Das Bekenntnis Argentiniens zur neoliberalen Theologie in den 1990er Jahren führte das Land in die größte soziale Katastrophe seiner Geschichte. Nachdem Argentinien zu Anfang des Jahrzehnts noch als der Musterstaat für eine gelungene Integration in die Dynamik der kapitalistischen Akkumulation galt, musste es der traurigen Realität peripherer Gesellschaften ins Auge blicken: Auf die Krise im Dezember 2000 folgten der Einsturz des Bruttoinlandsprodukts in weniger als vier Jahren um mehr als 20 %, Arbeitslosenquoten von 25 % und eine Verarmung von mehr als der Hälfte der 37 Millionen EinwohnerInnen.
Die argentinischen ArbeiterInnen sahen sich den Deregulierungen der Arbeitswelt ausgesetzt und die traditionellen Einspruchsmöglichkeiten ihrer Gewerkschaften waren auf ein Minimum eingeschränkt. Diese gleichzeitige Verunsicherung und Verarmung, sowie das Fehlen politischer Instrumente zur Eindämmung der neoliberalen Offensive, brachten neue Formen des Arbeitskampfes und der Organisation hervor: Fabrikbesetzungen und, vor allem, die historische Neuerung der „Erwerbslosenbewegungen“, die so genannten piqueteros. Geschwächt durch die politische Konjunktur der Arbeitswelt, machten die „traditionellen Streiks“ damit neuen Streikformen Platz.
Im Fall der zahlungsunfähigen oder zurückgelassenen Fabriken, deren Eigentümer ihren ArbeiterInnen bereits seit Monaten keine vollen Gehälter mehr gezahlt hatten, fand man die alleinige Lösung in der Besitzergreifung des Fabrikgeländes und zugehöriger Maschinen: Indem man sich den Räumungsversuchen widersetzte und vor Gericht für die Enteignung der Fabrik zum Ausgleich der Schulden gegenüber den ArbeiterInnen kämpfte, konnte man der drohenden Arbeitslosigkeit entkommen und mit der Einführung des Selbstverwaltungsregimes in der Produktion einen bedeutenden Schritt im Rahmen der gestellten Forderungen [nach Autonomie, J. H.] gehen.
Verbunden damit waren die Abschaffung hierarchischer Strukturen, in Versammlungen getroffene Beschlüsse über die Art der Produktion und die Verkaufszielgruppen, die Einkommensgleichheit zwischen allen ArbeiterInnen und die Lockerung der strikten Arbeitsteilung. Die zuvor angenommene Notwendigkeit von Vorgesetzten und Chefs für die Produktionsleitung konnte entmystifiziert werden, was für die Mehrzahl der ArbeiterInnen keineswegs eine Selbstverständlichkeit darstellte.
Die Arbeitslosen, die ja nicht gegen die „Produktion der Waren“ in Streik treten konnten, entschieden sich für eine organisierte Verhinderung der „Zirkulation der Waren”, denn: Ohne Zirkulation kein Verkauf und ohne Verkauf kein Gewinn. Massive Straßenblockaden (piquetes – daher der Name piqueteros) zehntausender von Erwerbslosen begannen vor allem ab 2000 die Ausfahrt für Lastwägen aus den Fabriken zu verhindern, ebenso wie den Verkehrsfluss auf den Hauptverkehrswegen von Buenos Aires und den größeren Städten des Landes zu behindern. Es war der einzige Weg, die Regierung zur Berücksichtigung ihrer grundsätzlichen Forderung, der Zahlung von „planes“ (Mindestlöhne) [Sozialpläne, J. H.] für Arbeitslose in der Höhe von 150 Pesos (etwa 40 Euro) zu bringen.
Die Verbindung von Mobilisierungsarbeit in den Straßen der Stadt und der „Gemeinschaftsarbeit“ in der Peripherie lässt eine Art eigener Identität der piqueteros entstehen als Gegenpol zu dem Gefühl der Erniedrigung durch die würdelose, „selbstverschuldete“, isolierende und deprimierende Armut eines Erwerbslosen, dem der neoliberale Diskurs immer wieder vorbetet, dass die Schuld für die Arbeitslosigkeit beim Arbeitslosen selbst liege: weil er nicht qualifiziert genug, zu faul, zu jung, zu alt ist …
Trotzdem haben die zaghafte Wiederherstellung der argentinischen Wirtschaft, sowie einige volksnahe Maßnahmen der Regierung Kirchner (wie etwa den Zahlungsaufschub von mehr als 80 % der Auslandsverschuldung und die Verurteilung einiger Militärs aus der Zeit der Diktatur) die Bewegungsopposition geschwächt und zum Teil sogar zersplittert. Die nur schwierig zu erhaltende Einheit der Aktions- und Forderungsformen der verschiedenen Organisationen der piqueteros trägt zu dieser Schwächung der oppositionellen Kraft bei. Dennoch muss hier mit einbezogen werden, dass die Erfahrungen der piqueteros, wie auch die der Fabriken, noch nicht einmal ein Jahrzehnt andauern. Sie stecken dementsprechend noch in den Kinderschuhen und haben aller Wahrscheinlichkeit nach noch nicht alle ihre Früchte getragen. Vielleicht geben sie uns einige Anhaltspunkte dafür, dass es nicht nur möglich, sondern auch notwendig ist, mit dem Aufbau eines „vorrevolutionären“ Sozialismus zu beginnen. Derartige Erfahrungen zeigen auch, dass es möglich ist, alternative Arbeitsorganisations-, Produktions- und Warendistributionsformen hier und jetzt zu entwickeln, ohne dabei den radikalen Wandel für die Zukunft aus dem Blick zu verlieren, sondern ganz im Gegenteil, ihn damit in mühevoller tagtäglicher Konstruktionsarbeit immer konkreter werden zu lassen. Der „traditionelle Streik“ war immer die beste Möglichkeit, das Vetorecht der Arbeiterklasse gegenüber den unstillbaren kapitalistischen Interessen durchzusetzen, aber er fördert nicht die Selbstorganisation. Nach seinem Abschluss kehren die ArbeiterInnen zu ihrem „normalen Arbeitsrhythmus“ unter der Auflage der Arbeitsteilung und dem Imperativ des kapitalistischen Gewinns zurück. In einer besetzten Fabrik und einem peripheren Stadtviertel von Buenos Aires hingegen haben die ArbeiterInnen die Möglichkeit, die Produktion gemeinschaftlich zu organisieren, die zeitlichen und räumlichen Verläufe ihres Lebens auf autonome Weise zu gestalten. In dem Übergang „vom Streik zur Selbstverwaltung“ liegt die Chance, den Alltag und die Soziabilität der ArbeiterInnen zu ändern, was veränderte Konditionen der Subjektivität der ProtagonistInnen einer „anderen Geschichte“, einer Geschichte die noch zu schreiben ist, herstellt: Die Geschichte einer Gesellschaft ohne Privateigentum an Produktionsmitteln und ohne Ausbeutung durch ArbeitgeberInnen.
(Übersetzung aus dem brasilianischen Portugiesisch: Johanna Hoerning)
Marco Fernandes ist Historiker und Aktivist der Arbeiterbewegung Obdachloser (MTST) in São Paulo, Brasilien.
[1] Piquete = Streikposten (span.)