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Aktionsgewitter im Kultursektor

Die Kämpfe der Kulturprekären in Frankreich 2003

Bernd Beier

KünstlerInnen und Kulturschaffende gelten in der Regel nicht als übermäßig konfliktfreudig, geht es um Lohnverhandlungen oder Arbeitsbedingungen. Doch unter den Bedingungen der Massenarbeitslosigkeit und der generellen Auflösung dessen, was als Normalarbeitsverhältnis galt, scheint sich das zu ändern. Ein in dieser Hinsicht beispielhafter Konflikt hat im Sommer 2003 in Frankreich stattgefunden, in einer Zeit, in der auch die LehrerInnen gegen ein neues Schulgesetz und die Angestellten des öffentlichen Dienstes gegen die Verschlechterung ihrer Rentenregelungen streikten und demonstrierten. Die ProtagonistInnen dieses Konflikts auf dem Kultursektor waren die so genannten Intermittents du spectacle, auch Kulturprekäre genannt. Sie sind nicht fest angestellt und sie arbeiten in der Regel an Projekten, die zeitlich befristet sind. Die Zeiten der Beschäftigung wechseln sich ab mit Zeiten der Beschäftigungslosigkeit, in denen neue Projekte vorbereitet werden. In Frankreich gelten für die Kulturprekären Sonderregelungen, die ihnen Ansprüche auf Arbeitslosenunterstützung einräumen. Aber das entsprechende Segment des Arbeitsmarktes hat sich in den vergangenen zehn Jahren sehr verändert. Aus Sicht der Unternehmer und des Staats ist ein veritabler „Sachzwang“ entstanden, der eine „Reform“ erforderlich macht: Wegen des entstandenen Defizits in den Kassen der Arbeitslosenversicherung sollen die Kosten für die Arbeitslosenunterstützung gesenkt werden, indem die Sonderregelungen für die Kulturprekären angegriffen werden.

Nach einem punktuellen Streiktag im Februar entwickelt sich Anfang Juni ernsthafter Widerstand gegen das Reformprojekt, das am 26. Juni zwischen Unternehmerverband und Gewerkschaften „verhandelt“ werden soll. In Frankreich existieren Rich- tungsgewerkschaften, und es ist klar, dass einige im Kulturbereich minoritäre Gewerkschaften, unter anderem die den SozialistInnen nahe stehende CFDT, einer Verschlechterung der Regelungen zustimmen werden. Während die KP-nahe Gewerkschaft CGT eine Demonstration für den 11. Juni vorbereitet, veranstalten AktivistInnen aus der Gruppe Assoziierte Prekäre von Paris und aus der anarchosyndikalistischen CNT ein Aktionsgewitter im Kultursektor.

In dieser ersten Phase geht es vor allem darum, mit weiteren Unzufriedenen in Kontakt zu kommen und die eigenen Forderungen zu propagieren. Das Mittel dazu sind insbesondere Besetzungsaktionen in Theaterfoyers, bei denen Versammlungen mit anfangs oft nur 25 oder 30 Beteiligten abgehalten werden, um zunächst mit anderen Kulturprekären zu diskutieren und daraufhin einen Treffpunkt für Versammlungen, einen Raum mit Computer und Telefon oder zumindest einen Tisch für das Auslegen von Flugblättern und Broschüren auszuhandeln. Ein Studio von Radio Europe 1 wird okkupiert, um – erfolglos – eine halbe Stunde Sendezeit zu fordern.

Nach einer Demonstration mit bereits 10000 Kulturprekären werden in der Nacht des 26. Juni die Verschlechterungen verabschiedet, die dann die Regierung übernehmen muss. Doch die Phase des Aktivismus hat eine kritische Masse an Unzufriedenen hervor gebracht, die sich in Paris als Koordination der Intermittents und Prekären, Île de France selbst organisiert. Das ist der Beginn der zweiten Phase. Die Bezeichnung als Koordination der Intermittents und Prekären reflektiert eine besondere politische Strategie. Die Koordination soll nicht allein den Interessenskampf der Kulturprekären gegen die Verschlechterung ihrer Sonderregelungen führen, vielmehr soll sie prinzipiell offen sein für alle Prekären. Über den Abwehrkampf der Kulturprekären hinaus soll versucht werden, die Sonderregelungen potenziell auf alle Prekären auszuweiten; die andere politische Klammer soll die Forderung nach einem garantierten Einkommen darstellen. Auf den Vollversammlungen der Pariser Koordination sind Hunderte von Kulturprekären, oft finden im Anschluss Aktionen statt, die von der Aktionskommission vorbereitet wurden. An einem Abend wird das Lido blockiert, an einem andern Kinos, wilde Arbeitsniederlegungen finden statt oder Interventionen in TV-Lifeshows.

Doch wegen des Beginns der Sommerferien am 1. Juli sind die Streiks der LehrerInnen und der Beschäftigten im öffentlichen Dienst zusammen gebrochen, ohne dass etwas hätte durchgesetzt werden können. Die Kulturprekären streiken seither zunächst allein auf weiter Flur. Das Dilemma beschreibt Barbara Serré- Becherini in einem kritischen Text zur Bewegung der Kulturprekären: „Soll man angesichts der Unflexibilität der Regierung die Aktionen radikalisieren, indem man sie anderen im Kampf befindlichen Sektoren öffnet? Oder soll man eher versuchen, die Gunst der Öffentlichkeit und der Kulturwelt zu gewinnen?“ Letztlich setzt sich die zweite Option durch, und Aufrufe zur „Rettung der französischen Kultur“ beginnen, den Interessenskampf zu dominieren. Die Folgen liegen auf der Hand: Es ist klar, „dass der Einheitsdiskurs über die ‚Rettung der französischen Kultur’ jede praktische Solidarität mit den anderen Sektoren außerhalb einer pseudo-privilegierten sozialen Nische, für welche die ‚französische Kultur’ speziell bestimmt ist, verhindert.“ Entsprechend bleibt eine Ausweitung der Bewegung aus, und im Laufe der Zeit schmilzt sie dahin wie Schnee in der Sonne.

Zwar macht die Regierung den Kulturprekären geringe Zugeständnisse, indem sie etwa einen Sonderfonds einrichtet, und die Pariser Koordination institutionalisiert sich und macht bis heute weitere Aktionen. Doch die anfängliche Dynamik der Bewegung der Kulturprekären ist seither nie wieder zustande gekommen. Nichtsdestotrotz hat sie bewiesen, dass auch auf dem zersplitterten Terrain der Kulturproduktion jederzeit heftige Interessenskonflikte gegen die Perspektive, mehr arbeiten zu müssen, um weniger zu verdienen, ausbrechen können.


Bernd Beier ist Redakteur der Wochenzeitung Jungle World und lebt in Berlin.