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Nag[1] Nag Schabernag[2]!

zu des gesezzesgebers neustem lustigen streiche

Natalie Deewan

hieda ist ein gesezzestext welcher verlanget von den menschen welche nicht auf europas güldenem grunde das licht der hiesigen welt erblikket das sie solen das heilig land an dessen gestade sie nunmehr gelanget sind, seien sie artisten oder eheleuyte oder anders volk, alsogleich lassen und heimkehr suchen von woher auch immer sie wohl gekommet.

als die artisten und scientifices concerniert seien, diese nicht mehr alsohier bleibstatt suchen und finden können sondern vielmehr immer aufs neue ums hierbleibben und/oder so sie schon außer landes geschmisen, ums wiederhereinkomen mussen zittern und bangen und mit den zehnen knirschen.[3] auch wenn sie haben ein gülden papir, welches sagt: du magst bleibstatt haben, dies papir sie nunmehr können verwenden tsum sich den ars wischen, es hat kein gultigkeit nicht mehr.[4]

alsogleich ist die lage auch bei den eheleuyten, welche vorwizzig genug sich glaubeten und einander über die continente hinweg vermehleten! so das nun schon ein viertel aller hochzeiten zumindest binationale sind! Tu Felix Austria Nube! mocht man da sagen und singen „… in das Land der Lebensmüden kommen Prinzen aus dem Süden …“ doch vaterstaat wird es tsuu bunt allhir: abertausend falsche bräute ortet er und so solen alle diese welche mit den schwarzen prinzen ringe tauschen ihre strafe haben: und schaffet alsogleich den allerliebsten hürdenlauf[5] durchs Austriarchat – wer nicht stürbet der gewinnet …

aber nicht nur schmerz sondern billigs unrecht und falschheit ist geschehn[6] gleich wie bey den artisten, das gültigs papir von tag auf nacht sein leben verliert und welcher gestern noch arbeit und aufenthalt hat, der sizzet am morgen drauf schon hinter gittern, aus dem einzig grund, das ein neuer tag ist gekommt und hat ein neues gesezz mit sich genommt und das ist jezt amen so und der schwarze peter der bist du … so geschehn ist es mit vielen welche sich alsbald zusamenfanden als die freyen eheleuyte[7] und kämpfeten für einander als der vaterstaat die verbindung mit allen mitteln zu zerstören suchte.

angewidert von diese umstaende welche dem leben fremd und nur dem papire freundlich sind haben sich diese beiden interessenscommunities nun auf ein packkel gehauen und hekketen ein plan aus, wie sie solten sich wehren und den gesamelten restlichen volke erzählen, was mit ihnen von staates wegen geschieht: oft ist gesehen worden, wie sich ein paket in die luft ergeht und all sein inhalt ist verweht in alle winde! so sind die kunstler und hochzeitskinder ans werken gegangen: ein „Fremdenrechtspaket“ geschnüret und „Asylmillionen für Alle“ gedrukket, wie so oft versprochen ward von den orangeblauen ausländerfreundchen und haben also in den reprografieranstalten milionen und abermilionen flugzeuge hergestellt, welche sich solen ergießen übers land und dem volke aufclairung bringen: jawohl!

so wurde genomen ein schöner sonniger tag[8] und eine schöne sonnige straße[9] mit viel gevolk, welche sollen den regen erfahren: Manna vom Himmel, so soll es seyn![10] und also ward getan: wen die nachbarin pumerin hat einse geschlagen, da ward aus dem obersten stocke ein glizzer erspähet, das sich bald als riesig paketchen zeiget. wie es also herabgelassen ward, bemerken die leuyte auf der strassen, was sich in der hohe tuet und rekken die kopfe auf was wol wird passirn. und da beginnet die sprengung mit einen lauten knall und es tönet über die strassen und weiter bis in die felder der ruf von einer festen frauwenstimme: „Nag Nag Schabernag!“ und das packet entlediget sich seiner wahre: tausende fliegerleyns fallen in die luft und alle milionen zettelchen werden vom winde verweht! die weiber auf der strassen schreien und laufen sich das geld vom himmel zu holen derweil die mannen schaun und die kleinen kinder glauben, im määrchen zu sein.[11] als die fusznoten den boden treffen werden sie alsogleich behoben und belesen oder auch nur unsinig beschaut. in jedem falle zwirbeln die nachrichtenvögelchen lustig durch die luft und suchen asyl in den ritzen der bürgerhäuser und auf den baldachinen der juweliere – welche alsogleich zum proteste schreiten und die vielen scheinchen nicht auf ihrem gelände dulden mögen …

auch die staatshüterli und constitutionswächterli stehen alsobaldigst der sprengung bei und heischen auskunft um auskunft – bereitwilligst geben wir a um a und b: kehren mit besen sonder zahl dem himmel den rücken und den boden zusammen: kein fleyaleyn soll mehr den boden trühben – und das conto unsrer genosen! … so komen wir auch mit den bezirksbewohnern in eine conversation: „A Frechheit is des!“ genau, befleißigen wir uns zu replicirn: „A Frechheit dieses Fremdengesetz!“ genau.

wer also nun immer noch nicht hat verstanden, was ist ein Nag und was ist ein Schabernag, dem solen die himlischen herscharen[12] helfen.


