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Bezüge ermöglichen.

Populäre Provokationen im Gespräch.

Mit Tanja Ostojić und Fahim Amir

Bildpunkt: Von Dada bis Punk gehörte sie zum Standardrepertoire der emanzipatorischen Mittel in Kunst und Popkultur: Die Provokation. Taucht das Wort hingegen heute auf, ist Vorsicht geboten: Ähnlich wie die Bezeichnungen „Tabubruch“ oder „Querdenker“ zeigt es eher etwas anderes an als emanzipatorische Strategien. In der Regel schwingen sich konservativ motivierte (nicht selten ex-linke) AntifeministInnen und AntisemitInnen dazu auf, gegen die angeblich übertriebene political correctness mobil zu machen, die ihrer Meinung nach das gesamte kulturelle Feld eingenommen hat und den freien Ausdruck knebelt. Wenn dies die hegemonialen Praktiken der Provokation sind, stellt sich nicht nur die Frage, was heute wen noch provozieren kann. Sondern eher die, ob Provokation überhaupt noch eine brauchbare Taktik sein kann und was Bedingungen ihrer Möglichkeit wären.

T. O.: Als Beispiele für gelungene, „linke“ Provokationen können meines Erachtens bestimmte Aktionen der Yes Men gelten. Als sie 2004 als Sprecher von Dow Chemical auftraten und sich für die 1984 von Union Carbide – mittlerweile eine Tochterfirma von Dow Chemical – verursachte Giftgaskatastrophe in Bophal entschuldigten, war das eine gute Form der Provokation. Damals starben 18 000 Menschen, 140 000 brauchen lebenslänglich Medikamente. Die Yes Men übernahmen im Namen der Firma die volle Verantwortung und versprachen, die Opfer und die Familien der Toten zu entschädigen. Das wurde über BBC ausgestrahlt. Dass die Firma anschließend dementieren musste, löste natürlich die gewollte Debatte über deren Verantwortung neu aus.

F. A.: Mir scheinen an der Debatte über Provokation zwei Punkte zentral zu sein: Zum einen die Verbindung von „ProvokateurInnen“ zu einer gewissen „Basis“. Man kann sich nicht losgelöst von allem als „Avantgarde“ gerieren und erwarten, die eigenen Aktionen würden irgendwelche Effekte zeitigen. Sie müssen an bestimmte Debatten oder reale Situationen anknüpfen, nicht unbedingt immer „allgemeinverständlich“ sein, sie müssen aber Bezüge ermöglichen, sonst funktioniert Provokation nicht. Zum zweiten ist es wichtig, mit einem bestimmten Einübungseffekt umzugehen, wenn z. B. Kontroll-Technologien zunächst in künstlerischen Zusammenhängen kritisch installiert werden: Einerseits kann dies als Vorbereitung für dissidente Umgangsformen dienen, wenn die Kontroll-Techniken tatsächlich breitflächig zum Einsatz kommen, andererseits können solche Praktiken auch dazu führen, dass ein Vor-Eingewöhnungseffekt eintritt und hier Kunst unfreiwillige Hilfstruppe der Kontroll-Bestrebungen wird.

Bildpunkt: Tanja, in der Ankündigung zu deiner Performance im dieTheaterKonzerthaus (Wien, 24. 10. 2006) heißt es, du verwendest „ausdrücklich Strategien der Provokation“. Hast du dabei bestimmte Techniken entwickelt, die die von Fahim beschriebenen Gewöhnungseffekte zu vermeiden helfen?

T. O.: Was ich provozieren möchte, ist vor allem dreierlei: Erstens geht es mir darum, Denkprozesse über bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse auszulösen. Zweitens sollen dadurch Diskussionen angeregt werden, Diskussionen über diese Verhältnisse zwischen den beteiligten Personen, dem Publikum. Damit geht dann drittens eine grundsätzliche Infragestellung der angesprochenen Inhalte ebenso wie der konkreten Situation während der Performance einher.

F. A.: Es muss aber darum gehen, nicht irgendetwas in Frage zu stellen, sondern ganz bestimmte, konkrete Anliegen zu formulieren. Die Provokation darf inhaltlich ebenso wenig beliebig sein, wie sie es „formal“ sein darf: Im Gegensatz zur „rechten Provokation“, die die Provozierten oft nur zum Objekt macht, sie manipulieren will, muss es „linker Provokation“ in der Tat darum gehen, Diskussionen mit offenem Ende aber mit bestimmten inhaltlichen Einsätzen auszulösen, innerhalb derer die je eigene Position artikuliert werden kann. Und das wiederum führt zu der alles entscheidenden Frage: Wer ist dein „Publikum“? Ich denke, dass sich keine abstrakten Provokationsstrategien entwickeln lassen, sondern immer auf eine konkrete Situation eingegangen bzw. abgehoben werden muss. Bei uns am spiel:platz könnte überspitzt formuliert die dritte Feuerbach-These von Marx als Motto stehen: „Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.“

T. O.: Es macht einen großen Unterschied, ob ich im Theater, im Kunstbereich oder in der Öffentlichkeit auftrete. Danach richten sich auch die Strategien, die ich anwende.

F. A.: Beim postdramatischen Theater, das wir machen, geht es beispielsweise auch um den alten Kampf, die „vierte Wand“ zwischen Aufführenden und Publikum zu durchbrechen, nicht Identifikation mit ProtagonistInnen herzustellen und den Einfühlungs- Profit abzuschöpfen, sondern Diskussion und Widerspruch zu produzieren. Wissen verstehen wir hier nicht als herunter vermittelbare Wahrheit, sondern als einen aus Konflikten und Kämpfen geborenen und mit Aktivierungspotential ausgestatteten Vektor. Im Gegensatz zu den meisten postmodernen Waschmaschinen, die zum Teil alles auf eine Weise politisieren, dass am Ende jede strategische Rationalität beim Bleichvorgang flöten geht. Wir haben ein letztlich „aufklärerisches“ Anliegen.

