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Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

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Schau mal, wer da klatscht

Markus Wailand

„Jesus was black, Ronald Reagan was the devil and the government lied about 9/11!“ ruft Huey Freeman seinen Zuhörerinnen zu und der Applaus lässt nicht auf sich warten. Von den TeilnehmerInnen beim letzten Treffen der New-Black- Panthers hätte man auch nichts anderes erwartet. Von den BesucherInnen der saturiert-elitären Gartenparty irgendwo in der weißen Mehrheitsgesellschaft der Vereinigten Staaten allerdings schon – Cocktails, Smoking, Smalltalk und begeisterter Applaus für die radikalen Parolen des schwarzen Aktivisten trotz 99% Republikaner- WählerInnen-Wahrscheinlichkeit? „You speak so well young man!“ Der Cartoonist Aaron McGruder demonstriert mit seinem Comic-Strip Boondocks das Schicksal eines Provokateurs ohne Gegenüber in einer Gesellschaft, der die politische Diskursfähigkeit abhanden gekommen ist. Hueys Publikum fühlt sich nicht vor den Kopf gestoßen, sondern bestens unterhalten. „Ich kann sagen was ich will, sie werden immer applaudieren!“ verzweifelt er, um sich eine weitere Runde klatschender Hände einzufangen.

„N**** Raus“, „Kill all N******“ schallt es durch die Straßen. Im Rahmen einer AFP-Tagung in einem nasskalten Dorf im Waldviertel? Bei einem Boneheads-Treffen in den neuen Bundesländern? Die größte Dichte an rassistischen Parolen findet sich nicht an fernen oder entlegenen Orten, die Hetze schreit in Wien von tausenden Fassaden. Die Welthauptstadt des Hauswandrassismus wird bewohnt von Menschen mit selektiver Wahrnehmung; die Diskriminierung Schwarzer Menschen scheint unter dem Wahrnehmungsradar der meisten StadtbewohnerInnen durchzurutschen, bla bla bla. Das hätten sie vielleicht gerne. Dafür ist die Präsenz der Parolen aber zu dicht. Die Mehrheitsmeinung in Wiens öffentlichen Raum sieht ganz genau, was da zu lesen steht. Und applaudiert, indem sie nicht aktiv wird, diese Ansagen zu entgegnen. Angeblich schleicht nur eine einzelne Person mit einem Kreidestift durch Wien und verwandelt die Stadt zu einer Hochburg der Hetze. Offensichtlich wie sie sind, stehen „N**** Raus“- Beschmierungen aber für die öffentliche Meinung der WienerInnen. Als Provokation werden sie jedenfalls genauso wenig zugelassen wie die Breitseiten des Huey Freeman. Ihm wird die Auseinandersetzung verweigert, indem die Provokation scheinbar nicht erkannt und weggeklatscht wird. In Wien gibt es gar keine Provokation. Nur den stummen Applaus für Rassismus als Mainstream der MehrheitsösterreicherInnen.


Markus Wailand ist Mitbegründer des Dokumentarfilmkollektivs pooldoks und lebt in Wien.