Natalie Deewan ist Unternehmerin (Der Wiener Deewan, Ehe ohne Grenzen, sprachliche Lösungen) und lebt in Wien. 


[1] Niederlassungs- und Aufenthaltsgesetz (NAG), Teil des von ÖVP, BZÖ und SPÖ beschlossenen und am 1.Jänner 2006 in Kraft getretenen Fremdenrechtspakets.

[2] Schabernack m. „übermütiger, lustiger Streich“. Herkunft unklar.

[3] Die neue Gesetzeslage sieht keine Niederlassungsbewilligungen für KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen mehr vor, es kann nur mehr um 6- bis 12-monatige Aufenthaltsbewilligungen angesucht werden.

[4] In bestehende Niederlassungsbewilligungen darf mithilfe des neuen Gesetzes ungehindert eingegriffen werden – sie wurden zu simplen „Aufenthaltsbewilligungen“ degradiert.

[5] a) Geld oder Leben – Der/die österreichische EhepartnerIn muss (als StudentIn/KindergeldbezieherIn/ Teilzeitbeschäftigte/…) ein monatliches Mindesteinkommen von 1056 Euro nachweisen – alleine, schließlich werden den ausländischen EhepartnerInnen weder Niederlassungs- noch Arbeitsbewilligungen erteilt … b) Auslandsantragsstellung: Den Antrag auf Niederlassungsbewilligung muss der/die ausländische EhepartnerIn im Herkunftsland – aus dem die meisten aus guten Gründen geflohen sind – stellen, oft zum zweiten Mal und ohne jede Garantie auf einen positiven Bescheid nach Monaten oder Jahren staatlich verordneter Wartezeit.

[6] Auf Anweisung der zuständigen Behörden haben die meisten AsylwerberInnen, die nach einer Heirat mit einem/r österreichischen StaatsbürgerIn um Niederlassungsbewilligung angesucht hatten, im Laufe des Jahres 2005 ihren Asylantrag zurückgezogen, da, wie es hieß, nicht zwei Anträge gleichzeitig offen sein dürften. Mit Jahreswechsel und dem In-Kraft-Treten des neuen Fremdengesetzes – ohne Übergangsbestimmungen (!) – waren die Antragsbestätigungen plötzlich nichts mehr wert; die betroffenen ausländischen EhepartnerInnen waren von einem Tag auf den anderen illegalisiert und damit der permanenten Gefahr einer Abschiebung in ihr Herkunftsland ausgesetzt – während sie gleichzeitig legal mit einem/r ÖsterreicherIn verheiratet sind.

[7] Ehe ohne Grenzen, seit Februar 2006 existierende Initiative von vom neuen Fremden“rechts“gesetz betroffenen binationalen Ehepaaren und solchen, die es werden wollen. Veranstaltet seit 19. 4. 2006 wöchentlich (jeden Mittwoch um 17h) Kundgebungen vor dem Innenministerium und viele weitere Aktionen (72 Stunden für die Freye Liebe, die Ehe ohne Grenzen Passion, …) und versucht den Medien sowie den zuständigen Behörden und PolitikerInnen die reale Situation der ÖsterreicherInnen mit illegalisierten EhepartnerInnen zu vermitteln. Seit kurzem existiert auch ein Dokumentarfilm Die Liste – ein Fremdenrechtskrimi von und mit Ehe ohne Grenzen. www.ehe-ohne-grenzen.at.

[8] Am Samstag, 7. Oktober 2006 fand in zahlreichen Städten Europas und Afrikas der transnationale Migrationsaktionstag statt, an dem neben Demonstrationen dezentral verschiedenste Aktionen zum Thema durchgeführt wurden, u. a. eben auch die Sprengung des Fremdenrechtspakets, unter Beteiligung der IG Bildende Kunst, der Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs (VBKÖ) und der Initiative Ehe ohne Grenzen.

[9] Kärntnerstraße, Kärntnerhof, 4. Stock. Die Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs (VBKÖ) stellte ihre strategisch günstig gelegenen Räumlichkeiten für die Aktion zur Verfügung.

[10] Insgesamt waren es 12 000 weiße und gelbe Flugzettel mit den Forderungen von IG Bildende Kunst (s. Bildpunkt Herbst 2006) sowie „Prokops“ („Geldscheine“ mit dem Konterfei der Innenministerin und Zahlenwerten zur Situation von AsylwerberInnen und binationalen Ehen – etwa das 1 056 Euro Mindesteinkommen oder die Tatsache, dass einmal festgestellte Mittellosigkeit umgehend zu einem Aufenthaltsverbot führen kann – also besser immer 10 Euro in der Tasche haben! – aber auch nicht zu viel, sollten etwa einmal mehrere hundert Euro mitgeführt werden, liegt der Verdacht auf Dealerei gefährlich nahe …).

[11] Ansichtssache: derstandard.at/?url=/?id=2615830, Kurzbericht: no-racism.net/article/1834, Fotos solo: www.igbildendekunst.at.

[12] Himmlische Heerscharen: helfen immer.