Bildpunkt: Leute einbeziehen, konfrontieren, auch im übertragenden Sinne nicht unbeteiligt lassen – das ist ein Anliegen, das auch schon in den Performances im feministischen Kontext der frühen 1960er Jahre formuliert worden ist, bei Yoko Ono etwa oder später bei Valie EXPORT. Gerade bei diesen beiden Künstlerinnen wurde diese Konfrontation ziemlich direkt gesucht und war zugleich eine (provokante, da anti-patriarchale) Konfrontation mit der Verletzlichkeit des weiblichen Körpers …

T. O.: …mir geht es nicht um Körper, meine Performances handeln nicht von Körpern, sondern von sozialen und politischen Figuren oder Figurationen, ein Konzept, das wesentlich mehr umfasst als nur individuelle Körper.

Bildpunkt: Ist das auch der Punkt, an dem es zu der von dir vollzogenen Verbindung von Feminismus und dem Thema Migration kommt? In deiner Performance Integration Impossible ging es um diesen Konnex.

T. O.: Diese Verbindung ergibt sich ganz einfach aus meiner persönlichen Situation als Frau und als Migrantin. Diese Verbindung wird dann in meiner Arbeit auf einer verallgemeinerten Ebene reflektiert. Auch Looking for a husband with EU passport (2000– 2003) setzt natürlich an meiner persönlichen Erfahrung an und führt dazu aufzuzeigen, dass es letztlich die Staaten selbst sind, die die Integration verhindern, die sie permanent einfordern. Und damit wird schließlich die ganze Absurdität der Integrationsforderung offen gelegt.

Bildpunkt: Ist Provokation also doch noch eine angebrachte Strategie, die sich für unterdrückte Minderheiten anbietet oder auf die sozial Unterdrückte sogar angewiesen sind? Und bei der es vielleicht besonders gut zu Verbindungen von oder Allianzen zwischen sozialen Bewegungen und künstlerischem Aktivismus kommen kann?

T. O.: Ich denke, die Arbeiten von Ellen Nyman, in denen es um kulturelle Zuschreibung und Gegen-Bilder geht, können solche provokativen Taktiken von kulturell und sozial Stereotypisierten ganz schön veranschaulichen. Nach dem Wahlsieg der dänischen Konservativen im Dezember 2001, erschien sie mit einem gelben Gewand und Kopftuch vor dem Parlament und begann in dem Moment die dänische Nationalhymne zu singen, als die Rechten herauskamen, um ihren Sieg zu feiern. Nicht nur die waren irritiert, vielleicht provoziert, dass eine schwarze Frau sich „ihrer“ Symbole bedient. Die Aktion fand auch ein großes Presseecho.

F. A.: Die Strategie des „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ findet sich sicherlich in beiden Bereichen. Ich denke aber, dass dabei unterschieden werden sollte zwischen voluntaristischen Praktiken, oft spontanen Ausbrüchen innerhalb sozialer Bewegungen auf der einen Seite – wenn die Leute um José Bové beispielsweise eine McDonalds-Filiale auseinander nehmen. Oder, noch deutlicher bei den riots vergangen November in den französischen Vorstädten. Diese spontanen Aktionen sind deshalb nicht beliebig, es wurden ja auch nicht willkürliche Ziele angegriffen, sondern Schulen, Kindergärten, Verkehrsmittel, die immer schon im rassistischen Klassenzusammenhang eingebettet sind. Demgegenüber basieren künstlerische Provokationen auf der anderen Seite oft auf bewussten, taktischen und strategischen Überlegungen. Dieser Unterschied ist entscheidend u. a. im Hinblick auf die Medien als Transmissionsriemen für das, was schließlich vermittelt wird. Bürgerliche Medien, die zentral für das Funktionieren der kritisierten Verhältnisse sind, als Bündnispartner anzuvisieren, halte ich für genauso naiv wie die oft von Selbstüberschätzung gespeisten Hoffnungen, Massenmedien geschickt auszunützen und gegen sich selbst zu wenden. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Bildpunkt: Auf einen gekonnten Umgang mit den bürgerlichen Medien sind sicherlich die Akteurinnen und Akteure beider Felder in spezifischer Art und Weise angewiesen. Hattest du beispielsweise das Gefühl, dass du dir den Raum nehmen konntest, nachdem deine an Courbets L’Origine du Monde angelehnte Fotoarbeit Ende letzten Jahres hier in Österreich diesen Skandal ausgelöst hat? (Vgl. www.kultur.at/howl/tanja/ot/index.htm, Anm. d. Red.)

T. O.: Nicht meine Arbeit, sondern die Kronenzeitung hat den Skandal gemacht! Das Plakat musste nach genau zwei Tagen abgehängt werden und war danach aber erst recht präsent in den Medien. Auch hier kommt es wieder darauf an, wen man erreichen will. Ich habe viele Interviews gegeben und hatte schon den Endruck, dass ich habe vermitteln können, worum es mir gegangen ist.


Das Gespräch fand am 25. 10. 2006 in Wien statt. Es wurde für den Bildpunkt von Jens Kastner geführt, aus dem Englischen übersetzt, gekürzt und in Abstimmung mit den TeilnehmerInnen überarbeitet.


Tanja Ostojić ist Künstlerin und kulturelle Aktivistin und lebt in Berlin.

Fahim Amir ist Theoretiker, Autor, Dozent und Dramaturg am dieTheater Konzerthaus spiel:platz. Er lebt in Wien.