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Die prekären Arbeitsverhältnisse, von denen in den letzten Jahren so viel die Rede ist, werfen auch die Frage nach Möglichkeiten der Durchsetzung von politischen Forderungen und Interessen neu auf. In Zeiten, in denen Subjekte sich gemäß der neoliberalen Doktrin als „UnternehmerInnen ihrer selbst“ begreifen sollen, scheint auch der Streik als ein klassisches Mittel sozialer Kämpfe an Effektivität einzubüßen – oder gar kontraproduktiv zu werden. Wer streikt, so sieht es aus, schadet vor allem sich selbst. Andererseits waren Arbeitsniederlegung und Verweigerung immer schon auch Taktiken und Praktiken solcher Gruppen, die keinen oder nur bedingt Zugang zu Produktionsmitteln besaßen: Frauen, MigrantInnen oder auch KünstlerInnen. Das wird nicht nur in dem Text zur Geschichte und Zukunft des Streiks (und seiner verschiedenen Formen) von Torsten Bewernitz und dem Frauenstreikposter von Eva Egermann deutlich. Es ist also keineswegs abwegig, sich gerade von jenen eher randständigen Kämpfen her dem Thema zu widmen. Möglicherweise zeigen sich gerade hier die Potenziale des Streiks in Zeiten seiner Verunmöglichung.
Ein Streik in der Kunst kann, so Anna Artaker in ihrem Beitrag über den Kunststreik Gustav Metzgers, immerhin die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von Kunst aufwerfen. Wenn auch nicht der Streik selber, so erlebte doch seine Thematisierung bei Kulturschaffenden der 1970er Jahre eine Blüte. Ausgelöst wurde diese, daran erinnern Marion von Osten und Martin Rapp, von migrantischen Arbeitskämpfen oder Streiks von ArbeitsmigrantInnen. Die Migrationspolitik erweist sich dabei, so ihre These, auch als ein bis heute zentraler Regulationsmechanismus für den Arbeitsmarkt. Nicht zuletzt angesichts dieser keineswegs globalisierungsmäßig zerbröselnden Funktion des Staates, ist uns neben einer historischen die transnationale Perspektive auf Streiks – und andere widerständige Praktiken – wichtig. Fehlte es Metzger noch an Mitstreikenden, haben die Proteste der Kulturprekären in Frankreich 2003 große Solidarisierungen ausgelöst. Bernd Beier schildert und diskutiert das letztliche Scheitern dieser sozialen Bewegung aus dem kulturellen Feld. Und Marco Fernandes beschreibt am Beispiel von Fabrikbesetzungen in Argentinien einen Weg „vom Streik zur Selbstverwaltung“. Über Gegenwart und Nationalstaat hinaus diskutieren auch Birge Krondorfer und Oliver Ressler im Gespräch mit der Redaktion die beiden Pole, zwischen denen sich der Streik abspielt und die ihn ausmachen: Verweigerung und Aktion, oder, um es mit der künstlerischen Arbeit von Elisabeth Steger zu sagen, njetworking. Darin steckt natürlich noch mehr. Die Netzwerke zum Beispiel, ohne die – so oder so – gar nichts läuft. Vlatka Frketic´ schreibt darüber in ihrer Glosse und Linda Bilda hat ihre Bildstrecke dazu entworfen.
So wenig homogen und universal die so genannten normalen Arbeitsverhältnisse je waren, so wenig einheitlich sind auch die gegenwärtigen Produktionsbedingungen. Dass sich auf sie unterschiedlich streikend bezogen werden kann, verdeutlichen – wie im Übrigen sicherlich auch die größten Streiks im öffentlichen Dienst seit Jahren, die zeitgleich mit der Produktion dieses Heftes in Deutschland stattfinden – hoffentlich die Beiträge zu dieser Bildpunkt-Ausgabe.
Jens Kastner, Koordinierender Redakteur
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