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Streik in Buch und Netz

Jens Kastner

Der britische Künstler Jeremy Deller stellte im letzten Jahr in der Wiener BAWAG Foundation seine filmische Arbeit zum großen englischen Bergarbeiterstreik 1984 aus. Der Film „The Battle of Orgreaves“ markiert einen wichtigen Meilenstein im Siegeszug des neoliberalen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells. Deller steht damit in einer künstlerischen Tradition, der sich das Deutsche Historische Museum (DHM) 1992 gewidmet hatte. Die Publikation zur Ausstellung Streik – Realität und Mythos geht den symbolischen und ästhetischen Reflexen in der bildenden Kunst nach, die die realen Streiks bis zum Ende des deutschen Kaiserreichs dort hinterließen.

Zwanzig Jahre nach den Ereignissen, die sich in Dellers Film spiegeln, fragten sich ein paar Aktivisten bei Opel in Bochum, „wie sozialer Widerstand in neoliberalen Zeiten (…) erfolgreich sein könnte.“ In einer einzigartigen Textsammlung schildern Beteiligte des „wilden Streiks“ von 2004 Erfahrungen und Hintergründe des Arbeitskampfes, der, anders als 1984, auch gegen die Gewerkschaften geführt werden musste.

Dass Arbeitsbedingungen jenseits von Vollbeschäftigung und Flächentarifvertrag allerdings nicht für alle erst mit der neoliberalen Hegemonie einsetzten, daran erinnern andere Veröffentlichungen: Frauen, Studierende oder auch KünstlerInnen hatten schon immer mit prekären Verhältnissen zu tun und ihre Streiks darin zu platzieren.

Den Frauenstreik für die Durchsetzung politischer Forderungen organisierte ja bereits Lysistrata im Theaterstück des Aristophanes (411 v. Chr.). Auf den Buchmarkt allerdings hat sich diese Tradition wenig ausgewirkt. Ein Buch über den Schweizer Frauenstreik von 1991 ist vergriffen und – wie übrigens auch der DHM-Katalog – nur noch antiquarisch erhältlich. Im Netz findet sich da schon eher etwas: Angesichts der Tatsache, dass zwei Drittel der weltweiten Arbeit von Frauen verrichtet wird, ruft das Netzwerk globalwomenstrike weiterhin zum geschlechtsspezifischen Streik auf. Und die Feministin Claudia von Werlhof empfiehlt gegen das Abkommen zur Privatisierung von Handel und Dienstleistungen (GATS) den Frauenstreik als „letztes Mittel“.

Auch Studierende verfügen nicht über Produktionsmittel und wenden dennoch immer wieder das Mittel des Streiks an. Der größte dieser Art fand 2000/2001 an der größten Universität Lateinamerikas, der UNAM (Mexiko-Stadt), statt. Demokratisierende Erfahrungen und ein Verständnis des Streiks als „Grundstein zu einer anderen Kultur“ vermittelt der Band von Fazio und Rajchenberg in einer außergewöhnlichen Dokumentation.

Und dass Jeremy Deller nicht der einzige zeitgenössische Künstler ist, der zum Thema arbeitet, zeigt die „Streik-Zeitung“, die der Westfälische Kunstverein anlässlich einer Gruppenausstellung publiziert hat.


Jens Kastner ist Soziologe und Kunsthistoriker und lebt in Wien.


Deutsches Historischen Museums (Hg.): Streik – Realität und Mythos, Berlin 1992 (Argon Verlag).

Gester, Jochen und Willi Hajek (Hg.): Sechs Tage der Selbstermächtigung. Der Streik bei Opel in Bochum Oktober 2004, Berlin 2005 (Verlag die Buchmacherei).

globalwomenstrike: Warum streiken?
http://www.globalwomenstrike.net/German2004/GermanIndexPage.htm

Rajchenberg, Enrique S. und Carlos Fazio (Hg.): Rebellion X. Das Jahr des Streiks an der Universität in Mexiko-Stadt, Münster 2001 (Unrast Verlag).

Werlhof, Claudia von: Was passiert, wenn Frauen nichts mehr tun? Frauenstreik – das letzte Mittel gegen GATS,
http://uuhome.de/global/deutsch/frauenstreik.html

Westfälischer Kunstverein (Hg.): Streik, Münster 2003.