Okay, womit beginnen: Vielleicht so …
1. Ideologie performt
Aber warum? Performance, Performanz, Performativität sind Wörter, die leicht miteinander verwebt werden, aber nicht dasselbe bedeuten. Performance als künstlerische Ausdrucksform scheint da noch einen leichteren Zugang zu bieten, auch wenn, und das ist gut so, Performance Kunst ein nicht klar definierter Raum ist. Performanz oder Performativität meint jedoch die Praxis der Bedeutungsproduktion und diese Praktiken sind die Einsätze zur Subjektivierung, zur Feststellung von Identitäten. Performanz eingesetzt zur Machtbewahrung bzw. -herstellung arbeitet mit Wiederholung, die Prozesse darob werden verschleiert, versteckt … Die blau-schwarz-orangen Regierungen haben in vielen performativen Windungen demonstriert, wie Performanz zur täglichen politischen Praxis gehört. Inszenierungen vom Ortstafel- Verrücken, sich 2005 Gedanken machen, bis zum Sparbuch- Eröffnen sind nur ein paar Praxen aus der letzten Zeit, die Setzungen der letzten 6 Jahre würden wahrscheinlich Bände füllen. Aber zur Beruhigung, diese Setzungen sind keine Erfindung von Blau-Schwarz-Orange und es werden noch andere FinanzministerInnen kommen, die meinen, einen guten Tag mit einem sanierten Budget beginnen lassen zu müssen. Ideologie performt, klingt immer noch kompliziert. Fragen wir mal Foucault, der sagt: „die Macht ist nicht eine Institution, ist nicht eine Struktur, ist nicht eine Mächtigkeit bestimmter Mächtiger. Die Macht ist der Name, den man in einer komplexen strategischen Situation in einer Gesellschaft gibt.“[1] Macht an sich muss identifiziert werden und zwar fortlaufend, obwohl seitens der jeweils „Mächtigen“ versucht wird, diesen Prozess, diese notwendige Praxis zu verschleiern, um den gewünschten Effekt, nämlich die Bewegung, die Geschichtlichkeit zum Stillstand zu bringen. Gleichzeitig ist aber die Wiederholung dieser Identifikation vonnöten: „In diesem Sinne kann ein Begriff oder eine Äußerung nicht performativ funktionieren, wenn ihre Kraft nicht geschichtlich aufgebaut und zugleich verborgen ist.“ (Judith Butler)[2]
2. Reden = Handeln
Wenn wir reden, dann handeln wir. Meint zumindest John L. Austin in seiner Sprechakttheorie.[3] Aber Moment mal: Diese Sprechakte haben nur einen Effekt, wenn wir uns in einer machtsprechenden, oder recht-sprechenden Situation befinden, so Austin weiter. Das wohl beliebteste Beispiel dafür ist das Ritual der Eheschließung: Eine befugte Person (ein/e PriesterIn oder ein/e Standesbeamte/Standesbeamtin) erklärt zwei Menschen (in Österreich immer noch Mann und Frau) zu Eheleuten, wenn sie den Sprechakt „Ja, ich will …“ vollzogen haben. Im Englischen sagen sie interessanter Weise „I do …“ – Ich tue, also handle mit diesem Sprechakt und der Effekt (die Vermählung) tritt in diesem Moment ein. Nur zur Erinnerung: Österreichische Politik hat aber auch hier Grenzen dieses Effektes gezogen, mit den Ergebnissen, dass bikulturelle Ehen durch die Gewalt des Staates getrennt werden, gemeldet von den StandesbeamtInnen, die eigentlich das Recht auf Eheschließung vollziehen und nicht verhindern sollen.
3. Widerspruch: zum Beispiel „Queer“
Ja aber, gibt es jetzt eine Hintertür raus aus diesen performativen Akten? Oder gar die Möglichkeit, einen Akt des Widerspruches zu setzen? Dazu noch mal einen Schritt zurück zu der Frage, wie es das Schimpfwort „Queer“ z. B. in die Ränge akademischer Diskursproduktion geschafft hat?
