In den verschiedenen indogermanischen Sprachen, im Altindischen, Altgriechischen und Lateinischen stehen Wörter wie taksch oder tektainomai für „zimmern“ und „ins Werk setzen“ oder texo für „weben“ und „flechten“. Nicht das fertige Produkt eines Textes steht im Vordergrund, sondern der Prozess der Verwebung.
Im dramatischen Theater dagegen, sei es traditionell oder Regietheater, ist der Text beendet, lange bevor der Vorhang hochgeht. Fertiger Text wird in Szene gesetzt: auf einer Guckkastenbühne, im Zelt, Café, mehr oder weniger konventionell. Er umschließt das Theater der Repräsentation, wird immer wieder inszeniert und verkörpert und fixiert dabei starre zeitliche Abfolgen und Hierarchien: Zuerst wird er geschrieben, dann aufgeführt, dann rezipiert. Und zum Text davor kommt schließlich der Text danach hinzu, die Theaterkritik als letztes Glied in der Abfolge des hierarchischen Nacheinanders.
Ich nenne das Theater im Text, ein Text-Paradigma, das die Aktion in der Repräsentation, das Performative im Text einschließt. Ihm setze ich das Paradigma vom Text als Ereignis gegenüber. Hier geht es um die Funktion des Machens, Produzierens, Erzeugens, das zugleich ein ständiges und mannigfaltiges Verweben ist. Im Gegensatz zur Repräsentation und Interpretation eines fertigen Textproduktes durch RegisseurInnen, SpielerInnen und RezipientInnen geht es im Paradigma des Textes als Ereignis ums In-Szene-Setzen eigener Bedeutungen und Geschichten. Bei diesen Geschichten handelt es sich nicht um die Suche nach Wahrheit und Identität, nicht um eine essenzialistische Form der Selbstfindung, sondern um ein Gewebe aus Fiktion und Dokumentation: ein Verwirrspiel, bei dem ProduzentInnen und RezipientInnen nie genau wissen, woran sie sind, welches Ich gerade gespielt wird.
1. Über meiner rechten Augenbraue ist eine Narbe aus dem Kindergarten. Auf meinem rechten Oberarm ist eine Narbe von einer Knochenschneidemaschine. Da sind Narben von Angelhaken, Rasierklingen, von einem Fischmesser und einer Brotschneidemaschine. Am Brustkorb, am Arm, am Daumen und an der Innenseite der Oberschenkel. Auf meinem Bauch ist ein Viereck, auf meinem Brustkorb ein Stern. Ich möchte offen sein, was ich mit einer Klinge erledige. Ich habe mir Angelhaken in die Haut gesteckt und abgeschnitten, mir waagrechte Schnitte am Bauch zugefügt und mir vor Kunstpublikum mit einer Rasierklinge eine 23 cm lange Wunde in den linken Arm geschnitten.
Der Schnitt in die Haut funktioniert wie ein Schnitt in die Wirklichkeit. Im Kunst-Kontext ist das Schneiden am eigenen Körper ein Medium unter vielen. Eine schreibt, einer malt, und einer verwendet den eigenen Körper oder die Körper anderer. Kunst sagt, „es ist Kunst“ und verschiebt Perspektiven. Mit einem Teppichmesser die Nagelhaut der bis zum Fleisch herabgebissenen Fingernägel zerschneiden, die Initialen von Hugo Boss – der in der NS-Zeit u. a. die Wehrmachts- und SS-Ledermäntel entworfen und produziert hat – in die Hand nähen, für die Performance Art must be beautiful, Artists must be beautiful die Haare bürsten, bis die Kopfhaut blutet: Derartige Praxen der Körperbearbeitung und -verletzung sorgen in Kunst-Kontexten seit den siebziger Jahren immer wieder für Diskussionen. Im Rahmen dieser Arbeiten tauchen auch immer wieder dieselben falsch gestellten und fehl leitenden Fragen auf: Hat es weh getan? Bist du das im Bild? Die komplexeren Arbeiten der Body Art stellen sich als Ereignis jedoch gerade gegen den Diskurs der Authentizität des Bildes und der Echtheit der Person im Bild. Die Geschichte, die die Schnitte auf meinem Körper erzählen, ist meine eigene. Nicht meine Wahrheit, nicht in dem Sinn, dass es eine eindimensionale Erzählung wäre. Aber sie ist meine Erfindung. Nicht zuletzt deshalb hat Sich-Schneiden mit Lust zu tun.
2. „Jemanden Schneiden“ ist eine Metapher und bedeutet so viel wie „nicht sprechen mit“, „nicht in Kontakt treten wollen“. Ich war zwischen 13 und 14, da hat ein Nachbar mich fast vergewaltigt. Als er auf mir drauflag, habe ich eine Säge zu fassen gekriegt und ihm damit über den Arm geschnitten. Dann habe ich ihn mit der Säge in der Hand dazu gebracht, mich rauszulassen. Ich bin rübergerannt zu meiner Oma und hab ihr die Geschichte erzählt. In der Zeit, als sie wiederum rüber gegangen ist, um ihn zur Rede zu stellen, habe ich alles aufgeschrieben und eine Art Protokoll erstellt. Ich habe nicht daran gedacht, dass ich ein Opfer gewesen bin, sondern habe mich an die Vorstellung gehängt, ihn verletzt zu haben. Dann ist meine Oma zurückgekommen, und das war ernüchternd. Sie hat erzählt, dass er eine andere Version erzählt, sie nicht wüsste, wem sie glauben soll, und es besser wäre, man belässt es dabei. Im Nachhinein gefällt mir die Vorstellung, dass ich zwar Narben am Arm habe, dass er an seinem Arm aber eine ähnliche Narbe hat, und zwar von mir. Wenn ich jemanden schneide, ist das auch eine Möglichkeit, Nähe herzustellen, Emotionen zu erzeugen. Für mich war Schneiden eine Zeit lang die intensivste Art, jemandem nahe zu sein. Meine Signatur wirkt umso machtvoller, wenn sie von anderen entziffert wird.
3. Ich erinnere mich an Maggie: Als ich nach einem Jahr LA nach Österreich zurückging, haben wir uns ein M ins Knie geritzt: sie mir, ich ihr, an derselben Stelle, und danach mit Asche und Tinte eingerieben, damit die Ms sichtbar bleiben. Wir wollten uns erinnern. Ohne Gedanken an andere RezipientInnen unserer Ms.
Alle drei Varianten – Sich-selbst-Schneiden, Jemand-anderen- Schneiden und Sich-gegenseitig-Schneiden – konkretisieren Austausch, In-Beziehung-Setzen, Weben und Verflechten als elementare Qualitäten des Paradigmas Text als Ereignis. Zentrales Moment für alle drei Formen ist mit sich selbst und mit anderen im Austausch zu sein: eine Praxis der Organisierung, die Text nicht mehr als hierarchische Funktion instrumentalisiert, das Theater nicht mehr in den Text einschließt, sondern den Text sich ereignen lässt.
Michaela Pöschl ist Künstlerin und Kunsthistorikerin und lebt in Wien.
Die erste Fassung dieses Textes wurde in dietheater Künstlerhaus in Wien im Rahmen der Veranstaltungsreihe DO! Text im April 2005 mit Video- und Fotomaterial als Lecture/Performance präsentiert. Siehe auch: Michaela Pöschl, Vom Autor als Produzenten zum Text als Ereignis, republicart.net/disc/aap/index.htm