift des englischen Begriffs „queer“ könnte auf Deutsch in etwa folgendermaßen aussehen: Kwir(r). Dies umfasst weder zufällig noch seltsamerweise ein (ungeordnetes) „wir“: Ein Zeichen von Zugehörigkeit, Identität.

(Schwer erkennbare, jedoch leckere Sauce:) Als „Identität“ ist „queer“ umstritten, und zwar nicht nur als Label u.a. in politischen, philosophischen, aktivistischen Diskussionen und Kontexten, sondern in einer (alltäglichen oder auch politischen) Praxis erscheint „queere Identität“ fast ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, denn „queere“ Herangehensweisen versuchen herkömmliche, übliche, genormte (sexuelle, auf das Geschlecht bezogene) Identitäten aufzulösen bzw. aus deren übrigen Stücken andere/ neue – für eine vorübergehende Zeit und zu bestimmten Zwecken – zusammenzusetzen. Die Elemente des Temporären und des Situations- bzw. Zweckgebundenen weisen darauf hin, dass es sich hier um eine strategische Vorgehensweise (zur Identitätsstiftung bzw. -auflösung) handelt.

(Etwas würziger Käse:) Im Zuge einer Annäherung an einen strategischen Universalismus von einer kwir(r)en Perspektive ist es wichtig, nicht nur von einem kwir(r)en Hinterfragen, Aufzeigen, Verdreißen von (und einem gezielten, verspielten Umgang mit) (hetero)sexuellen und geschlechterspezifischen Normen und Identität(en) zu sprechen, sondern auch von einem Bewusstsein um die fortwährende Unvollkommenheit und Verschiedenheit politischer Handlungen und Notwendigkeiten sowie dem Wunsch zu strategischen Allianzbildungen.

(Melange von zarten und bitteren Salatblättern:) Ich folge hier einer Auffassung von Strategie, die Gayatri Spivak in einem Interview (1993) erläutert als etwas, das durch konsequente (de)konstruktive Kritik des Theoretischen stattfindet und im Idealfall für alle Mobilisierten (Beteiligten) eine selbstbewusste Handlung ist, die implizit niemals von Dauer sein kann. Diese Vergänglichkeit ist zugleich das Risiko strategischen Handelns. (Vgl. Spivak 1993: 3–4) In diesem Sinne dauert der strategische Einsatz, beispielsweise die Rede von „strategischem Essentialismus“ (vgl. Spivak 1988), nur so lange bis diese Strategie erstarrt und zu einer (scheinbar) stabilen Position/Kategorie wird. Eine Strategie zeichnet sich über ihre Anpassung an Situation und Zweck aus, denn sie ist keine Theorie. Daher wehrt sich Spivak gegen eine positivistische Postulierung „strategischer Essentialismus“ als eine Theorie, da sie als eine politische Strategie der Subalternen konzipiert war.

(Eine saftige Scheibe Fleischtomate:) In diesem Sinne ist Kwir(r) ein Hilfskonstrukt, ein Begriff, eine Beschreibung, eine strategische Wortwahl für etwas Perverses, das eine Widernatürlichkeit (im Sinne von wider der Naturalisierung von Heteronormativität), Verkehrung/Verdrehung (der vorherrschenden Ideale, Moral usw.) erkennbar/benennbar macht.[1] Gegenüber dem Klang des Wortes „queer“, das kaum eine (Sprach-)Geschichte oder emotionellen Beigeschmack im deutschsprachigen Raum hat, sagt das Unwort Kwir(r) etwas mehr aus. Bezeichnenderweise koppelt kwir(r) eine kollektive (plurale) Bezeichnung mit einer Unordnung bzw. einem Durcheinander, kreuz und quer bzw. der Norm widerstrebend.[2] In dem kwir(r) = pervers-Geflecht sagt der deutsche Begriff „pervers“ viel – spätestens seit der scientia sexualis bzw. Psychoanalyse –, und zwar als etwas sexuell Abartiges, Unbehagliches aus, und als Bezeichnungsstrategie sorgt pervers daher für etwas mehr Auf- und Anregung in deutschsprachigen Kontexten als „queer“. Zudem stammt das Wort pervers vom lateinischen per (durch und durch, völlig) und verto (kehren, wenden, drehen), der letztere teilt denselben Wortstamm mit dem Begriff Universalismus (u.a. in eins gekehrt, zu einer Einheit zusammengefasst). Nicht nur das völlig verdrehte als Strategie, sondern auch das in Eins gedrehte finden wir im strategischen Universalismus aus einer kwir(r)en Perspektive wieder.

