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Wer applaudiert

Antisemitischer Tabubruch als Provokation

Sylvia Köchl

Rund um das Gedenkjahr 1995 entwickelte sich in Österreich ein Diskurs über die Geschichte der Zeitgeschichte, der – die Waldheim- Affäre noch in frischer Erinnerung – offenbar das Bedürfnis hatte, den Zustand der österreichischen postnazistischen Gesellschaft noch stärker als bisher zu pathologisieren. Die Begrifflichkeiten „Tabu“ und „Lebenslüge“ schienen damals die Begriffe „Verdängen“ und „Vergessen“ (zumindest temporär) abzulösen, ganz so, als hätte es die Kritische Theorie über die Psychologisierung nie gegeben. So hatte Adorno bereits 1959 geschrieben: „Aus der allgemeinen gesellschaftlichen Situation weit eher als aus der Psychopathologie ist denn wohl das Vergessen des Nationalsozialismus zu begreifen. Noch die psychologischen Mechanismen in der Abwehr peinlicher und unangenehmer Erinnerungen dienen höchst realitätsgerechten Zwecken.“

1995 lautete die These, dass die Täterschaft Österreichs bzw. von ÖsterreicherInnen nicht von „aktivem Vergessen“ begleitet, sondern mit einem Tabu belegt worden sei, da die politischen Optionen des Jahres 1945 nichts anderes zugelassen hätten. Die Rede vom Tabu wurde so eher zu einem Entschuldigungs- und weniger zu einem Erklärungsdiskurs über die gesellschaftspolitischen Entscheidungen der „Gründerväter“ der 2. Republik. Unzweifelhaft gibt es aber auch dort, wo es kein gesellschaftlich geltendes und akzeptiertes Tabu gibt, den Tabubruch. Nun soll es ja schon öfter vorgekommen sein, dass die Existenz eines Tabus nur behauptet wird, um sich dann mittels Tabubruch als ProvokateurIn zu profilieren und dass der Begriff Tabu dabei kaum jemals korrekt verwendet wird. Ein Tabu zu brechen bedeutet aber immer auch, mit einer gesellschaftlichen Konvention nicht einverstanden zu sein bzw. sich das Recht vorzubehalten, solche Konventionen zu hin- terfragen. Und je stärker das angebliche Tabu zu wirken scheint, umso mehr kann sich der/die ProvokateurIn von den Wirkungen des Tabubruchs erwarten. Antisemitismus ist ein solches starkes Tabu – zumindest in den Augen der ProvokateurInnen.

Die kritische Antisemitismus-Forschung hat gezeigt, dass der Antisemitismus nach 1945 von einer politischen Bewegung zu einer privaten und/oder religiösen Anschauung herabgestuft wurde und dass er nach der Shoah zahlreiche neue Aspekte erhielt. Diese „Privatisierung“ auf der einen und die Ächtung antisemitischer Äußerungen und Handlungen in der öffentlichen Sphäre auf der anderen Seite hat den Antisemitismus in Österreich zu einem „Phänomen“ gemacht, dem seit Jahrzehnten fast nur noch die Meinungsforschung nachspürt. Inmitten der daraus resultierenden Ratlosigkeit, die z. B. auch dazu führt, dass Neonazismus und Rechtsextremismus bis heute am liebsten als „Jugendphänomene“ diskutiert werden und, dass es auf den Aufstieg der FPÖ keine Antworten gab und gibt, wird sich einfach darauf verlassen, dass der Antisemitismus als Massenphänomen in der relativen Privatheit von Kirche und Stammtisch verbleibt, um in abgegrenzten Formationen wie dem Neonazismus und Rechtsextremismus einerseits und in codierten Formen wie in Diskursen über Israel oder „die Ostküste“ andererseits stets überschaubar und lenkbar in der Öffentlichkeit aufzutauchen.

