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Der Cultural Studies-Theoretiker Paul Gilroy diskutiert antirassistische Politiken und verwirft dabei solche, die auf essenzialistischen Grundlagen beruhen. Letztlich als Konsequenz aus der Rassenpolitik der Nazis formuliert Gilroy eine scharfe Kritik an autoritären und militaristischen Konzepten schwarzer Selbstermächtigung. Sein Buch ist aber nicht nur ein Durchlauf durch die Rassismustheorien seit Frantz Fanons Schwarze Masken, weiße Haut. Auch die schwarze Popkultur von den 1960er bis zu den 1990er Jahren zieht sich durch das Werk. So erschließt sich auch der Unterschied zwischen den eskapistischen Weltraumphantasien des Jazzers Sun Ra und der Star Trek-Vorliebe von Martin Luther King. Wie diesem geht es Gilroy um eindeutig diesseitige Perspektiven, er nennt sie „strategischer Universalismus“. Schier unüberblickbar sind die Debatten zu Gleichheit und Differenz, Partikularismus und Universalismus innerhalb feministischer Theorie und Praxis. Stichwortartig und mit kommentierter Literaturliste kann daher die Vorlesungs-Nachlese von Eva Kreisky weiter helfen. Ähnliches in puncto Unüberschaubarkeit gilt für die postkoloniale Theorie, auch wenn sie im deutschsprachigen Raum längst nicht so verbreitet ist. Damit das anders wird, haben María do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan eine hervorragende Einführung geschrieben. Darin wenden sie sich aber gerade gegen eine „unreflektierte Vereinnahmung postkolonialer Konzepte für partikulare Interessen“. Der Hegemonietheoretiker Ernesto Laclau meint: „Das Universelle entspringt dem Partikularen“. Das Verhältnis zwischen beiden müsse neu gedacht werden, ausgehend von einem „konstitutiven Mangel“, von dem jede Identität erfüllt ist. Die inspirierende Aufsatzsammlung Laclaus bereitet nicht nur die philosophischen Debatten nach, die in den 1990ern über und jenseits von Kommunitarismus und Liberalismus geführt wurden. Sie zielt ebenso auf emanzipatorische politische Strategien. Innerhalb derer empfiehlt Laclau, das Universelle müsse als „unvollständiger Horizont“ verstanden werden. In der Kunst wurde das lange Zeit ganz anders gesehen, die so genannte „Weltkunst“ machte westliche Vorstellungen zum Modell für den Rest. Dieser Anspruch wird im von Claus Volkenandt herausgegebenen Sammelband einer Revision unterzogen. Der Band führt entlang verschiedener künstlerischer und theoretischer Stränge die von der Documenta 11 angestoßenen Debatten weiter, diskutiert, wie die Kritik an „westlichen Leitbegriffen“ (Volkenandt) auch in nicht-westlicher Kunst formuliert werden kann und wie das alles mit dem Fach Kunstgeschichte zusammengeht. In der nach wie vor besten deutschsprachigen Überblicksarbeit zum Thema Zapatismus beschreibt Luz Kerkeling auch die Entwicklung des Slogans „Alles für alle!“ im Kontext der Aufstandsbewegung im Süden Mexikos. Die Parole erscheint im Zusammenhang der Verhandlungen mit der Regierung (1996) als strategischer Einsatz, der die Wahrnehmung der Bewegung als eine auf indigene Rechte beschränkte verhindern soll. Sie bringt, wie Kerkeling zeigt, dementsprechend auch grundsätzlich das Ziel einer „heterogenen gesellschaftlichen Emanzipation von unten“ zum Ausdruck.
Der musikalische Hit zum Thema ist die CD Todo para todos (2002), die sich die Bands Petrograd (Luxemburg) und Daddy Longleg (Münster) teilen. Melodischer Post-Punk trifft hier auf melancholischen Punkrock im California-Style, zu bestellen beim DIY-Label Falling Down Records. „Alles für alle“-Buttons gibt es unter www.linke-t-shirts.de zu kaufen.
Jens Kastner ist Kunsthistoriker und Soziologe und lebt in Wien.
María do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan: Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung, Bielefeld 2005 (transcript Verlag).
Paul Gilroy: Against Race. Imagining Political Culture Beyond the Color Line, Cambridge, Ma. 2001 (Belknap Press of Harvard University Press).
Luz Kerkeling: La Lucha Sigue! Der Kampf geht weiter! EZLN – Ursachen und Entwicklungen des zapatistischen Aufstands, Münster 2006 (Unrast Verlag), 2. erw. & akt. Aufl.
Eva Kreisky: Universalismus, Partikularismus, Eurozentrismus und Androzentrismus, evakreisky.at/onlinetexte/nachlese_ismen.php
Ernesto Laclau: Emanzipation und Differenz, Wien 2002 (Verlag Turia + Kant)
Claus Volkenandt (Hg.): Kunstgeschichte und Weltgegenwartskunst. Konzepte Methoden – Perspektiven, Berlin 2004 (Reimer Verlag).
Falling Down Records: projekte.free.de/bankrott/fdr.html www.linke-t-shirts.de/index61137.htm
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