Speziell in den Jahren zwischen 2001 und 2004 erlangten verschiedene Aktionen der Volx- TheaterKarawane Popularität, weil sie zum Teil provozieren konnten bzw. als Provokation wahrgenommen wurden und bestimmte Kreise polarisierten. Bei diesen Aktionen handelte es sich zum einen um gezielte Eingriffe in öffentliche Räume, z. B. durch gefakte PolizistInnen oder U-No-SoldatInnen, die bei Demonstrationen „ordnend“ ihre Autorität walten ließen, oder um scheinbar „spontane“ Raumbesetzung (bei der documenta 11, 2002). Zum anderen wurden verschiedene Bevölkerungsgruppen mit neuen biometrischen Überwachungstechniken der EU zwangsbeglückt (so z. B. bei einem Stadtfest und in einer Schule im Rahmen des Festivals der Regionen 2003), oder es wurde via Kommunikationsguerilla das massenhafte militante Erscheinen angekündigt (bei Benita Ferrero-Waldners Wahlkampf 2004). (Zu den Aktionsdokumentationen siehe no-racism.net noborderlab) Provokante Strategien gingen in der realen oder virtuellen Öffentlichkeit auf, wenn diese in den besten Fällen so mitspielte, wie sich das die StrategInnen des VolxTheaters davor gewünscht hatten. Aber ab dem Punkt, an dem mediale Öffentlichkeit und staatliche Gewalten Aktionen problematisierten, trat das Moment der Provokation nur allzu oft in den Hintergrund und der polizeiliche Druck in den Vordergrund. Nicht nur eine der Aktionen endete letztlich mit einer Gerichtsauseinandersetzung, wodurch das theatrale und politische Handeln auf Gesetzeskonformität über- prüft wurde und das Mittel der Provokation mitunter zur Verteidigung diente. Provoziert fühlten wir uns nicht selten von der Staatsgewalt und ihren provokanten Methoden.
Die Tradition des/r VolxTheaters(Karawane) situiert sich in subkulturellen (bzw. gegenkulturellen) und anarchistischen Kreisen, wie dem EKH, wo man/frau schon in den 1990er Jahren bei diversen Demonstrationen und Straßentheateraktionen Erfahrungen sammeln konnte und wo verschiedene provokante Strategien als politische Agitationsmittel immer schon durchaus kontrovers diskutiert wurden. Zur theoretischen Auseinandersetzung über den Begriff der Provokation kam es (meines Wissens) jedoch eher selten, denn das Tun gegen politische Zustände verlangte mehr nach zweckorientierter Organisierung, die zeitlich oft ohnehin knapp bemessen war. Mit der Erfahrung des politischen Handelns zeigte sich, welche Strategien mehr Aufmerksamkeit erregen konnten bzw. wo das Mittel der Provokation griff. Gerade das Theater für den politischen Gebrauch zu verwenden, ermöglichte gewisse Handlungsspielräume, um in öffentliche Konflikt- und Ordnungsräume einzugreifen. In diesem Zusammenhang beinhaltete das Mittel der Provokation bei der VolxTheaterKarawane immer auch ein Stück Selbstprovokation, das einen gewissen Spiel- und Handlungsraum möglich machte, in dem idealerweise sozial-politische Forderungen transportiert werden konnten. Es bezog sich gleichzeitig auf einen politischen Moment von Theater, der auch in der Überschreitung eigener Grenzen liegt.
Die Auslotungen der Grenzen von Theater zu anderen künstlerischen und sozialen Praktiken ist auch heutzutage eine wichtige, beliebte und (post)moderne Fragestellungen. Kunst/Theater ist mehr denn je eine Frage des sozialen Lebens: Wie präsentiere ich mich, was wird repräsentiert, wie deklariere/deklamiere ich Forderungen? Provokante Worte und Rhetorik kaschieren dabei nicht selten konservative Strukturen von Inhalt und Ausdruck. Hierarchien und Institutionen werden zwar oft genug provoziert, aber trotzdem hingenommen. Strategien der Provokation haben sich genauso wie Subversionsmethoden mitunter als problematisches politisches Mittel entpuppt, das nur allzu gerne auch von „falscher“ Seite verwendet wird.