(Das Kräuter-Nuss-Zitronen-Pesto:) Einer der Punkte, in denen sich Judith Butler, Ernesto Laclau und Slavoj Žižek in ihrem Band Contingency, Hegemony, Universality: Contemporary Dialogues on the Left (2000) einig sind, ist, dass Universalismus nichts Statisches, nichts a priori Vorgegebenes ist, sondern dass Universalismus als ein Prozess bzw. Zustand, der nicht auf beliebige bestimmte Erscheinungsformen reduzierbar ist, verstanden werden muss. Ständig in Bewegung zu sein, zwischendurch (z.B. mit strategischen Konzepten wie kwir(r) = pervers!) zu verweilen, entspricht einer Auffassung der und einem Aufruf zur politischen Arbeit, die Slavoj Žižek abschließend wie folgt formuliert: „Die einzige ‚realistische’ Aussicht hier ist eine neue politische Universalität zu gründen, die sich für das Unmögliche entscheidet, an Stelle der Ausnahme Platz findet, ohne Tabus, ohne a priori Normen (wie ‚Menschenrechte’, ‚Demokratie’), denn diese zu respektieren würde verhindern, dass wir Terror (die skrupellose Ausübung von Macht) ‚neu bezeichnen’ (bzw. neu benennen).“


Erika Doucette ist Kulturarbeiterin, lebt in Wien und Amsterdam.


[1] Wir sind hier! Wir sind kwir(r)! könnte vielleicht ein deutsches Pendant zu dem Slogan „We’re here, we’re queer, so get fucking used to it!“ im englischsprachigen Raum sein, das in den frühen 1990er Jahren provokant gerufen wurde, vor allem im Rahmen von Demonstrationen und Aktionen im öffentlichen Raum, beispielsweise im Umfeld von Act Up, dessen politische „Markenzeichen“ ein verkehrter (!) rosa Winkel mit der Aufschrift Silence = Death darunter ist. Dieses Zeichen ist auch in Form einer reproduzierbaren Schablone in der Ausstellung Nichts für uns. Alles für Alle! Strategischer Universalismus und politische Zeichnung (Galerie IG Bildende Kunst, 18. 1 – 2. 3. 2007) zu sehen.

[2] An dieser Stelle möchte ich auf Bini Adamczaks Aufschrift Wir sind Ihr / Wir sind irr“ hinweisen, die in einer ihrer (politischen) Zeichnungen in Spiegelschrift zu lesen ist. Diese Zeichnung ist im Rahmen der Ausstellung Nichts für uns. Alles für alle! (s.o.) lotrecht zu der „queeren“ Wand installiert, und ist zugleich als Zeichenwand eine Einbettung für die Präsentation von zwei Videos, nämlich Stay, geh! von [les.maus] (lesbische Migrantinnen in Austria) und Wie stellst Du Dir eine feministische Migrantin vor? von FeMigra (Österreich).


Butler, Judith, Ernesto Laclau und Slavoj Žižek: Introduction, in: dies. (Hg.): Contingency, Hegemony, Universality: Contemporary Dialogues on the Left, London 2000 (Verso), S. 1–4.

Sullivan, Nikki: A Critical Introduction to Queer Theory, Edinburgh 2003 (University Press).

Spivak, Gayatri Chakravorty: Can the Subaltern Speak?, in: Nelson, Cary und Lawrence Grossberg (Hg.): Marxism and the Interpretation of Culture, Urbana 1988 (University of Illinois Press), S. 271–316.

Spivak, Gayatri Chakravorty: In a Word: Interview, in: dies.: Outside in the Teaching Machine, New York/London 1993 (Routledge), S. 1–23.

Žižek, Slavoj : Holding the Place, in: Butler, Judith, Ernesto Laclau und Slavoj Žižek (Hg.): Contingency, Hegemony, Universality: Contemporary Dialogues on the Left, London 2000 (Verso), S. 308–326.