Das System von männlicher/weiblicher Geschlechtsidentität reproduziert sich durch eine Praxis der Wiederholung von Geschichtlichkeit und der Zitatcharakter dieser performativen Äußerung der Geschlechtlichkeit versetzt die jeweiligen Geschlechter in die „angestammte“ Position. Diese Produktion von Geschlecht muss, um unantastbar zu bleiben, im Unbewussten, ja verschleiert bleiben. Im Gegenzug dazu bietet die bewusste Hervorbringung dieser Bezeichnungsakte für Butler eine Strategie des politischen Handels. Ein politisches Handeln, das möglich wird durch die Aneignung von Wiederholungspraxen, eine Fehlaneignung von Subjekten, denen eigentlich keine mächtige Position zugedacht wird. Der Begriff „Queer“ ist ein wunderbares Beispiel für eine relativ gelungene Praxis politischen Handelns. Relativ deswegen, weil ebenso wie Ideologie durch Wiederholung ihre Mächtigkeit inszenieren muss, darf auch die Intervention in dieses Bezeichnungssystem nicht zeitlich begrenzt werden. Im Gegenteil, werden doch oftmals im Sinne eines Turbokapitalismus diese Aneignungen assimiliert und entpolitisiert. Daher wachsam und aktiv bleiben. Im angloamerikanischen Raum wurde „Queer“ als ausschließlich verletzend gemeinte Benennung durch Fehlaneignungen entmachtet. Das englische Wort „Queer“ war und ist neben Bedeutungen wie seltsam, sonderbar, eigen, unwohl, ein Schimpfwort für Lesben, Schwule und Transgenders, eine als verletzend gemeinte Anrufung. Wiederum hat das Wort durch seine Geschichtlichkeit und durch seinen zitathaften Charakter eine Macht erlangt, ein Individuum als Subjekt zu konstituieren und zu unterwerfen. Die Aneignung dieses Wortes durch Lesben und Schwule hat jedoch diesen vormals klaren performativen Ausdruck gestört und eine Mehrdeutigkeit eingeführt, die die Macht des Ausdruckes stören und vielleicht eines Tages die verletzende Bedeutung sogar auflöst. Der Begriff „Queer“ hat Einzug in das akademische Feld gehalten, längst gibt es Queer Studies und Symposien, Queer Filmfestivals, etc. …
4. Die Dinge beim Namen nennen
Ideologie ruft ihre Subjekte an (nicht unbedingt telefonisch, außer es ist die Markt- und Meinungsforschung am Apparat). Louis Althusser hält in seinem Aufsatz Ideologie und ideologische Staatsapparate[4] fest, dass Ideologie Individuen als Subjekte anruft, sie als solche konstituiert. Diese Konstitution ist ebenso ein repetativer Vorgang und benötigt was Althusser „ideologische Wiedererkennungsrituale“ nennt. Wie sich der Vorgang der Anrufung von Subjekten durch die Ideologie vorstellen lässt, erklärt Althusser mit einem einfachen Beispiel: „Man kann sich diese Anrufung nach dem Muster der einfachen und alltäglichen Anrufung durch einen Polizisten vorstellen: ,He, Sie da!‘“ Durch das Umdrehen des angerufenen Individuums wird es zum Subjekt, wiedererkennt sich im Ritual. Aufgrund des transhistorischen Charakters der Ideologie im Allgemeinen hat diese immer schon Individuen als Subjekte angerufen. Beide, der Polizist, wie auch das angerufene Subjekt, tragen zum Ritual bei: „… das Individuum wird als (freies) Subjekt angerufen, damit es sich freiwillig den Anordnungen des Sub-jekts unterwirft, damit es also (freiwillig) seine Unterwerfung akzeptiert und folglich ,ganz von allein‘ die Gesten und Handlungen seiner Unterwerfung ,vollzieht‘. Es gibt Subjekte nur durch und für ihre Unterwerfung.“
5. Anwesenheit als Provokation
Festschreibungen durch und Interventionen in diese Bezeichnungspraxen funktionieren aber nicht nur über Sprechakte: Auch der Körper selbst ist Anlaufstelle für diese Praktiken und kann zum Spielball von Inszenierungen werden. Die Anwesenheit – z.B. im öffentlichen Raum – bestimmter (prekärer) Körper selbst ist oftmals schon Provokation. Verbale wie tätliche Übergriffe etwa einer schwarzen Bevölkerung gegenüber, rassistische Graffiti oder sexistische Belästigungen werden nicht durch vorausgehende Sprechakte ausgelöst, sondern durch die reine Anwesenheit, die einfache Existenz dieser Individuen hervorgerufen. Darin offenbaren sich struktureller Rassismus, Antisemitismus, Homophobie, etc. …, die durch die Wiederholung neu eingesetzt werden. Wiederholung (mit einem Twist, wie ich gerne zu sagen pflege) kann aber genau die oben angesprochene Unsichtbarmachung dieser Strukturen an die Oberfläche kehren. In einer früheren Arbeit[5] beschäftigte ich mich mit Butch-Femme Inszenierungen, die Art lesbischer Lebensweisen, die durch Re-Inszenierung heterosexistischer Normvorstellungen lesbische Sexualität erst sichtbar werden ließ. Butches, mit ihrem „männlichen“ Aufzug – Anzug, Krawatte, Kurzhaarschnitt – und mit den Femmes (brauch ich, glaub ich, nicht zu erwähnen, dass diese eine feminine Inszenierung bevorzugen), riefen im öffentlichen Raum als Paar vehemente Reaktionen hervor. Aber auch von feministischer Seite wurde ihnen vorgeworfen, nichts anderes als eine Kopie des heterosexistischen Originals zu sein. Teresa de Lauretis stellte jedoch in ihrem Artikel Sexual Indifference and Lesbian Representation[6] nicht von ungefähr fest, dass lesbisches Begehren im heterozentrischen Kontext erst durch die Aneignung der (männlichen) Codes sichtbar und zur Gefahr wird. Wie bedrohlich diese Aneignungen wirklich sind, zeigt der Kampf der österreichischen Transgender-Bewegung um das Recht auf freie Namenswahl. Will heute jemand seinen Vornamen von einem weiblichen in einen männlichen ändern, so müssen vorher alle Therapien sowie geschlechtsanpassende Operationen abgeschlossen werden. Vor diesem Zeitpunkt werden keine entsprechenden Papiere und Dokumente ausgestellt.
