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Die IG BILDENDE KUNST ist die Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

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Hegemonialteilchen

Editorial

Mit seinem Anti-68er-Romanpamphlet Elementarteilchen avancierte Michel Houellebecq vor ein paar Jahren zum Vorzeigeprovokateur des Literaturbetriebes. Mit seinem konservativen Weltund Menschenbild, das jeglichem Ressentiment freien Lauf und sich von keiner political correctness mehr den Mund verbieten ließ, lag er auf der Höhe der Zeit. Populäre Provokation par excellence. Den Eindruck zu erzeugen, als wären feministische Forderungen umgesetzt, libertär-sozialistische Utopien verwirklicht, antikoloniale Befreiung erreicht und man müsse nun gegen die Herrschaft dieser vereinigten Posthippies provokant anschreiben, ist selbst Teil hegemonialer Bestrebungen. Und die realen, hegemonialen Verhältnisse sehen sicherlich anders aus. (Und zwar nicht nur, weil der Frauenanteil bei Professuren an österreichischen Universitäten bei nur acht Prozent liegt und kiffen immer noch illegal ist). Allerdings, und deshalb die ganze Aufregung, stand es auch mal anders um die Provokation: Sie gehörte zum Standardrepertoire künstlerischer Avantgarden. Auch wenn sie später als Strategie kaum mehr eingesetzt wurde, trat sie als Effekt dennoch häufig auf. Und stand dabei in deutlich emanzipatorischer Tradition: Aufzeigen, Aufrütteln, Anderssein. Ob es um die Provokation als progressives, emanzipatorisches Mittel endgültig geschehen ist, steht zur Debatte. Welche Rolle sie beispielsweise im politischen Aktivismus der Volxtheaterkarawane gespielt hat, diskutiert Gini Müller. Dass provokative Aktionen in feministischen künstlerischen Praktiken eine lange Tradition haben, kommt sowohl im Text von Sonja Eismann, als auch im Gespräch der Redaktion mit Tanja Ostojic´ und Fahim Amir heraus. Dennoch reflektieren alle die Problematik, die Martin Büsser als Zustimmung beschreibt: Die breite Akzeptanz habe zumindest dem Pop seine letztmöglichen Provokationen geraubt.

Dabei muss man nicht unbedingt Cultural Studies-Fan sein, um zu sehen, dass auch bei der Provokation die Frage der Rezeption entscheidend ist: Wer klatscht und warum? Und mit welchem Erfolg? Markus Wailands Glosse handelt vom Wegklatschen. Auch beim Tabubruch im Kontext des Antisemitismus kommt es darauf an, bemerkt Sylvia Köchl, wer applaudiert. Um die Rezeption besorgt sind von Haus aus auch die WerbestrategInnen, provozierend allerdings, auf welche Weise auch immer, viel weniger, als man dachte – zeigt Rudi Maier. Wie sich Werbung dennoch in die Körper einschreibt, reflektiert auch die Arbeit von Jorge de León. Wie immer versucht die Buch- und Netzrubrik am Schluss einen Überblick über die relevanten Veröffentlichungen zum Thema zu geben.

Wieder steht auch der kulturpolitische Innenteil nicht völlig außerhalb (des Themenschwerpunktes), um mögliche Strategien kulturell und/oder sozial Marginalisierter geht es auch hier: Daniela Koweindl über die Rückzahlungsforderungen des Künstlersozialversicherungsfonds, Sabine Benzer über das Vernetzungstreffen kulturschaffender Frauen, Natalie Deewan über das Niederlassungs- und Aufenthaltsgesetz.

Auf unterschiedlichen Ebenen können sowohl die Bildstrecke von Dominik Rhuza, als auch das Poster von Toledo i Dertschei als künstlerische Arbeiten gelesen werden, die zugleich kommentierend und intervenierend im Kampf um (bzw. gegen) kulturelle Hegemonie Stellung beziehen. Schließlich haben wir uns in diesem Kampf, hatte einst Antonio Gramsci betont, auf einen „Stellungskrieg“ einzurichten.


Jens Kastner, Koordinierender Redakteur