Nun ist natürlich die jahrzehntelange Behauptung, es gäbe hier ein Tabu, auch so etwas wie die diskursive Verhängung eines Tabus. Damit kann der Stammtisch auch wohlig schauernd die „ordentliche Beschäftigungspolitik im 3. Reich“ oder „Meine Ehre heißt Treue“ zur Kenntnis nehmen, und die Bewunderung für die Tabubrecher kennt dann keine Grenzen. Denn der antisemitische Tabubruch trifft sich besonders gut mit dem antisemitischen Wahn, dass es eine „jüdische Weltherrschaft“ als Instanz gebe, die „uns“ bis heute vorschreibt, was „wir“ sagen oder wen „wir“ wählen dürfen (siehe Waldheim und Schwarzblau). Was es aber tatsächlich gibt, ist ein Schweigegebot innerhalb der TäterInnengeneration über die Verbrechen des NS, das noch aus der NS-Zeit selbst herrührt, denn es war allen klar: Wenn sie den Krieg verlieren und zur Rechenschaft gezogen werden, wird es besser sein, nichts gewusst zu haben. Dieses Gebot zu überschreiten, diese gesellschaftliche Konvention zu durchbrechen, scheint nach wie vor die größte Provokation zu sein, denn sie trifft, wenn sie z. B. so gut gemacht ist wie der Herr Karl von Helmut Qualtinger, mitten ins Herz der „vergesslichen“ österreichischen Gesellschaft. ProvokateurInnen, die, ob als PolitikerInnen oder KünstlerInnen, nur eine bürgerlich-liberale Öffentlichkeit provozieren, indem sie dort aussprechen, was dort nicht gesagt werden darf, können zwar mit guten Quoten rechnen, erreichen aber, selbst wenn sie es gewollt hätten, keinerlei emanzipatorische Kraft.

Der Antifaschismus Vergnügungspark mit seiner „Lachgaskammer“ von den Österreichern Julius Deutschbauer und Gerhard Spring, der 2005 im Rahmen des Festivals Politik im Freien Theater in Berlin gezeigt wurde, ist dafür ein gutes Beispiel. Die beiden wollten wahrscheinlich auch kräftig umrühren und jene treffen, denen Gedenken entweder Ritual, lästige Pflicht oder einfach scheißegal ist – allerdings kam diese Aneinanderreihung von „Witzen“ dem gezielten Tiefschlag eines „Herrn Karl“ nicht einmal nahe. Und das nicht, weil ihnen das Massenmedium Fernsehen als Bühne fehlte, sondern weil sie im geschützten Kunstrahmen ein dort angeblich wirkendes Tabu, nämlich Witze über die Shoah zu machen, brachen, auch wenn sie behaupteten, sich ausschließlich mit der Rezeption der Shoah und nicht mit dem realen Verbrechen zu beschäftigen. Der Unterschied zwischen Qualtinger und Deutschbauer/Spring ist also einer ums Ganze: Zielte jene Provokation auf den dominanzgesellschaftlichen Konsens der österreichischen Nachkriegsgesellschaft, richte diese sich gegen den mühsam erkämpften, zivilisatorischen Minimalkonsens, nach der Shoah keine Witze mehr über Jüdinnen und Juden zu machen.

„Hätte man den Mut“, befragt der Kulturwissenschaftler Stefan Krankenhagen die Kunst von Deutschbauer/Spring, „diese Arbeit einem Überlebenden der Konzentrationslager zu zeigen? Hält man das aus? Diese Frage können letztlich nur die beiden Künstler entscheiden, sie müssten dabei wohl auch entscheiden, ob es möglich ist, sich ausschließlich auf einer sekundären Ebene zu bewegen. Auf einer Ebene, die angeblich mit den geschehenen Morden nichts zu tun hat.“ Das Problem ist, dass diese Arbeit nur in einem von den realen Verbrechen abgekoppelten und noch dazu durch den Kunstkontext geschützten Raum funktionieren kann, weil sie nur dort dieses bürgerlich-liberale Publikum hat, für das es ein befreiendes Gefühl ist, wenn es in die „Lachgaskammer“ oder das „Dekonzentrationslager“ darf. Wer ein Tabu bricht, muss sich immer fragen, wer applaudieren wird.


Sylvia Köchl ist Redaktionsmitglied von Malmoe und lebt in Wien.