6. Die Wiederaneignung des Karnevals oder das anthropophagische Lachen
„Der Löwe wird aus assimiliertem Schaf gemacht“ – dieser Satz aus der brasilianischen anthropophagischen Literaturbewegung verweist auf die Möglichkeit der Zersetzung und der Aneignung von Bezeichnungssystemen. Der Karneval oder auch folkloristische Veranstaltungen sind an sich erwünschte, weil systemerhaltende Momente der Entlastung. Die Folklore erweist sich als gutes Vehikel, um migrantische Kulturarbeit und Kunstproduktion an den Ort des „Anderen“ zu verweisen. Immer mehr migrantische wie auch queere Aktionismen greifen aber den Karneval als Angriff auf die herrschende Hegemonie wieder auf und setzen performative Akte des Widerstandes. Affirmative Aneignungen zielen dabei direkt auf die Mechanismen unterdrückerischer Strukturen. Der Einsatz von Humor spielt dabei immer öfter eine tragende Rolle: Maiz, die autonome Migrantinnenorganisation in Linz, produzierte in der Vergangenheit diverse Materialien: Ob „Austria, we love you! Wir werden dich nie verlassen!“, ein Aufkleber, produziert anlässlich der Preisverleihung der Linzer Begegnungstage, oder jener Aufkleber der Scheidung und Migration in Verbindung brachte: „100% der Scheidungen beginnen mit einer Hochzeit – Heirate eine Migrantin!“ Auch Demonstrationen werden immer öfter zum Schauplatz performativer Interventionen: Radical Cheerleaders feuern nicht wie die Originale ihre Football-Mannschaft an, sondern tanzen und skandieren für und mit politischen Demonstrationen. So genannte Pink & Silver Aktionen und ihre taktische Frivolität zeigen mittels „Gender Trouble“ den Kontrast zwischen pulsierendem Leben und martialisch auftretende OrdnungshüterInnen. Der Antagonismus zwischen militanten PolizistInnen und schwarzen Blöcken wird que(e)r durchtanzt von Subjekten, die nicht in das polizeiliche Bild von radikalen Kundgebungen passen. Das Lachen frisst …
Marty Huber ist freie Dramaturgin, queere Aktivistin und Sprecherin der IG Kultur Österreich.
[1] Foucault, Michel: Sexualität und Wahrheit. Band I, Der Wille zum Wissen. Frankfurt/Main 1983 (Suhrkamp Verlag), S. 114.
[2] Butler, Judith: Haß spricht. Zur Politik des Performativen. Berlin 1998 (Berlin Verlag), S. 78.
[3] Austin, John L.: Zur Theorie der Sprechakte. (How to do things with Words). Stuttgart 1979 (Reclam Verlag).
[4] Althusser, Louis: Ideologie und ideologische Staatsapparate (Anmerkungen für eine Untersuchung) [kommentiert (D)], in: Althusser, Louis (Hg.): Ideologie und ideologische Staatsapparate: Aufsätze zur marxistischen Theorie. Hamburg/ Berlin 1977 (VSA), 108–153.
[5] Huber, Mart*: Lesbisches Theater. Diplomarbeit. Universität Wien, 1999.
[6] De Lauretis, Teresa: Sexual Indifference and Lesbian Representation. In: Sue-Ellen Case (Hg.): Performing Feminisms: Feminist Critical Theory and Theatre. Baltimore & London 1990 (Johns Hopkins), S. 17–39.