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60 Sekunden nach dem Eintreffen des „Fwd: Fwd: Fwd: hundekot. at“-emails auf meinem Computer war ich der 60 000ste Unterzeichner der Petition. Ich mag die Haufen nicht, die Hunde hinterlassen und noch weniger kann ich die Menschen leiden, die sie nicht wegräumen. Dabei ist Hundekot kein Schicksal, der Vergleich macht sicher: „Clean up after your Dog!“ lautet die Parole in New York, und es funktioniert. 500 Dollar Strafe und soziale Ächtung der Mitmenschen sorgen für relative Sauberkeit auf Gehsteigen und in Parks. Am Tag nachdem ich meinen Namen in die Liste der Hundehaufenhasser eingetragen hatte, fühlte ich mich reichlich bescheuert. Die Zeitungen waren voll mit Reportagen zur Causa Prima, in der Zeit im Bild wurden die Befindlichkeiten von Hundebetroffenen mit Livediskussion im Studio ausgewalzt. Eine denkwürdige Performance: Über 130 000 Personen haben bei der Petition eingelocht – dabei hat der Sommer noch gar nicht begonnen.
Wiener Hundebesitzer wie mich beschämt aber nicht der Kot auf der Straße, nicht ernsthaft. Nicht, solange einen Meter höher eine Scheiße zum Himmel stinkt, die international wirklich beispiellos ist. Rassistische Beschmierungen und Hetzparolen auf Wiener Hauswänden haben seit Jahren ein Ausmaß und eine Dichte, bei denen niemand mehr von ein paar Verwirrten mit öffentlichem Schreibzwang sprechen kann. Parolen wie „N**** raus“ oder „Kill all N******“ sind gefährlich, verhetzend, peinlich für die Stadt Wien und ein Armutszeugnis für die Menschen, die in ihr leben.
Nicht alle Menschen in Wien gehen reaktionslos an den rassistischen Beschmierungen vorbei. Manche streichen sie durch, übermalen oder ergänzen sie und nehmen damit das Risiko in Kauf, für diesen Akt der Zivilcourage und Stadthygiene wegen Sachbeschädigung geklagt zu werden – entsprechende Prozesse sind zur Zeit im Laufen. Der chronisch unterbudgetierte Verein Zara dokumentiert die Hetze seit Jahren in seinem Rassismusreport, und SOS Mitmensch markiert seit kurzem gemeinsam mit anderen Initiativen rassistische Beschmierungen mit Aufklebern: „Rassismus streichen“ steht da in gelungener Doppeldeutigkeit zu lesen. Bevor das Thema von der Tagesordnung genommen werden kann, muss es von den Wänden verschwinden – von „offizieller Seite“ fühlt sich jedoch scheinbar niemand zum Pinsel berufen.
Während der Bürgermeister der Hauptstadt des Hauswandrassismus dem Druck der Straßensäuberungspetitionisten nachgibt und eine wohldotierte Aufklärungskampagne inkl. „Aktion Scharf“ und offizieller/m Koordinator/in (Ausschreibung demnächst) verspricht, erklärt sich sein Wohnbaustadtrat auf Anfrage der Grünen für die Entfernung von Rassismus an Wiener Hauswänden für nicht zuständig. Die Schaffung eines Budgettopfes für die Entfernung rassistischer Beschmierungen an Privathäusern sei nicht Sache der Stadtverwaltung und überdies nicht finanzierbar. Hey, Stadtwien, schreie ich mit einem kleinen Sack voll dampfenden Hundekots in der Hand in Richtung Rathaus, clean up after your racists! Während ich den Hund vor der Farbenhandlung anleine, verreibe ich im Geiste den Sackinhalt auf einer beschmierten Hauswand. Zwei Kübel Dispersion und zwei Malerbürsten, bitte. Ja, zwei Sackerln. Das eine per Eilboten ins Rathaus, Referat für performativen Antirassimus. Das andere nehm ich so.
Markus Wailand ist Mitgründer des Dokumentarfilmkollektivs pooldoks und lebt in Wien.
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