Doch ich möchte hier kurz den Begriff der Provokation in den Kontext der von Gilles Deleuze beschriebenen Minoritätspolitik setzen: Es handelt sich um die Strategie, in bestimmter Weise Ordnungsräume zu durchkreuzen, zu besetzen und neu zu erfinden. Der Deleuzesche Begriff des „Minoritär-Werden“ bedeutet dabei nicht die Zugehörigkeit zu soziologisch oder ethnisch definierbaren Gruppen oder die Identifikation mit diesen, sondern das Durchqueren solcher Ordnungen. Das Schlachtenpanorama einer „großen“ Revolution ersetzen Deleuze (und Guattari) dahingehend durch ein Mosaik „kleiner wunschrevolutionärer“ Veränderungen: Dezentrale Affektbewegungen eines chaotischen Gewimmels des Aufstands. (Selbst-)Provokation in ihren besten Augenblicken ist in diesem Sinn dann auch eine affektive Ebene der Vermittlung der angestrebten Inhalte.
Im Kontext des/r VolxTheaters(Karawane) über die Strategie der Provokation zu sprechen, bedeutet herauszustellen, dass es zunächst auch darum ging, festgefahrene Blickräume zu erweitern und dem gesellschaftspolitischen Umfeld sensibler zu begegnen, sich nicht vor Dilettantismus zu scheuen, auf Experimente einzulassen, Körper, Sprache, Zeit und Raum am Theater nach eindimensionalen und zum Teil beliebig gesetzten repräsentativen Codierungen zu hinterfragen. Und darum, sich gewisse minoritäre Praktiken anzueignen und zu entwickeln. Repressive Ausdrucksformen von repräsentativem (Staats-)Theater zu attackieren war dabei der erste Schritt, doch gleichzeitig ging es auch darum, konkrete sozialpolitische Forderungen aufzustellen: Recht auf Bewegungsfreiheit, Recht auf Bildung, Wahlrecht für MigranntInnen, Grundeinkommen für alle, Frauenrechte …
Alltäglich geht es um Kompromisse und Eingriffe in eingezäunte Ordnungsgebiete. Und es stellen sich gleichzeitig immer Fragen, wie es möglich ist, sich in der sozialen Praxis auf verschiedenen Ebenen einzuklinken, anzudocken und (selbst-)provozierend zu arbeiten, ohne dass die Provokation in eine inhaltsleere Anti-Geste verfällt. Der Forschungs- und Produktionsprozess neuer Ausdrücke von Realitätserfahrung verlangt vielleicht nicht nur im Falle des VolxTheaters eine nicht nach marktwirtschaftlichen Kriterien ausgerichtete Arbeitsweise, braucht sicherlich Zeit und beinhaltet oft auch das Scheitern. Provokante Strategien benötigen politische Phantasie, um mitunter auch gesetz- und damit rechtsüberschreitende Komponenten zu entwickeln, einfältige Agitation und Strukturen aufzudecken und in Frage zu stellen. Theater als (Selbst-)Provokation bedeutete für die VolxTheater- AktivistInnen jedenfalls Versuche, radikal Stellung zu beziehen und im Ausdruck scheinbar spielend die einfältigen Barrikaden von Ordnungsstruktur und Staatsgewalt zu überwinden, Orte zu besetzen und mit progressiven Inhalten neu zu definieren. Provokationshüllen von „falscher“ Seite kamen diesen Versuchen jedoch oft genug in die Quere.
Gini Müller ist Theaterwissenschaftlerin, Dramaturgin und Aktivistin (u. a. der VolxTheaterkarawane) und lebt in Wien.