Über die Zeiten, in der die Provokation noch im Dienste der Konsum- und Kapitalismuskritik stand, berichtet der ehemalige Akteur der Provo-Bewegung Coen Tasman in der anarchistischen Zeitschrift graswurzelrevolution. Die Provos waren eine libertäre, hippieähnliche Bewegung, die 1965–1967 vor allem in den Niederlanden die Sub- und Gegenkultur prägte. Die Provos hatten eine eigene Zeitschrift, ließen sich in Amsterdam in den Stadtrat wählen und brachten es mit einer Rauchbombe auf die Kutsche des frisch vermählten Königspaars (1966), in der neben Prinzessin Beatrix der Ex-Nazi Claus von Amsberg saß, zu Weltruhm. Der Wind von 1968 wehte auch noch durch die Aula einer Düsseldorfer Schule, in der Joseph Beuys 1970 die Provokation als „Lebensstoff der Gesellschaft“ verteidigte. Ein großartiges Dokument ist diese DVD, auf der das ausschließlich von Männern besetzte Podium über Kunst und Antikunst diskutiert. „Beuys: ,Unterbrechen sie mich doch bitte nicht…‘ Bense: ,Doch, manchmal ist eine Unterbrechung sehr gut, nämlich diejenige (…), die den Gegner zum Präzisen zwingt. Sie müssen sagen, was wollen Sie verändern, wenn Sie provozieren.‘ Beuys: ,Ach so, Sie sind mein Gegner, das ist jetzt schon mal ganz schön rausgekommen.‘ Bense: ,In dieser Rede! – Ja meinen sie denn, Sie hätten keine? Ich habe auch welche.‘ Zwischenrufe aus dem Publikum: ,Helau‘!“ Im Begleitbuch ist das gesamte, für die Debatte um Kunst und Politik sehr aufschlussreiche Gespräch plus Rezeption abgedruckt. Dass die Provokation als „Herausforderung normgebender Instanzen“ (Schulz) auch für die Frauenbewegungen von enormer Bedeutung war, schildert die Historikerin Kristina Schulz in ihrer vergleichenden und beeindruckenden Studie. Sie differenziert zwischen kulturellem, auf Veränderungen in den Köpfen abzielendem, und sozialem Feminismus, der eher auf rechtliche Gleich- stellung gerichtet ist. Beide, ließe sich im Hinblick auf den Titel ihres Buches sagen, atmen durchaus noch. Gesellschaftlich aber sind sie ins Hintertreffen geraten angesichts einer Reihe von Veröffentlichungen, die den Feminismus für alle Übel der Welt verantwortlich machen (Eva Herman, Norbert Bolz, u. a.) und seine Errungenschaften – „populär provozierend“ – am liebsten rückgängig machen würden. Das poptheoretische Grundlagenwerk, in dem das Umschlagen der Provokation von der emanzipatorischen Methode in reaktionäre Praktik (und ein möglicher Weg zurück) beschrieben und diskutiert wird, ist sicherlich nach wie vor Diedrich Diederichsens Buch über das Phänomen der „political correctness“. Im Rahmen einer Debatte, die im Frühjahr 2006 in der linken Wochenzeitung Jungle World stattfand, betont Diederichsen, die Provokation habe sich immer an eine „kulturtragende bürgerliche Klasse“ gewandt. Da diese nicht mehr existiere, hält er die Provokation als künstlerisches Mittel für obsolet. Dass sich immer wieder Leute über Kunstwerke oder Theaterstücke aufregen, sprich: sich provoziert fühlen, sei meist nur ein Zeichen dafür, um was für ein „unendlich provinzielle(s) Genre“ es sich bei der Provokation handele. Die Kulturplattform Oberösterreich (KUPF) hatte im Frühjahr 2006 ihren Innovationstopf zum Thema „Provokation“ ausgeschüttet und elf Projekte finanziert, die Provokation als Methode hinterfragen und ihre partizipativen Möglichkeiten ausloten sollten. Eine Begriffsbestimmung und Bibliografie zur Provokation bietet die gleichnamige Homepage der beiden Schweizer Medienkünstler Johannes M. Hedinger und Marcus Gossolt (www.provokation.ch).
Jens Kastner ist Kunsthistoriker und Soziologe und lebt in Wien.
Coen Tasman: Provos. Libertäre Bewegungen in den Niederlanden seit 1965 (Teil 1), in: graswurzelrevolution, Münster, Nr. 258, April 2001, www.graswurzel.net/258/provo.shtml
Beuys, Joseph: Provokation – Lebensstoff der Gesellschaft. Zu Kunst und Antikunst, Podiumsdiskussion mit Max Bense, Joseph Beuys, Max Bill, Arnold Gehlen. Leitung: Wieland Schmied, Düsseldorf 1970, DVD, s/w, 90 min. mit Begleitbuch, Berlin/Köln 2003, Verlag der Buchhandlung Walther König.
Diederichsen, Diedrich: Politische Korrekturen, Köln 1996 (Verlag Kiepenheuer & Witsch).
Diederichsen, Diedrich: Laïos antwortet nicht. Die künstlerische Provokation richtete sich an eine kulturtragende bürgerliche Klasse. Dieses Verfahren ist obsolet geworden, Jungle World, Berlin, Nr. 21, 24. Mai 2006, S. 19.
Schulz, Kristina: Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968–1976, Frankfurt a. M. 2002 (Campus Verlag).
www.jungle-world.com (Nr. 15/2006 bis Nr. 21/2006)
www.kupf.at/index.php
www.provokation.ch